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ihm zu bleiben. Es ist dir doch nicht entgegen, sagte ich zu Arasambes, dass Timoteus in seiner Lection fortfahre? Der Mensch hatte die grösste Mühe, seine Freude hinter ein kaltes ganz und gar nicht zu verbergen. Unvermerkt klärte sich sein ganzes Wesen wieder auf; er setzte sich der Musik gegenüber auf den Sofa, sprach mit dem Meister, ohne ein Auge von der Schülerin zu verwenden, und bat ihn, den Gesang erst selbst vorzutragen, um aus der Art, wie Perisäne sich aus der Sache ziehen würde, desto besser von ihrem Sinn für die Musenkunst urteilen zu können. Ich machte mir indessen in einem anstossenden Cabinette zu tun, und bemerkte wie die Kolcherin, während dass Timoteus sang, ihre funkelnden Zauberaugen weidlich auf meinen Adonis arbeiten liess, der sich vermutlich der gelegenheit, nicht von mir gesehen werden zu können, mit eben so wenig Zurückhaltung bediente.

Das geheime Verständniss zwischen ihnen war nun angesponnen. Ich beschenkte Perisänen, um ihr meine Zufriedenheit zu zeigen, mit einem zierlichen Morgenanzug von der feinsten Art von Zeugen, welche die Persischen Kaufleute aus Indien holen. Arasambes fand sie am folgenden Morgen in diesem Anzuge bei meinem Putztische, und ich begegnete ihr vor seinen Augen mit einer so ausgezeichneten Vertraulichkeit, dass er sich schmeicheln konnte, ich würde alles, was er für meinen neuen Günstling täte, so aufnehmen als ob er bloss mir seine Aufmerksamkeit dadurch beweisen wolle. Arasambes biss getrost an die Angel. Seine leidenschaft wuchs nun mit jedem Tage schneller, und man murmelte schon im ganzen Palast davon, bevor er selbst vielleicht wusste, wie weit sie ihn führen könnte. Aber wer bei allem diesem mit gänzlicher Blindheit geschlagen zu sein schien, war deine Freundin Lais. Sie allein merkte nichts davon, dass sie sich törichter Weise mit schwerem Gelde eine gefährliche Nebenbuhlerin erkauft habe; ahnete so wenig davon, dass sie ihren Fall noch sogar beschleunigte, indem sie dem zärtlichen Perser, nach einem paar schwerfälligen Stunden, die er mit ihr zuzubringen genötiget war, den Vorschlag tat, den ihr der weise Aristipp unter den Fuss gegeben hatte. Arasambes machte, wie billig, einige Schwierigkeiten, musste sich aber, da er keinen Begriff davon hatte, wie man ihr etwas abschlagen könnte, endlich doch ergeben; zumal wie er hörte, dass sie ihre geliebte Perisäne zum Unterpfand ihrer Wiederkunft zurücklassen wolle, wofern sie sich versprechen dürfe, dass er das gute Kind in seinen Schutz nehmen werde; eine Bedingung, die er ihr in den gefälligsten Ausdrücken von der Welt zugestand.

Nicht wahr, Aristipp, das nennt man doch eine Sache mit guter Art machen? So zart und schonend pflegen Liebende bei euch Griechen einander nicht zu behandeln!

Meine Abreise von Sardes nach Milet wird nicht länger aufgeschoben werden als die nötigen Zurüstungen erfordern. Arasambes hat mir zu diesem Ende zehntausend Dariken, teils in Golde, teils in Anweisungen auf bekannte Häuser in Milet zustellen lassenein Reisegeld, das vielleicht den Argwohn bei dir erregen wird, als ob er nicht sehr auf meine Zurückkunft rechne.

Bevor ich schliesse, muss ich dir doch noch ein Bekenntniss tun, wiewohl ich vielleicht dadurch Gefahr laufe, etwas von deiner guten Meinung zu verlieren. Aber ich will nicht, dass du mich für etwas anderes haltest als ich bin. So höre denn an und denke davon was du kannst. Ob ich gleich die Schlinge, worin der gute Arasambes sich verfing, selbst gestrickt und gelegt hatte, so konnte sich doch mein Stolz mit dem Gedanken nicht vertragen, dass es ihm so leicht werden sollte sich von mir zu trennen. Ich beschloss also mich selbst dem Vergnügen einer kleinen Rache aufzuopfern, und den letzten Tag vor meiner Abreise zum glücklichsten unter allen zu machen, die er mit mir gelebt hatte. Es ist unnötig dir mehr davon zu sagen, als dass Arasambes vor diesem Tage keinen Begriff davon gehabt hatte, wie liebenswürdig deine Freundin sein könne, wenn sie Aphroditen ihren Gürtel abgeborgt hat. Was er in diesen letzten vierundzwanzig Stunden davon erfuhr, war es eben gewesen, wornach der arme Tantalus schon so lange gehungert und gedürstet hatte. Die kleine Perisäne schwand dahin, wie eine Nebelgestalt in der Sonne zerfliesst. Lais war ihm Cytere selbst, die ihren Adonis in den Hainen von Amatus beseligt. – So viel Bosheit hätte ich dir nicht zugetraut, sagst duWie, Aristipp? Siehst du nicht, wie interessant die Abschiedsscene dadurch werden musste, und was für Erinnerungen ich ihm für sein ganzes Leben zurückliess? – Arasambes konnte das freilich nicht sogleich zurecht legen, und stellte sich ein wenig ungebärdig. Der arme Mensch! was sagte und tat er nicht, um mich zum Bleiben zu bewegen! Aber er hatte nun einmal sein Wort gegeben, ich war reisefertig, meine Freunde in Griechenland erwarteten michKurz, ich siegle diesen Briefden du durch einen in Angelegenheiten des Königs nach Rhodus abgehenden Eilboten erhalten wirstund reise in einer Stunde ab.

13.

Aristipp an Kleonidas.

Ich fürchte, lieber Kleonidas, wir andern Weisheitsliebhaber sind, mit aller unsrer Freiheit von popularen Vorurteilen und Hirngespenstern, doch nur eine Art grosstuiger Poltrons, die, sobald sie dem Feinde unter die Augen sehen sollen, so gut zittern als andere, welche ihre wenige Herzhaftigkeit ehrlich eingestehen. Ich habe seit kurzem eine sonderbare Erfahrung hiervon gemacht. Du weisst, dass ich die Erzählungen von Gespenstern, die sich zu gesetzten Stunden an gewissen Orten sehen lassen, und von Verstorbenen