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Arasambes diesem Iynx nicht widerstehen wird. Kurz und gut, ich habe mir mit tausend blanken Dariken eine Nebenbuhlerin erkauft, die mir in kurzem die Wonne verschaffen soll, mein geliebtes Griechenland wieder zu sehen, und die herzerquickende Luft der Freiheit wieder zu atmen, ausser welcher ich nicht gedeihen kann. Das Mädchen scheint nicht über sechzehn Jahre alt, ist eine Griechin von Geburt und absichtlich für das Gynäceum irgend eines Persischen Satrapen erzogen; denn sie singt und spielt verschiedene Instrumente sehr gut, tanzt wie eine Nymphe, und weiss ihre grossen funkelnden Augen meisterlich zu regieren. Das ist aber auch alles. Indessen fehlt es ihr nicht an Anlage; sie besitzt ein trefflichesGedächtniss, und wenn sie noch etliche Duzend Lieder von Anakreon und Sappho und Korinna auswendig gelernt und einige Wochen mit meinen Grazien gelebt hat, soll sie es mit allen Timandren und Teodoten zu Aten aufnehmen können.

12.

Lais an Aristipp.

Mein Anschlag ist gelungen. Arasambes lässt sich gefallenAber ich eile vor lauter Freude mir selbst zuvor, und sage dir zuerst, was ich zuletzt sagen sollte. Die Sache verdient mit Herodotischer Umständlichkeit erzählt zu werden. Die schöne Perisäne (so nennt sich meine künftige Stellvertreterin) befand sich kaum ein paar Tage im inneren meines Gynäceums, als schon im ganzen Palaste von nichts als der Schönheit der neu gekauften Sklavin die Rede war. Viele hatten sie im Vorbeigehen gesehen, nur Arasambes konnte nicht zu diesem Glücke gelangen; denn in denjenigen von meinen Zimmern, in welche er zu allen zeiten einzugehen die Freiheit hat, war sie nie zum Vorschein gekommen, und er fand mich beim Morgenbesuch immer von meinen gewöhnlichen Aufwärterinnen umgeben. Nach einigen Tagen merkte ich, dass er so aussah, als suchte er etwas bei mir, das sich nicht finden lassen wollte; aber ich tat als ob ich nichts sähe, und der arme Mensch musste sein Anliegen endlich gern oder ungern zur Sprache bringen. – "Ich höre, liebe Lais, du hast eine sehr schöne Sklavin gekauft." – Eine Sklavin? sagte ich, als ob ich mich nicht gleich besinnen könne. – "Eine junge Griechin aus Kolchis" – Ach! diese? Eine Griechin darf keine Sklavin sein, Arasambes; ich habe sie bereits frei gelassen, und behalte sie nur so lange bei mir, als es ihr selbst bei mir gefällt. – "Ist sie wirklich so schön als man sagt?" Sie ist nicht übel; ein paar Medeenaugen, und die stimme einer Sirene. – "Es ist wenigstens etwas Neues. Könnte man sie nicht einmal zu hören bekommen?" – Sehr gern, zu hören und zu sehen, lieber Arasambes; ich denke nicht dass sie dir sehr gefährlich sein wird. – Du stellst dir vor, Aristipp, dass er mir etwas sehr Artiges erwiderte, und ich versprach ihm mit der zutraulichsten Miene, gleich diesen Abend eine Musik in meinem saal zu veranstalten, wobei sich die kleine Perisäne hören lassen sollte.

Alles ging nach Wunsche. Die Kolcherin erschien in einem zierlich einfachen Putz, eher zu viel als zu wenig eingewindelt, doch so, dass von der Eleganz ihrer Formen, wenigstens für die Einbildung wenig verloren ging. Sie schlug ihre grossen Augen jungfräulich nieder, errötete, und spielte die Verlegenheit, die ihrem Stand und Alter ziemt, mit vieler natur. Schon hatte sie ein paar Lieder von Anakreon gesungen, und auf etlichen Instrumenten mit eben so viel Anstand als Fertigkeit geklimpert, ohne dass sie mehr als zweioder dreimal einen schüchternen Versuch machte, die Augen halb aufzuschlagen, und unter den langen schwarzen Wimpern hervorzublinzen. Aber endlich wagte sie es, mitten in der feurigsten Stelle einer Sapphischen Ode ihren schönen Kopf zu erheben, und, nachdem sie die weit offnen Augen eine kleine Weile Blitz auf Blitz hatte herum schiessen lassen, heftete sie einen so seelenvollen durchdringenden blick auf Arasambes, dass er von Marmor hätte sein müssen, wenn dieser blick nicht, wie der schärfste Pfeil von Amors Bogen, in seiner Leber stecken geblieben wäre. Zwar wäre es jedem andern, als mir, kaum möglich gewesen, eine Veränderung an ihm wahrzunehmen, so gut weiss er (wie alle Perser von stand) in Gegenwart anderer Personen das Aeusserliche einer vornehmen Unempfindlichkeit zu behaupten. Aber ich war ihm zu nahe und beobachtete ihn zu scharf, um mich durch den kalten einsylbigen Beifall, den er der schönen Sängerin erteilte, und am wenigsten durch die ungewöhnliche Lustigkeit, die er nach Endigung der Musik den ganzen Abend über heuchelte, irre machen zu lassen. Am folgenden Tage war keine Rede mehr von der Kolcherin; auch am zweiten und dritten nicht. Arasambes kam alle Augenblicke auf mein Zimmer, bald zu sehen wie ich mich befinde, bald mir einen Blumenstrauss zu bringen, bald mich über etwas um Rat zu fragen, bald etwas zu holen, das er hatte liegen lassen. Eine seltsame Lebhaftigkeit trieb ihn von einem Ort zum andern; er war zerstreut, hatte immer etwas zu fragen, und hörte selten was ihm geantwortet wurde. Am vierten Tage fing diese Unruhe an, uns beiden peinlich zu werden. Es war hohe Zeit, alles mit guter Art so einzurichten, dass er den berühmten Tonkünstler Timoteus (den ich vor einiger Zeit von Milet nach Sardes hatte kommen lassen) in meinem Zimmer antraf, beschäftigt die junge Perisäne einen neuen Dityramben von seiner Composition singen zu lehren. Der Meister wollte sich zurückziehen, als Arasambes herein trat; aber ich winkte