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währen sollte, ich behielte keinen ehrlichen Blutstropfen im leib!

O mein Aristipp! was für glückliche zeiten waren das, wo wir in der Rosenlaube zu Aegina, dem Altar der Freundschaft gegenüber, beisammen sassen, und mit freier unbefangener Seele über tausend Dinge philosophirten, die uns im grund wenig kümmerten, und wenn uns nichts mehr einfallen wollte, die Lücke mit Scherzen und Tändeln ausfüllten, und ohne uns das Wie? und Warum? und Wie viel oder Wie wenig? anfechten zu lassen, einander gerade so glücklich machten, als jedes zu sein wünschte und fähig war! – Welch eine grosse Wahrheit sagt Sophokles in seiner Antigone:

"Wär' auch dein ganzes Haus mit Reichtum angefüllt,

Und lebtest du in königlichem Prunke,

Fehlt Frohsinn dir dabei, so gäb' ich nicht

Den Schatten eines Rauchs um alles das!"

Wahr! wahr! Und wusst' ich es nicht vorher? Wozu hatte ich nötig, mich durch eigene Erfahrung davon zu versichern? – Freilich, ich war eine Törin! Aber die kürzesten Torheiten sind die besten. Mute mir also nicht zu, dass ich es hier länger aushalte. Nein, Trauter! meine Entschliessung ist genommen, und dass ich nicht gleich auf der Stelle davon laufe, hängt bloss an einer einzigen Schwierigkeit. Du weisst, ich mag alles gern mit guter Art tun. Arasambes hat nichts als Gutes um mich verdient. Er selbst muss unsre Trennung wünschen, muss mir noch Dank dafür wissen, wenn ich meiner Wege gehe. Diess auf eine feine und ungezwungene Art herbeizuführen, ist, so wie die Sachen jetzt stehen, keine leichte Aufgabe. Ich habe zwar ein ganz artiges Plänchen in meinem kopf; nur das Mittel zur Ausführung liegt noch im Schoosse der Götter. Aber, wie gesagt, meine Geduld reicht nicht mehr weit; und wenn der Zufall, der bei allen menschlichen Dingen doch immer das Beste tun muss, sich meiner nicht bald annimmt, so stehe ich dir nicht dafür, dass ich nicht, in einem Anstoss von guter Laune, dem edlen Arasambes den Antrag mache, nach Leukadia28 mit mir zu reisen, und Hand in Hand den berüchtigten Sprung mit mir zu wagen, der uns beide, ihn von seiner nie befriedigten Liebe, mich von der Last sie zu dulden und nicht erwiedern zu können, auf Einmal befreien würde.

10.

Aristipp an Lais.

Du wärest wahrscheinlich die erste, schöne Lais, die den Sprung von Leukadia täte, um eine Glückseligkeit los zu werden, wegen welcher du von allen Schönen Griechenlands beneidet wirst. Hoffentlich soll es dazu nicht kommen, wenn anders die leidenschaft des königlichen Arasambes nicht von einer so unzerstörbaren natur ist, dass alle Mittel sich hassen zu machen, die ein reizendes Weib in ihrer Gewalt hat, an ihm verloren gehen sollten. Du würdest mich billig auslachen, wenn ich mir herausnähme, den Delphin (wie das Sprüchwort sagt) schwimmen zu lehren, und dir einige dieser Mittel vorzuschlagen, die ich für unfehlbar halte! Ich sehe wohl, es liegt nicht daran, dass du sie nicht kennen solltest, du kannst dich nur nicht entschliessen Gebrauch davon zu machen; und freilich wär' es eine seltsame Zumutung, von dir zu verlangen, dass du weniger liebenswürdig sein solltest, weil ein anderer das Unglück hat, dir mit seiner Liebe beschwerlich zu sein. Doch getrost, meine Freundin, ich sehe das Ende deiner unerhörten Leiden schneller, als du hoffest, heran rücken. Wäre die Schwärmerei, womit der arme Arasambes behaftet ist, wechselseitig gewesen, so würde sie sich wie alles Uebermässige, schon lang' erschöpft haben. Bloss der Umstand, dass ihm immer noch so viel zu wünschen übrig bleibt, und dass du ihn immer ahnen lässest, du hättest noch weit mehr zu geben, ist die Ursache, dass seine leidenschaft gerade durch das, was andre Liebhaber gewöhnlich abkühlt, immer heisser werden muss. So lang' er noch hoffen kann, dich endlich eben so warm zu machen als er selbst ist, verdoppelt er seine Bemühungen; wenn er aber alles versucht hat ohne seinem Ziele näher gekommen zu sein, was bleibt ihm übrig? Er muss und wird endlich, vielleicht ohne sich's gestehen zu wollen, ermüden. Du wirst immer zerstreuter und kaltsinniger, er, dem deine leisesten Bewegungen nicht entgehen, immer unruhiger und missmutiger werden. Er wird es unnatürlich finden, dass so unendlich viel Liebe dich nicht endlich überwältigen könne, und wird nicht aufhören, die Ursache davon ergründen zu wollen. Unvermerkt wird eine Eifersucht sich seiner bemächtigen, die desto peinlicher für ihn sein wird, da sie keinen Gegenstand hat, und du selbst, deiner vorsetzlichen Langweiligkeit unbeschadet, immer eine heitre Stirne zeigst, alles vermeidest, was Verdacht in ihm erregen könnte, und alles tust, was dein Verlangen ihm gefällig zu sein beweisen kann. Du tanzest so oft und so lang' er will; singst, sobald er es zu wünschen scheint, ohne dich einen Augenblick bitten zu lassen; kleidest und putzest dich immer nach seinem Geschmack, und bedankst dich für einen Phönix29, den er mit schweren Kosten aus Panchaia für dich kommen lässt, eben so artig als für einen Blumenstrauss aus seinen Gärten; kurz, du tust alles, was ein Mann nach einer zwanzigjährigen Ehe von der gutartigsten Hausfrau nur immer erwarten kann. Wenn er diese Diät länger als sechs Wochen aushält, so nenne mich den unwissendsten aller Menschen! Nun versuch' es