in weniger als zehn Jahren einen Crösus20 zum Irus21 machen könnte. Dass sie eine so betrübte Katastrophe nicht abwarten wird, bin ich gewiss, oder ich müsste sie schlecht kennen. Indessen nimmt mich's doch Wunder, was das Spiel für einen Ausgang nehmen wird.
8.
Aristipp an Kleonidas.
Ich rechne es der schönen und guten Musarion zu keinem kleinen Verdienst an, dass es ihr, wie du mir schreibst, so wohl in Cyrene gefällt; nicht, als ob es mir an kindlicher Liebe zu meiner Vaterstadt so sehr gebräche, dass ich von allem, was zu ihrem Lobe gesagt werden kann, auch nur ein Leucippisches Sonnenstäubchen22 abgehen lassen wollte! Aber wir haben Aten und Korint und Syrakus und Milet und Ephesus gesehen; und blühete nicht Musarion in den Zaubergärten der Lais zu Aegina auf? Wahrlich, wenn sie die Gärten der Hesperiden um Cyrene zu sehen glaubt, und die Aussicht vom Altan ihres Hauses in die unendlichen Kornfelder und mit lauter Silphium23 bedeckten Anhöhen um Cyrene so reizend findet, so kann ich wohl schwerlich irren, wenn ich es einer Ursache beimesse, welche sogar die kahlen Felsen von Seriphos an der Seite ihres Kleonidas zur Insel der Kalypso24 für sie machen würde.
Warum hat doch die natur diesen zarten Liebessinn, der sich auf Einen Gegenstand beschränken und in dessen Glückseligkeit seine eigne höchste Befriedigung finden kann, nicht auch unsrer schönen Freundin Lais eingepflanzt? – Eine närrische Frage, ich gesteh' es – denn da wäre sie nicht Lais – Aber, wenn ich mir vorstelle, dass ein so herrliches Weib, aller Wahrscheinlichkeit nach, in der zweiten Hälfte ihres Lebens nicht glücklich sein wird: so kann ich mich dennoch des Wunsches nicht erwehren, dass es möglich sein möchte, die sanfte, genügsame, liebende Seele unsrer Musarion zu haben, und doch Lais zu sein. Ich sehe voraus, dass der fürstliche Arasambes das Glück worauf er stolz ist, das schönste Weib des Erdbodens zu besitzen, teurer bezahlen wird als er gerechnet hat. Ich meine damit nicht, dass er seine Schätze verschwendet, um alle ihre Tage zu Festen zu machen; das rechnet er selbst für nichts. Aber wenn er sehen wird, dass er es, mit allem was er für sie tut, nicht in seine Macht bekommt, die, die ihn unendlich glücklich machen würde wenn sie es selbst wäre, in eben dieselbe Täuschung zu versetzen, in welcher er, so lang' er sie für Wahrheit hielt, sich den Göttern gleich fühlte; wenn er sehen wird, dass diese Zaubrerin, die alles was ihre Augen erreichen in Flammen setzt, selbst, gleich dem Salamander mitten im Feuer kalt bleibt, und dass der Mann, der sich ihr ganz aufopfert, wie liebenswürdig er auch sein mag, doch immer einen alle seine Beeifrungen vereitelnden Nebenbuhler in ihr selbst finden wird: was muss die natürliche Folge einer solchen Entdeckung sein? Und wie lange glaubst du, dass die stolze Lais auch nur die ersten Symptomen der Eifersucht, den stillen Missmut, die geheime Unruhe und die halberstickten Seufzer eines unbefriedigten Liebhabers ertragen wird?
Ihre ersten Briefe von Sardes waren freilich von der besten Vorbedeutung, und hätten mich, wenn ich sie nicht genauer kennte, beinahe überreden können, dass es dem schönen Perser gelungen sei, eine glückliche Veränderung in ihrem inneren zu bewirken. Die Neuheit des Schauplatzes, auf dem sie im Glanz einer Königin auftrat; das schmeichelnde Gefühl sich von jedem, der ihr nahen durfte, als die sichtbar gewordene Göttin der Schönheit angebetet zu sehen; eine ununterbrochene Folge von Festen, deren immer eines das andere auslöschte; die Macht über die Schätze ihres Liebhabers nach Gefallen zu gebieten; die fliegende Eile, womit jeder ihrer Winke befolgt, jeder ihrer leisesten Wünsche ausgeführt wurde; und (was vielleicht noch stärker als diess alles auf sie wirkte) der Anblick der schwärmerischen Wonnetrunkenheit des glücklichen Arasambes, die ihr Werk war, und, weil sie ihr das schmeichelhafteste Selbstgefühl gab, den Willen in ihr hervorbrachte, ihn in der Tat so glücklich zu machen als es in ihrem unerschöpflichen Vermögen steht: wie hätte nicht alles diess auch sie in eine Art von Berauschung setzen sollen, die der gute Arasambes für Liebe hielt, und sie selbst vielleicht eine Zeit lang dafür halten mochte? Aber was mir mein Herz schon lange weissagte, scheint bereits erfolgt zu sein. Der magische Taumel ist vorüber; das alltäglich Gewordene rührt sie nicht mehr; sie hat alles, was tausend andre – Matronen25 und Hetären – mit Tantalischer Begierlichkeit wünschen oder verfolgen, und nie erreichen werden, bis zur Sättigung genossen; ihr unbefriedigter Geist verlangt neue unbekannte Gegenstände, wünscht vielleicht sogar die alten zurück, die aus dem Medeen-Kessel der Phantasie, aufgefrischt und in jugendlichem Glanze, vor ihr aufsteigen. In dieser Stimmung dürfte sich ihr der Gedanke, dass Arasambes sie als sein Eigentum betrachte, nur von ferne zeigen, sie wäre fähig ihn und alles zu verlassen und nach Korint zurückzukommen, bloss um sich selbst zu beweisen, dass sie frei sei.
Mein verhältnis zu dieser seltenen Frau war vom ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft an so einzig in seiner Art, als sie selbst. Wir gefielen einander, und gleiteten in sympatetischer Unbefangenheit, auf dem sanften Strom einer leisen Ahnung dessen was wir einander sein könnten, still und sorglos dahin. Nie, oder doch nie länger als eine leichte Berauschung in Wein von Lesbos dauert, habe ich das, was man leidenschaftliche Liebe nennt, für sie gefühlt