vieljährigen Freundes des weisesten aller Menschen würdig: aber dass er es so vollständig in seiner eigenen person darstellt, dabei könnte sich doch wohl, ihm selbst unbemerkt, etwas Poesie eingemischt haben. Oder wollen wir es ihm etwa gut schreiben, dass er sich so ganz unverhohlen zu der Sokratischen Schwachheit, – in vollem Ernst an Zeus Meilichios15 und Hercules Hegemon16 zu glauben, bekennt, und uns mit der Treuherzigkeit eines Böotischen Bäuerleins seine Träume und noch manche andere Dinge erzählt, die er seiner Urgrossmutter nachzusagen hätte erröten sollen? Ich musste laut auflachen, wie ich im vierten buch las, was geschehen sei, da sie eines Tages auf ihrem beschwerlichen Marsche über die Karduchischen Berge, bei einem äusserst heftigen und schneidenden Nordwind, der ihnen mit vollen Backen ins Gesicht blies, sich durch Ellen tiefen Schnee so mühselig durcharbeiten mussten, dass viele Menschen und Tiere dabei verloren gingen. "Da hiess uns einer von den Wahrsagern dem Wind' ein Opfer schlachten," sagt Xenophon mit einer Einfalt, die man für Sokratische Ironie halten müsste, wenn er nicht unmittelbar darauf mit dem gläubigsten Ernst hinzusetzte: "es wurde also geopfert, und es däuchte allen, dass die Strenge des Windes nachgelassen habe." – Doch dieses Geschichtchen liesse allenfalls noch eine leidliche Erklärung zu. Der Gott Boreas, der zu Aten und an mehrern Orten Griechenlands einen Altar hat, wird vorzüglich von den Arkadiern zu Megalopolis verehrt; und beinahe der dritte teil des Heers bestand aus Arkadiern. Der Einfall des Wahrsagers, den Zorn dieses Gottes durch ein Opfer zu besänftigen, war also nichts weniger als unverständig, da er dazu diente, den Mut des gemeinen Mannes wieder zu beleben, und die Wut des Windes, falls sie indessen nicht etwa von selbst nachliess, wenigstens durch die Kraft des Glaubens zu dämpfen. Das letztere scheint auch der Fall gewesen zu sein; denn Xenophon sagt nicht, der Wind habe wirklich nachgelassen, sondern nur, sie hätten alle geglaubt er lasse zusehends nach. Schwerer dürfte es sein, den Menschenverstand unsers Sokratischen Kriegshelden mit seinem überschwänglichen Glauben an die Hieroskopie17 zu vereinigen. In der Tat treibt er diese Schwachheit so weit, dass man oft lieber an seiner Aufrichtigkeit zweifeln, und seine seltsame Beharrlichkeit, sich alle Augenblicke in den Eingeweiden der Opfertiere, mit dem blindesten Vertrauen auf ihre Entscheidung, Rates zu erholen, für einen Kunstgriff halten möchte, eine aus so vielerlei verschiedenen Griechischen Staaten gezogene, über den schlechten Erfolg ihrer grossen Erwartungen missmutige, widerspänstige, misstrauische, und immer zum Aufstand bereite Mannschaft (wie die Zehntausend sich in dieser ganzen geschichte beweisen) desto leichter beisammen und in einiger Subordination zu erhalten. Aber man sieht sich alle Augenblicke genötigt, diese Vermutung wieder aufzugeben, so häufig sind die Beispiele, wo, ohne die Voraussetzung dass er an diese Art von Divination in vollem Ernst geglaubt habe, entweder sein Betragen schlechterdings unbegreiflich wäre, oder wo sich nicht der mindeste Beweggrund ersinnen lässt, warum er vernünftigen Lesern seines buches die Gesundheit seines Verstandes durch eine ohne allen Zweck vorgegebene Deisidämonie18 hätte verdächtig machen wollen. Das Sonderbarste bei der Sache ist, dass er in diesem Aberglauben viel weiter geht als sein Meister selbst, dessen Ansehen sonst so viel bei ihm gilt. Sokrates wollte, dass man nur in Fällen, wo das Orakel der Vernunft verstummt, seine Zuflucht zu den Opferlebern oder zu den Hexametern der Pytia nehmen sollte; Xenophon hingegen sagt zu seinen versammelten Soldaten: "Ich berate mich, wie ihr seht, aus den Opfereingeweiden so oft und viel ich nur immer kann, so wohl für euch als für mich selbst, damit ich nichts reden, denken noch tun möge, als was euch und mir das Rühmlichste und beste ist." – Konnte und musste ihm nicht, wenigstens in den meisten Fällen, seine Vernunft die sicherste Auskunft hierüber geben? Du wirst mir vielleicht sagen: dieser seltsamen Schwachheit ungeachtet hat sich Xenophon bei diesem Rückzug als einen der verständigsten, geschicktesten und tapfersten Kriegsobersten bewiesen, die jemals gewesen sind. – Aber würde er diess, ohne eine so lächerliche Grille, weniger, oder nicht vielmehr in einem noch höhern Grade gewesen sein? Bei allem dem gestehe ich gern, dass Xenophon, ein wenig Sokratische Pedanterie abgerechnet, der polirteste, sittlichste und für alle Lagen und Verhältnisse des öffentlichen und Privatlebens tauglichste Mann nicht nur unter allen Sokratikern, sondern vielleicht unter allen Griechen, so wie er noch jetzt, in einem Alter von mehr als funfzig Jahren, einer der schönsten ist; und ich kann ihm diess um so zuversichtlicher nachsagen, da ich ihn hier zu Milet mehr als Einmal im Gefolge des Agesilaus gesehen und gesprochen habe. Dieser König von Sparta scheint im Begriff zu sein, das, was du von einer sehr möglichen Folge des Rückzugs der Zehntausend geweissagt hast, wahr zu machen. Aber der böse Dämon der Griechen ist mit den Schutzgöttern Persiens im geheimen Einverständniss; oder, ohne Figuren zu reden, ihre Zwietracht und Eifersucht über einander, die seit dem Trojanischen Kriege die Quelle alles ihres Unglücks war, wird auch diessmal die Sicherheit des Perserreichs sein, und es so lange bleiben, bis sich in Griechenland selbst ein König erhebt, der vor allen Dingen der Unabhängigkeit aller dieser kleinen Republiken ein Ende macht, welche sich ihrer Freiheit so schlecht zu ihrem eigenen Besten zu bedienen wissen. Dieser König wird über lang oder kurz wie ein Gewitter über sie her fallen, und wer weiss, ob er nicht in Sicilien oder Tessalien oder Macedonien schon