nach meiner Schätzung dem Geringern nichts. Bei einer solchen Anlage war es natürlich, dass die bewundernswürdige Gleichmütigkeit, wozu es mein edler Lehrer Sokrates mit einem vielleicht nicht so lenksamen Temperamente gebracht hatte, einen so starken Eindruck auf mich machte, dass ich mir vornahm, mich öfters, auch ohne besondere Veranlassung, in Bezwingung meiner Begierden und Schwichtigung meiner Wünsche zu üben. Kurz, ich machte mir zur Maxime: mich in allem mit dem Guten in jedem leidlichen Grade zu behelfen, ohne hartnäckig auf dem Besten zu bestehen; und ich befinde mich bei dieser Mässigung so wohl, dass ich meine Diät einem jeden anraten möchte, der es mit sich selbst so gut meint, dass er um grössere Unlust zu vermeiden, lieber weniger Vergnügen haben, als Gefahr laufen will, einen Platz an der Göttertafel mit der Strafe des Tantalus zu bezahlen. Dadurch gewinne ich den Vorteil, dass ich mich auch bei Nektar und Ambrosia bescheiden aufführe, und daher nie in den Fall kommen kann, meinen Uebermut so streng wie jener Göttersohn zu büssen.
Diess heisst viel über sich selbst philosophirt! Brauche davon was du kannst, und fahre fort, mir mitzuteilen, was du mir gut findest.
Es war ein herrlicher Gedanke, Lieber, den du hattest, die schöne Lais unter zwei so entgegengesetzten und beide doch so gut passenden Charaktern darzustellen. Du würdest dich mir durch eine Copei von deiner eigenen Hand unendlich verbinden, wär' es auch nur von den beiden einzelnen Figuren. Vermutlich setzt dein persischer Freund seine Hoffnung auf die gefälligere Gestalt, wiewohl er seine Göttin unter beiden anbetet. Gewiss ist schwerlich jemals ein schönes Weib so gleich geschickt gewesen, beide Personen zu spielen, und sich selbst, sobald sie will, durch sich selbst auszulöschen. Ein gefährliches Talent, welches zu missbrauchen sie, glücklicherweise, keine Anlage hat. Indessen werde ich sie doch nie aus den Augen verlieren, um auf den Fall, da sie eines Freundes bedürfte, immer bei der Hand zu sein; denn auf dem schönen, breiten und kurzweiligen Wege, den sie geht, nicht zu verirren, ist schwerer als sie zu glauben scheint.
3.
Lais an Aristipp.
Kleonidas hat dir das Neueste aus Milet bereits zu wissen getan. Eine freundliche Persische Perise5 (damit du doch siehest, dass ich durch meinen neuen Anbeter schon ein wenig gelehrter geworden bin) hat mir einen Liebhaber bis vom Euphrates her zugeschickt; und welch einen Liebhaber! schön wie ein Medier, liebenswürdig wie ein Grieche, und beinahe so reich wie Midas und Crösus! Denn was wir armen Griechen tausend Drachmen nennen, ist ihm eine Hand voll Obolen; und wie ich nötig fand, seiner übermässigen Freigebigkeit mit aller Strenge einer Gebieterin Einhalt zu tun, verwunderte sich der hoffärtige Mensch, dass ich solche Kleinigkeiten meiner Aufmerksamkeit würdigen möge. Wirklich scheint er eines so grossen Massstabs gewohnt zu sein, dass er Geschenke, die einer Königin dargebracht werden dürften, für Kleinigkeiten ansieht, und sich daher ihrentwegen weder zu der mindesten Freiheit, noch zu Erwartung einer grösseren gefälligkeit von meiner Seite, berechtigt glaubt. Das sticht nun freilich von der ökonomischen Manier der Söhne Deukalions6, mit ihren Geliebten bei Drachmen und Obolen abzurechnen, gewaltig ab, und tut dem edlen Achämeniden7, wie du leicht erachten kannst, keinen Schaden bei mir. – Kurz, lieber Aristipp, dieser Arasambes ist ein sehr guterziger und umgänglicher Barbar8, und es ahnet mir zuweilen, ich werde noch in starke Versuchungen kommen, zu vergessen, dass ich eine Griechin bin, und die Entführung der schönen Helena an allen Asiaten zu rächen habe. Die einzige morgenländische Unart, die ihm ankleben mag, scheint ein ziemlicher Ansatz zur Eifersucht zu sein, und diess wäre auch das einzige, das mich zurückschrecken könnte. Wenn er nicht so viel Zutrauen zu mir fassen kann, sich auf mein Wort ohne Riegel und Hüter sicher zu glauben, so brech' ich ab, lass' ihm alle seine Geschenke wieder zustellen, und fahre mit dem ersten guten Winde nach Korint zurück.
Mein Plan mit Musarion und Kleonidas ist zu seiner Reife gediehen; sie ist seiner Wert; und wiewohl er bisher (wenn wahre Liebe sich verhehlen liesse) ihr selbst und der ganzen Welt ein geheimnis aus dem wahren Namen seiner zärtlichen Freundschaft zu ihr gemacht hat, so bin ich doch völlig gewiss, dass ich durch das Band, das ich zwischen ihnen zu knüpfen im Begriff bin, den feurigsten seiner Wünsche befriedige.
Du, mein weiser Freund, liegst noch immer zu Samos den meteorischen Dingen9 mit so grossem Eifer ob, dass ich Bedenken tragen sollte, dich mit den Puppenspielen, die uns Kindern der Erde so wichtig scheinen, in deinen erhabenen Anschauungen zu stören. Wie hoch du dich aber auch immer, selbst über die Jupitersburg und das luftige Wolkenkuckucksheim deines Freundes Aristophanes erheben magst, so denke ich doch meine Ansprüche an deine Freundschaft so leicht nicht aufzugeben, und schmeichle mir hinwieder, dass alle Pytagorischen Zahlen, Cirkel und Dreiecke nicht vermögend sein sollen, deine Anadyomene immer aus deiner Erinnerung zu verdrängen.
4.
Kleonidas an Aristipp.
Freue dich meines Glücks mit mir, Aristipp! Musarion, meine Musarion – – das war sie, meinen Gefühlen und Wünschen nach, schon beim ersten blick; aber, da mir die Absichten ihrer grossmütigen Vormünderin mit ihr unbekannt waren, und ich es für unedel hielt, ihre Zuneigung verstohlnerweise zu gewinnen, verschloss ich meine Wünsche in meinen Busen, und hielt mich