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einen so hellen, von Vorurteilen und Wahnbegriffen so gereinigten Verstand, und einen so feinen Sinn für die rechte Art mit allen Gattungen von Menschen umzugehen, zu finden; und doch däucht mich (wenn ich diess ohne Schein eines törichten Dünkels gestehen darf) ich sehe zuweilen eine gewisse Beschränkteit in seiner Vorstellungsart, die mir bloss daher zu kommen scheint, dass er sich unvermerkt angewöhnt hat, Aten, den Mittelpunkt seiner eigenen Tätigkeit, für den Mittelpunkt der Welt, und was ausser Aten ist, keiner sonderlichen Aufmerksamkeit wert zu halten. Ob ich mich hierin irre, darüber werde ich vielleicht in der Folge gelegenheit finden, dich selbst zum Richter zu machen.

Um mir beim Erforschen dieses in seiner Art so ganz einzigen Mannes viele Zeit und manchen Fehlschluss zu ersparen, habe ich mir Mühe gegeben, über seine Lebensgeschichte so viele und so zuverlässige Erkundigungen einzuziehen als mir nur immer möglich war.

Sein Vater Sophroniskus war ein Steinmetz, und seine Mutter Phänarete die geschickteste und ihres Charakters wegen geschätzteste Hebamme ihrer Zeit in Aten. Er scheint sich auf diese Mutter etwas zu gute zu tun; denn er liebt ihrer bei gelegenheit öfters zu erwähnen, und soll einst, da ihm über sein Talent junge Leute zu bilden ein Compliment gemacht wurde, in seiner gewohnten Manier Ernst in Scherz einzukleiden, zur Antwort gegeben haben: es ist ein Erbstück von meiner Mutter; meine ganze Kunst besteht in einer gewissen Geschicklichkeit die Entbindung schwangerer Seelen zu befördern.51 Die Frucht die ans Tageslicht kommen soll, muss freilich schon lebendig, gesund und wohlgestaltet in der Seele verborgen liegen, und alles was ich bei der Geburt tun kann, ist, ihr leicht und mit guter Art herauszuhelfen. Personen, die seine Eltern gekannt haben, versicherten mich, dass er äusserlich seinem Vater, und dem Gemüt und der Sinnesart nach seiner Mutter sehr ähnlich sei.

Sophroniskus tat an seinem Sohnewas er konnte; er gab ihm die gewöhnliche Erziehung aller jungen Atener jener Zeit, die du aus der Scene der beiden Streitähne, Dikäos und Adikos Logos52, in den berüchtigten Wolken des Aristophanes kennst. Der junge Sokrates lernte bei einem Schulhalter vom gewöhnlichen Schlage den Homer und Hesiod, wo nicht verstehen, wenigstens fertig lesen; von einem Singmeister auf der Citer klimpern und alte Lieder nach alten Weisen singen; und übte sich übrigens fleissig im Wettlaufen, Ringen und Fechten auf der Palästra. Der Vater, um seiner Pflicht (nach einem bekannten gesetz Solons) volle Genüge zu tun, lehrte ihn seine eigene Kunst; die Mutter, welche bei zeiten merkte, an diesem Sohn etwas mehr als einen künftigen Steinhauer geboren zu haben, wollte wenigstens einen Bildhauer aus ihm werden sehen; und so wurde er, ich weiss nicht welchem damaligen Meister dieser Kunst, in die Lehre gegeben. Es scheint nicht dass er selbst eine besondre Anlage oder Neigung zu ihr in sich gefühlt habe; indessen bracht' er es doch darin auf einen gewissen Grad; machte bis über sein dreissigstes Jahr seine hauptsächlichste Beschäftigung daraus, und fertigte binnen dieser Zeit unter andern arbeiten verschiedene Statuen, wovon die meisten in einem Landhause seines Freundes Kriton zu sehen sind, der sich viele Mühe gegeben hat, so viele derselben zusammenzubringen, als für Geld zu haben waren. Ich habe sie gesehen, und da ich auch die Werke des Polyklet und Phidias gesehen habe, so darf ich dir ohne Scheu bekennen, dass Sokrates, dessen wahre Bestimmung war der weiseste und beste unter den Weisen und Guten seiner Zeit zu sein, schwerlich weder der erste noch der zweite, noch der dritte unter den Bildhauern seiner Zeit geworden wäre. Indessen zeichnet sich doch unter seinen Versuchen in der Kunst eine Gruppe der Grazien aus, an welcher er wirklich mit Liebe und unter dem Einfluss der holdseligen Töchter Jupiters gearbeitet zu haben scheint; man sieht, dass ihm Pindars σεμναι Χαριτες, παντων ταμιαι εργων εν ουρανη53 wirklich erschienen, und

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dass er im Bestreben, die Ideale, die seiner Seele vorschwebten, im Marmor festzuhalten, vielleicht noch mehr geleistet hätte, wenn er weniger hätte leisten wollen. Denn das einzige was an diesen Grazien auszusetzen ist, und was jedem der sie sieht auffällt, ist dass sie gar zu ehrwürdig sind.

Dem besagten Kriton hat es Griechenland zu danken, dass es sich unter seinen Heroen aller Art auch eines Sokrates rühmen kann; ohne ihn wäre dieser wahrscheinlich Bildhauer geblieben, und die reinste sittliche Gestalt, in welcher die Humanität je der Welt persönlich im wirklichen Leben sichtbar geworden ist, würde wo nicht unentüllt, doch auf ewig mit dem Schleier der Unbekannteit und Vergessenheit bedeckt geblieben sein. Kriton, noch jetzt der erste, so wie der älteste unter den Freunden des Sokrates, dem er an Alter etliche Jahre vorgeht, ist in den Augen aller, die ihn kennen und Menschenwert zu schätzen wissen, einer der Edelsten, die dieses an vortrefflichen Männern fruchtbare Land seit Deukalion und Pyrrha hervorgebracht hat. Glücklicher Weise ist er auch einer der wohlhabendsten Atener, und im Gebrauch seines ansehnlichen Vermögens so grossmütig und freigebig als der berühmte Cimon, ja selbst auf eine noch verdienstlichere Weise, da kein Verdacht auf ihn fallen kann, dass ein ehrsüchtiges Streben nach Volksgunst oder irgend eine andere unlautere Absicht den mindesten Einfluss auf seine Freigebigkeit habe. Zufälliger Weise (wie man, vielleicht sehr uneigentlich, zu sagen pflegt) kam er in die Werkstatt des alten Sophroniskus, als der Sohn die erwähnte Graziengruppe eben vollendet hatte. Er betrachtete das Werk und den Werkmeister mit