lege, schenkt er einen Perlenschmuck, der zwanzig Attische Talente3 wert ist, mit einer Miene weg, als ob es eine vergoldete Haarnadel wäre, und bloss dadurch zu etwas werde, wenn sie es anzunehmen würdige; aber er treibt es in dieser grossen Manier so weit, dass unsre Freundin für nötig hielt, ihm zu erklären, dass sie unter keiner Bedingung weder kleine noch grosse Geschenke mehr von ihm annehmen würde. Du weisst, in welchem Grade die Zauberin es in ihrer Gewalt hat, selbst dem Verwegensten diese Art von zurückschauernder Ehrfurcht zu gebieten, wovon man beim Eintritt in das heilige Dunkel eines berühmten Tempels oder Hains unfreiwillig befallen wird. Arasambes, der sie wirklich bis zur Anbetung liebt, fühlt sich durch diese abergläubische Scheu noch mehr als andre durchdrungen, und bedarf daher eines Vertrauten um so mehr, da die ungewohnte Zurückhaltung seiner leidenschaft ein peinlicher Zustand ist, den er nicht sehr lange ausdauern könnte. Dieser Vertraute, mein Freund – bin ich selbst, und höre, wie ich dazu gekommen bin. Bald nach meiner Zurückkunft nach Milet geriet ich auf den Einfall, das berühmte allegorische Mährchen vom Prodikus, den Hercules auf dem Scheidewege, in zwei Seitenstücken zu malen; so dass Lais in dem einen die Tugend, in dem andern die Wollust vorstellt, und (wie du bereits erraten hast) der junge Göttersohn im einen der Erstern, im andern ihrer reizenden Gegnerin die Hand reicht. Ich arbeitete mit Liebe an diesen Bildern, aber so geheim, dass sogar Musarion nichts davon gewahr ward. Als sie vollendet waren, fügte sich's, dass mein Perser (der schon vorher eine besondere Zuneigung auf mich geworfen hatte, und die Kunst liebt) in meine Werkstatt kam, und über die beiden Bilder in ein solches Entzücken geriet, dass ich mich genötigt sah, sie ihm zu überlassen, nachdem ich ihn mit vieler Mühe dahin gebracht, von der Hälfte des Preises, den er selbst darauf setzte, abzustehen. Von dieser Zeit an hat er mich zum Vertrauten und Vermittler seiner leidenschaft gemacht, und da Tyche4 in ihrer freigebigsten Laune unsrer verschwenderischen Freundin nichts Angemess'neres hätte zuschicken können als einen solchen Liebhaber; so hoffe ich mein Geschäft zu beider Teile Zufriedenheit bald und glücklich zu Ende zu bringen.
Wenn ich mich nicht sehr an dir irre, lieber Aristipp, so wirst du dich in diess alles wie ein weiser Mann fügen, und mit einer Freundschaft, die dir immer ein beneidenswertes Vorrecht vorbehalten wird, sehr wohl vorlieb nehmen können.
2.
Aristipp an Kleonidas.
Die Nachrichten, die du mir von unsrer Freundin mitteilst, stimmen zu gut in meine üppigsten Wünsche für ihr Glück, als dass sie mir nicht grosse Freude gemacht haben sollten. Die Liebe eines solchen Mannes, wie dein Perser, ist das einzige ihrer nicht ganz unwürdige Mittel, ihre gewohnte Lebensart immer fortzuführen, insofern sie nur von sich erhalten kann, ihrer grossherzigen Verachtung des verächtlichsten und schätzbarsten, unentbehrlichsten und unbrauchbarsten aller sublunarischen Dinge einige Schranken zu setzen, und nur so viel Oekonomie in ihr Hauswesen zu bringen, als der grosse König selbst nötig hat, wenn er mit seinen Einkünften auslangen will. Dass sie den prächtigen Vogel nicht eher, als bis es ihr selbst gefällt, aus ihrem goldnen Käfig entlassen, und hingegen fleissig dafür sorgen wird, ihre eigene person von den verhassten Gesetzen der morgenländischen Gynäceen frei zu erhalten, bin ich zu gewiss, als dass sie hierüber meines Rates bedürfte. Es bleibt mir also nichts übrig, als mich ihres Glückes zu freuen, und zu wünschen, dass sie es recht lange dauern lasse.
Du urteilst sehr richtig von mir, Freund Kleonidas, wenn du mich der Narrheit, die Sonne für mich allein behalten zu wollen, unfähig glaubst. Eben so wenig soll es, wie ich hoffe, jemals in die Macht einer person oder einer Sache, die ich liebe, kommen, sich mir in einem so hohen Grade wichtig zu machen, dass ich ihrer nicht ohne Verlust meiner Gemütsruhe entbehren könnte. Ich liebte die schöne Lais beim ersten Anblick, weil sie mir gefiel; und sie gefiel mir aus eben der Ursache, warum mir irgend etwas gefällt, und desto mehr, je mehr sie zugleich die Summe meiner feineren Gefühle vermehrte, und meinen Geist in die angenehmste Tätigkeit setzte. In allem diesem ist mir's, denke ich, wie jedem andern Menschen. Aber was ich vor meinem unbekannten Freund Arasambes und vielen andern voraus habe, ist: dass die schöne Lais selbst mit allen ihren Vollkommenheiten für mich kein unentbehrliches, geschweige mein höchstes Gut ist. Ich habe Augen für alle ihre Vorzüge, Sinn für alle ihre Reize; sie ist mir alles, was sie einem mann von Verstand und Gefühl sein kann; aber sie vermag (einzelne Augenblicke vielleicht ausgenommen) wenig oder nichts über meine Freiheit; ich verlasse sie ohne mich losreissen zu müssen, sogar wenn sie lieber sähe dass ich bliebe; ich komme mit dem lebhaftesten Vergnügen wieder, und scheide zum zweiten, dritten und viertenmal, immer durch den Gedanken des Widersehens wohl getröstet und im Gleichgewicht erhalten. Indessen würde ich mich selbst belachen, wenn ich mir desswegen viel auf meine Weisheit zu Gute tun wollte. Du weisst dass ich mit einem Frohsinn, der an Leichtsinn gränzt, geboren bin; ich fühle mehr schnell und lebhaft als tief; ich habe Sinn für alles Schöne und Gute, ohne Affectation einer besonderen Zarteit, und das Schönere und Bessere benimmt