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, in unserm kopf zusammen zu ordnen, und ein Ganzes daraus zu machen, überlässt er uns selbst. Dass diess eben nicht schlechterdings unmöglich sei, hat Graf Caylus durch eine der ehmaligen Académie des Belles Lettres vorgelegte und von einem gewissen Le Lorrain in Kupfer geätzte Zeichnung bewiesen. (S. Descript. de deux Tableaux de Polygnote etc. im dreizehnten Bande der Histoire de l'Acad. Roy. des Inscr. et B.L. p. 54 der DuodezAusgabe.) Indessen hat Pausanias sein Möglichstes getan, uns über den Punkt, woran uns jetzt am meisten gelegen ist, wo nicht gänzlich irre zu führen, doch wenigstens ungewiss zu machen, und bei vielen den Gedanken zu veranlassen, weil er von der malerischen Anordnung und der hierin bewiesenen Kunst des Meisters kein Wort sagt, so müsse es wohl dem Gemälde selbst daran gefehlt haben. Aber diesen Schluss kann oder sollte doch niemand machen, der sich aus dem ganzen Werke des Pausanias handgreiflich überzeugen könnte, dass es unmöglich ist weniger Sinn für die Kunst zu haben als er, und dass alle Werke der bildenden Künste, in deren Aufsuchung, Beaugenscheinigung und Beschreibung er so sorgfältig und mühsam war, ihn nur insofern interessirten, als sie ihm zu dem, was zugleich sein Hauptstudium und sein Steckenpferd war, zu mytologischen, antiquarischen, topographischen, chronologischen, genealogischen, kurz zu allen möglichen Arten von historischen Anmerkungen und Untersuchungen gelegenheit gaben. Diess muss (seinen übrigen Verdiensten unbeschadet) als Wahrheit anerkannt werden, oder wir würden genötigt sein, uns auch von dem Olympischen Jupiter des Phidias, seiner kalten, platten, genie- und gefühllosen Beschreibung zufolge, einen ganz andern Begriff zu machen als wozu uns alle andern Schriftsteller des Altertums, die dieses erhabenen Kunstwerks erwähnen, berechtigen. Uebrigens werde ich mit niemand hadern, der sich selbst begreiflich machen kann, wie Polygnot jene zwei von Pausanias detaillirten Gemälde ohne einige, obgleich noch sehr unvollkommene perspectivische Ordonnanz und Haltung der Gruppen, in welche die ungeheure Menge von Figuren notwendig verteilt sein mussten, habe zu stand bringen können. Ich sage bloss: waren diese grossen Compositionen des Polygnotus das, was sie, nach dem Begriff, den ich mir aus Xenophon und Plinius von diesem Künstler mache, sein konnten, und (wofern sie nicht ein kindisches Gemengsel über, unter und neben einander geklecks'ter isolirter Figuren waren) sein mussten: so dürfte wohl gegen die Möglichkeit, dass Parrhasius, ein jüngerer und grösserer Meister als Polygnotein Werk, wie das von Aristipp in diesem Briefe (nur mit etwas mehr Kunstgefühl, als Pausanias zeigt) beschriebene Gemälde habe aufstellen können, wenig Erhebliches einzuwenden sein. Denn, wofern er, wie kein Zweifel ist, einer von jenen summis pictoribus, formarum varietate locos distinguentibus war (Cicero de Orat. II. 87.), so müsste es nicht natürlich zugegangen sein, wenn er nicht so viel Menschenverstand, Augenmass und Kunstfertigkeit besessen hätte, als dazu erfordert wird, den Markt zu Aten, auf einer Tafel von gehöriger Grösse, ohne Verwirrung und Unnatur mit allen von Aristipp angegebenen Figuren und Gruppen auszufüllen. Und mehr verlangen wir nicht von ihm. W. 109 Eine fehlerhafte Redefigur bei den alten Grammatikern, wenn ein Wort auf eine ungewöhnliche und auffallende Art gegen seine wahre Bedeutung genommen wird. (Die notwendigen, und daher nicht zu tadelnden Katachresen, wovon Quinctilian spricht, gehören eigentlich nicht in diese Rubrik, und sollten billig einen andern Namen haben.) W.

32. Brief.

110 In einer Anmerkung zu dem schon öfter erwähnten Sokratischen Dialog, den man hier etwas persiflirt zu sehen sehr begreiflich finden wird, sagt Wieland: das Wort Liebe sollte nie so sehr missbraucht und herabgewürdigt werden, um die oft sehr unsittliche Befriedigung eines Triebes zu verschleiern, für welchen, sobald er von dem reinen Zweck der natur getrennt wird, keine Sprache ein anständiges Wort hat. Da der Name Aphrodite, für Venus, allen deutschen Lesern bekannt ist, so däucht mich, es geschehe durch den Ausdruck Aphrodisische Befriedigungen der Pflicht, sich dem Leser verständlich zu machen, ein hinlängliches Genüge, und es werde zugleich die höhere Pflicht beobachtet, ungleichartige Dinge nicht mit einander zu vermengen, und einem Worte, das den schönsten und edelsten Affect der menschlichen Seele zu bezeichnen bestimmt ist, durch einen, obgleich wohlgemeinen Missbrauch eine so leicht vermeidliche Zweideutigkeit zuzuziehen. Ein ausländischen Wort, insofern es nur verständlich genug und überhaupt so beschaffen ist, dass es unter gesitteten Menschen gehört werden kann, dünkt mich hiezu immer das schicklichste. 111 Aristophanes verspottet öfters die von Euripides in Bettlerlumpen und überhaupt höchst lamentabel aufgeführten Könige. 112 Antistenes war in dem Flecken Piräum zu haus, der zu dem Attischen Hafen gleiches Namens gehörte, und grösstenteils von Handwerkern, die der Schiffsbau beschäftigte, Matrosen, Fischern und andern zur untersten klasse des Atenischen Volkes gerechneten Leuten bewohnt wurde. Diess erklärt, was Aristipp unter Piräischem Salz im Gegensatz mit Attischem zu verstehen scheint. W.

34. Brief.

113 Was Plutarch am Schlusse seines Alcibiades von dieser Timandra sagt, passt sehr gut zu der vorteilhaften Schilderung, welche unser Aristipp von ihr macht. Dass sie aber (wie eben dieser Autor im Vorbeigehen als etwas Ungewisses erwähnt, der Scholiast des Aristophanes aber, wenn anders Epimandra nicht die rechte Lesart ist, positiv versichert) die Mutter der Lais von Hykkara gewesen, scheint dadurch schon hinlänglich widerlegt zu sein, dass Timandra in diesem Falle wenigstens über vierzig Jahre