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das beide zusammenschlinge, durch ihn kennen zu lernen hoffte. Er schien mit dem was ich ihm sagte nicht unzufrieden, und ich denke, so muss einem Liebhaber, der von seiner Geliebten scheiden muss, zu Mute sein, wie mir's war, da ich mich von diesem zauberischen alten Mann entfernte.

Ich habe mir, so nah als möglich an dem Häuschen des Sokrates, eine kleine wohnung bei einem ehrsamen Bürger gemietet, der einer von den fünf bis sechstausend Richtern dieser processreichen Republik45 ist, und da er wenig Vermögen hat, und (nach hiesiger Bürgersitte) zu vornehm ist ein Handwerk zu treiben, ohne sein tägliches Triobolon46 mit seiner zahlreichen Familie sehr kümmerlich leben müsste. Da vielleicht zwei Drittel der Attischen Bürger sich in dem nämlichen Falle befinden, so erklärt sich daraus, warum du in dieser Republik, worin das Volk der Gesetzgeber ist, unter drei bis vier Bürgern immer unfehlbar einen Richter, nämlich ein Mitglied der zehn grossen Gerichtshöfe dieser wundervollen Republik findest, und warum alles darauf angelegt ist, das Processfieber, womit die Atener sammt und sondersden Sokrates und etliche seiner Freunde ausgenommenbehaftet sind, zu nähren und unheilbar zu machen. Das Leben eines Attischen Bürgers ist ein immerwährender Rechtsstreit, und, die Festtage abgerechnet, vergeht kein Tag im ganzen Jahr, dass er nicht entweder als Richter oder als Partei, oder als Anwald oder als Zeuge, mit einem Rechtshandel beschäftigt ist. Wer diesem Uebel abhelfen wollte, würde dem grössten teil der Atener ihr tägliches Brot entziehen. Vermutlich ist diess auch die wahre Ursache, warum eine unbeschreibliche Geläufigkeit der Zunge (sie nennen's Stomylie) und eine gewisse angeborne Wohlredenheit und Begierde sich selbst reden zu hören, ein so allgemeiner Charakterzug dieses über allen Begriff lebhaften Volkes ist.

Du wirst dich, wie ich sehe, schon daran gewöhnen müssen, lieber Kleonidas, dass ich nicht lange in meinem Wege fortgehen kann, ohne bald auf diesen bald auf jenen Gegenstand zu stossen, der mich zu einer kleinern oder grösseren Abschweifung verleitet. Insofern ich dir nur keine Langeweile mache, wird es dir übrigens gleichviel sein, was für einen Weg ich dich führe, da meine Briefe blosse Spaziergänge für dich sind.

Ich denke meinem Vorsatz, eine Zeitlang auf dem Sokratischen Fuss, d.i. ein wenig armselig zu leben (wiewohl mich der letzte Brief meines Vaters auf einmal um fünfhundert Minen reicher gemacht hat) so lange getreu zu bleibenals ich es aushalten kann. Bis hierher geht es noch gut. In der Tat für einen Kosmopoliten ist nichts notwendiger, als auf alle Fälle mit zwei bis drei Obolen des Tages auskommen zu können, wiewohl es zu müssen vielleicht nie mein Fall sein wird.

Ich sehe und höre den Sokrates alle Tage, und habe, ausser seinen Freunden oder eigentlichen Anhängern, noch wenig Bekanntschaften gemacht; doch soll auch diess mit der Zeit anders werden. Für jetzt ist mein Hauptzweck, den merkwürdigsten aller Menschen so lange zu beobachten und zu studiren, bis ich ihn ganz zu kennen und zu verstehen glaube.

Ein einzigesmal habe ich in dieser Zeit mit Sokrates einem grossen Gastmahl bei einem Atenischen Kalokagatos47 von der ersten klasse beigewohnt; wo einem Cyrener die Mischung von Ueppigkeit und Pracht mit übel verhehlter Armut und Knauserei nicht anders als auffallend sein musste. Reich scheinen zu wollen, so wie überhaupt mehr zu scheinen als sie sind, ist eines der charakteristischen Erbübel der Cekropiden48; dafür, dass niemand mehr reich sei, haben die Spartaner gesorgt, und es wird eine Reihe von Jahren dazu gehören, bis Aten sich von den Folgen ihres misslungenen Anschlags auf Sicilien, und des so unglücklich für sie ausgefallenen Peloponnesischen Verheerungskrieges erholt haben wird.

Sokrates galt ehmals für einen sehr angenehmen Tischgesellschafter, und viele der vornehmsten Atener würden ein festliches Gastmahl für unvollständig gehalten haben, wenn Sokrates dabei gefehlt hätte. Jetzt pflegt er eine solche Einladung nur selten anzunehmen. Ziemlich oft hingegen geschieht es, dass seine Freunde Abends in seinem haus speisen, indem jeder sein Gericht hinschickt; eine in Aten gewöhnliche und meines Erachtens sehr nachahmungswürdige Art, den Abend in auserlesener Gesellschaft ohne Belästigung des Hauswirts zuzubringen; vorausgesetzt, dass das Höchste was eine Schüssel kosten darf, durch gemeinschaftliche Abrede nach einem sehr frugalen Massstabe bestimmt sei. Diese kleinen freundschaftlichen Symposien49 sind durch die genialische Art, wie Sokrates Ernst und Scherz bald abzuwechseln bald in einander zu schmelzen weiss, für mich wenigstens, die unterhaltendste und sogar die lehrreichste Zeit, die ich in seiner Gesellschaft zubringe.

7.

An Ebendenselben.

Ich finde je länger je mehr, wie falsch der Begriff ist, den man sich im Auslande von Sokrates macht, indem man ihn für einen Philosophen oder Sophisten50 von Profession und das Haupt einer eigenen Schule hält. Er ist, wiewohl er vielerlei Kenntnisse besitzt, kein eigentlicher Gelehrter, und ob er gleich ein sehr weiser und kluger Mann ist, weder das, was man einen Philosophen noch was man einen Staatsmann zu nennen pflegt; oder, richtiger zu reden, seine Weisheit und Klugheit war es eben, was ihn abhielt sich aus dem einen oder dem andern dieser Qualitäten eine Lebensart zu machen. Er ist ein zu edler und guter Mensch um ein blosser Bürger von Aten, und gleichwohl zu sehr Bürger von Aten um ein ächter Weltbürger zu sein. Man erstaunt, bei einem mann, der (wenn man ein Paar Feldzüge ausnimmt) nie aus Aten gekommen ist, einen solchen Umfang von Welt- und Menschenkenntniss,