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Sokrates gesehen haben, wiewohl die grosse Verschiedenheit ihrer Sinnesart, und der Umstand, dass Xenophon damals schon ein Mann von funfzig Jahren war, und überhaupt einen ganz andern Weg im Leben ging als immer fremd und gleichgültig geblieben; nur mit dem Unterschied, dass dieser Mangel an Sympatie Aristippen nicht verhinderte, dem Xenophon bei jeder gelegenheit Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, dieser hingegen in mehr als einer Stelle der Memorabilien eine Abneigung gegen jenen verrät, die sogar der Billigkeit Abbruch tut, welche man sonst in seiner Art, selbst von sehr tadelhaften Menschen zu urteilen, wahrnehmen kann.

9. Brief.

58 Die Wielandische Uebersetzung dieser Komödie des Aristophanes s. in dem Attischen Museum Bd. 2. – An die nun auch erschienene Vossische darf ich wohl nicht erst erinnern. 59 Fünf Jahre vor Sokrates auf der Insel Kos geboren, ein Pytagorischer Philosoph, schrieb erst in seinem Alter Komödien, deren 52 von ihm aufgezählt werden. Man kennt aus ihnen nur noch mehrere Sittensprüche, und es lässt sich freilich erwarten, dass ein Phytagoräer nicht in den uns so anstössigen Ton der übrigen Komiker Atens werde eingestimmt haben. Solcher Sittensprüche führt Sokrates dem Aristipp selbst, in einem Gespräch mit demselben, einige an. 60 K r a t i n u s , E u p o l i s – Zwei, mit Aristophanes gleichzeitige Komiker, der erste viel älter, aber selbst einem Aristophanes als Gegner furchtbar; der zweite jüngere scheint mit ihm in gutem Vernehmen gestanden, und ihm sogar in Einigem Beistand geleistet zu haben. über sie und überhaupt über die Attischen komische Bühne muss man nachlesen A.W. Schlegels Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur Bd. 1. S. 268 fgg., und Kanngiesser: die alte komische Bühne in Aten. 61 Eine Art ausserordentliches Gericht, worin das versammelte Atenische Volk einen Bürger, dessen Gegenwart und Einfluss sie der Republik für schädlich hielten, auf eine bestimmte oder unbestimmte Zeit des Landes verwiesen; übrigens seiner Ehre und seinem Vermögen unpräjudicirlich. W. 62 Helia hiess ein öffentliches Gebäude zu Aten, wo das höchste Gericht über Staatshändel und Staatsverbrechen, gewöhnlich aus 500, in wichtigen Angelegenheiten aus 1000, 1500 bis 2000, auch wohl aus noch mehr tausend Bürgern bestehend, seine Sitzungen hielt. Diese Richter hiessen daher Heliasten. Sie wurden jedesmal ad hoc erwählt, und ihre Anzahl hing von dem Gutbefinden der sechs untersten Archonten ab. W. 63 Die 50 Glieder des Senats der 500 zu Aten, welche 36 Tage lang das Präsidium führten, und während dieser Zeit, da sie den geheimen Rat der Republik ausmachten, im Prytaneion auf Kosten des staates beköstiget wurden. W. 64 Die besonderen Umstände dieser Anekdote sind in Xenophons Sokratischen Denkwürdigkeiten, im zweiten Kapitel des vierten buches, ausführlich zu lesen. W. 65 Menschen, deren Stamm das Land, wo sie wohnen, von jeher innegehabt, und also gleichsam von selbst, wie die Bäume, aus dem Erdboden hervorgewachsen war. Die Bewohner von Attika wussten sich viel damit, solche Autochtonen zu sein. W. 66 Anspielung auf den Charakter, welchen Aristophanes in seinen Rittern dem unter dem Namen Demos personificirten souveränen Pöbel zu Aten beigelegt, besonders auf die Verse im ersten Act, welche ich für diejenigen, die das Original selbst nicht lesen können, aus meiner Uebersetzung (im zweiten Buch des Attischen Museums) hierher setze. Demostenes und Nikias sagen den Zuschauern:

Uns beiden ward ein ziemlich seltsamer

Patron zu teil, ein sauertöpfischer

Viel Galle macht, auch etwas übel hört,

Kurz, ein gewisser Demos aus dem Pnyx,

Ein grilliger, griesgräm'ger, alter Kauz.

67 Diess bezieht sich auf die Nachricht des Grammatikers, der den Inhalt der Wolken abgefasst hat, dass Aristophanes von des Sokrates nachmaligen Anklägern Anytus und Melitus gedungen worden sei, diess Stück zu schreiben. 68 Die Atener wollten neun Heerführer, weil sie die in der Seeschlacht bei Arginussä gebliebenen Bürger nicht aufgesucht und begraben hatten, zum tod verurteilen. Diesem ungerechten Ausspruch widersetzte sich der einzige Sokrates mit unerschütterlichem Mute, trotz aller Drohungen der Ankläger sowohl als des volkes, ihn selbst vor Gericht zu ziehen.

über den in diesem Briefe verhandelten Gegenstand hatte Wieland früher im Attischen Museum eine besondre Abhandlung geliefert: Versuch über die Frage: ob und inwiefern Aristophanes gegen den Vorwurf, den Sokrates in den Wolken persönlich misshandelt zu haben, gerechtfertigt oder entschuldigt werden könne? (Bd. 3. S. 57–100) Gegen Wielands hierin gefälltes Urteil über Aristophanes hatte sich der Herdem ästetischarchäologischen Wörterbuch, und konnte Wielanden zufälliger Weise diess erst zeigen, als es abgedruckt war. "Habe ich, sagte er, diess alles gesagt, so hatten Sie Recht, es zu bestreiten: mir ist aber, als hätte ich ziemlich dasselbe gesagt, was Sie gegen mich geltend machen." Nach etlichen Tagen gab er mir die Nachricht, dass ihm die Sache keine Ruhe gelassen habe, und wies mir nun diesen, von mir übersehenen, Brief Aristipps nach; ich liess hierauf ein Blatt umdrucken. – Was die Sache betrifft, so hätte noch angeführt werden müssen, dass ja auch andere Komiker vor Aristophanes schon den Sokrates auf die Bühne gebracht hatten, und darüber ist nachzusehen Kanngiesser a.a.O. zu Ende.

10. Brief.

69 Er scheint sogar nicht ohne Anlage zu Schwärmerei gewesen zu sein, da er zuweilen in Entzückungen geriet, worin er sich seiner selbst nicht bewusst war. – über das von Wieland