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türmen. Alles, was für einen Menschen in seinem dermaligen Leben (dem einzigen, das er kennt) gut ist, ist zur rechten Zeit, am rechten Ort, im rechten Mass, und recht gebraucht, für den Augenblick das Höchste; für den unsterblichen Menschen gibt es kein Höchstes als das Unendliche. Weiter, schöne Laiska, habe ich's bis jetzt nicht bringen können, und ich zweifle nicht, dass viel daran fehlt, dass meine Antwort deinen Sophisten und Phrontisten genug tun sollte. Was mich selbst betrifft, ich habe nie nach hohen Dingen, geschweige nach dem Höchsten, getrachtet; und dafür haben mir die Götter immer reichlich mehr gegeben, als ich zu begehren gewagt hätte. Von allen ihren Gaben die reichste ist, dass sie mich mit dir zu gleicher Zeit geboren werden liessen, mich mit dir zusammen brachten, und in der Stunde, da du mir deine Freundschaft schenktest, mich auf mein ganzes Leben zu einem der glücklichsten Sterblichen weihten. Müsst' ich nicht Adrasteien190 zu erzürnen fürchten, wenn ich meine Wünsche noch höher zu treiben versuchen wollte?

Anmerkungen zum ersten Band.

Wieland hat zur Charakteristik Aristipps ein doppeltes Motto aus Horaz gewählt, das erste aus einem Brief an Scäva (Epp. I. 17, 23.): Gleich gut stand Aristippen, wie jegliche Farbe, das

Glück an;

Höher hinauf gern strebt' er, und dem, was begegnete,

fügsam.

Voss.

Das zweite aus einem Brief an Mäcenas (Epp. I. 1, 18.), welches Wieland selbst so übersetzte:

Und statt mich selbst den Dingen

Zu unterwerfen, sehe' ich wie ich's mache,

Sie unter mich zu kriegen.

Ein Auszug aus Wielands Anmerkungen (S. 59–50) dazu wird hier gewiss zweckmässig als Einleitung dienen.

Die Philosophie, als die Kunst zu leben, heisst es, wurde bei den Griechen gleich andern schönen Künsten behandelt; sie hatte ihre Meister und schulen wie die Bildnerei und Malerei. Sokrates machte zwar selbst keine Secteeben weil er Sokrates war: aber alle nach ihm entstandenen philosophischen schulen und Secten wurden von irgend einem der Seinigen gestiftet oder veranlasst. Plato, der berühmteste unter seinen Anhängern, stiftete die Akademie, Aristoteles, der grösste Kopf unter Platons Schülern, das Lyceum. Aristipp machte sich zwar sein eigenes System, aber kann so wenig als Sokrates für das Haupt einer Schule gehalten werden, wiewohl man ihn dazu gemacht hat.A1 Antistenes wurde der Vater einer Secte, die mit dem wenig rühmlichen Namen der Hündischen (Cyniker) sich gleichwohl in einiges Ansehen zu setzen wusste, und unter den Philosophen das war, was die Franciscaner unter den Mönchen. Hundert Jahre nach Sokrates tod wurden Zeno und Epikur, indem jener die Weltbürgerschaft des Antistenes, dieser den Egoismus des Aristippos zu rectificiren suchte, die Stifter zweier neuen schulen, welche in kurzem über alle übrigen hervorragten, aber in allen ihren Begriffen und grundsätzen Antipoden warender Epikurischen und der Stoischen.

Von dem eigentlichen System des Aristippus wissen wir nur sehr wenig Zuverlässiges; denn seine Schriften sind verloren gegangen, und von den sogenannten Cyrenäern, seinen angeblichen Nachfolgern, lässt sich kein sicherer Schluss auf ihn selbst machen. In dem, was Diogenes Laërtius von ihm zusammengestoppelt hat, sind die Anekdoten und Bonsmots das Beste, wiewohl darunter einige von verdächtigem Schlage vorkommen. Aber, wenn wir auch nichts von ihm wüssten, als was uns Horaz sagt: so würde diess, mit etlichen Zügen, die sich im Cicero, Plutarch und Atenäus finden, schon hinlänglich sein, uns von der Denkart dieses Philosophen, der so wenig dazu gemacht war, gute Nachahmer zu haben, einen ziemlich reinen Begriff geben. Der Grund seiner ganzen Philosophie scheint folgendes Raisonnement gewesen zu sein. Der Mensch weiss nichts gewisser als dass er ist, denn diess fühlt er; und eben diess Gefühl sagt ihm alle Augenblicke, was er ist, nämlich ein Wesen, dessen Existenz eine Kette von angenehmen oder unangenehmen Empfindungen ist, die ihm entweder von aussenher kommen, oder die es sich selbst macht. Aus jenen erkennt er zwar, dass eine unendliche Menge von Dingen ausser ihm sind; aber was diese Dinge für sich selbst sind, weiss er nicht; und da es ihn im grund nichts angeht, so soll er sich auch nichts darum kümmern. Aber was er gewiss weiss, weil er's fühlt, ist: dass ihm diese Dinge geradezu Lust oder Unlust machen, teils gelegenheit geben, dass er sich selbst ihrentwegen plagt. Das letztere zu vermeiden, hängt sehr von seinem Willen oder doch von seiner Weisheit ab; denn seine Einbildungen und Leidenschaften sind in ihm selbst, und er kann also, wenn er will und es recht angreift, sehr wohl Meister über sie werden. Was die Dinge ausser ihm betrifft, so mag er (wenn er kann) diejenigen vermeiden, die ihm Unlust machen, und diejenigen suchen, die ihm wohltun. Kann er aber jene nicht vermeiden, ohne sich grössrer Unlust auszusetzen, so duldet er, wenn er weise ist, das kleinere Uebel um des grösseren Guten willen; und eben so unterlässt er lieber ein Vergnügen zu suchen, wenn er weiss, oder sehr wahrscheinlich vermuten kann, dass es mit mehr Unlust verbunden sei als das Gute daran wert ist. Unvermeidliche Uebel erleichtert er sich durch Geduld; alles Angenehme aber geniesst er, wenn es gleich mit einiger geringen Unlust verbunden ist;