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Kleidung dienen. Andere finden wir an den Ufern grosser Seen beschäftigt, mit Angelruten oder Netzen dem wasser einen oft kärglichen Unterhalt abzuverdienen. Wieder andere bringen unter mildern Himmelsstrichen ihr Leben mit Viehzucht und Hütung ihrer Heerden hin; und noch andere, genötigt die geringere Freigebigkeit der natur durch strenge Arbeit zu ersetzen, sehen wir mit den ersten Anfängen des Ackerbaues, der Gärtnerei, der Baukunst und Schifffahrt beschäftigt. Alle diese verschiedenen Menschengeschlechter leben in einer Art von tierischer Freiheit, mehr oder weniger armselig, oft kümmerlich, aber wenn sie nur notdürftig zu leben haben, mit ihrem Zustande zufrieden, weil sie keinen bessern kennen.

Was meinst du nun, dass diese Jäger, Fischer, Hirten und Pflanzer, die sich noch glücklich preisen, wenn sie mit mühseliger Anstrengung aller ihrer Kräfte sich des notdürftigsten Unterhalts für einige Tage oder Monate versichern können, was meinst du, dass sie sich für eine Vorstellung von dem höchsten Gute machen? Frage sie, und du wirst hören, dass ihre üppigsten Wünsche nicht über eine glückliche Bärenjagd, einen starken Fischzug, die Verdopplung ihrer Heerden, und eine reichliche Ernte hinausgehen; und erschiene ihnen ein Gott, der es in ihre Wahl stellte, was sie von ihm erbitten wollten, weder ihre Einbildungskraft noch ihre Vernunft würde sie weiter führen, als zu der hohen Glückseligkeit ihr Leben lang ohne Mühe, Gefahr und Arbeitdie Forderungen ihres Magens befriedigen zu können.

Diese Naturmenschen machen indess, wiewohl sie vielleicht den grössten teil des Erdbodens einnehmen, den kleinsten des Menschengeschlechts aus. Der weit grössere lebt in bürgerlicher Gesellschaft, wenige in Freistaaten, wo anfangs die Not, in der Folge das Verlangen nach Wohlstand, Reichtum und Ansehen, unter dem belebenden Einfluss einer durch weise gesetz zugleich begünstigten und eingeschränkten Freiheit, alle Arten von Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten, Leibes- und Geistes-Uebungen, Handarbeiten, Künste und Wissenschaften hervorgebracht, und zum teil auf eine bewundernswürdige Höhe getrieben hat. Diese über ein grosses Stück von Asien und Europa und die nördliche Küste von Libyen verbreiteten, mehr oder weniger ausgebildeten Menschen scheinen, beim ersten Ueberblick, sich zu jenen rohen Kindern der natur wie die Götter zu den Menschen zu verhalten: forschen wir aber genauer nach, so werden wir uns bald überzeugen, dass unter einer Myriade policirter Menschen neuntausend sind, die sich überhaupt viel weniger glücklich, ja oft viel unglücklicher fühlen oder wähnen, als jene nackten Waldmänner, Troglodyten187 und Ichtyiophagen188. Denn bei weitem die grössere Zahl lebt in Armut und Mangel an allen Bequemlichkeiten; geniesst wenig oder nichts von den Früchten des anscheinenden Wohlstands und Reichtums des staates; muss, um einer kleinen Anzahl üppiger Müssiggänger ein prachtvolles und wollüstiges Leben zu verschaffen, über Vermögen arbeiten, und sich oft schlechter nähren als die Wilden, und, damit an ihrem Elend nichts fehle, geduldig zusehen, wie die Müssiggänger sich auf ihre Unkosten wohl sein lassen. Nun frage ich dich abermal: was dünkt dich dass für die neunzighundert Teile der policirten Menschheit nach ihrer eigenen Schätzung, das höchste Gut sein werde? Wir wollen sie selbst nicht fragen; denn sie sind nicht unverdorben genug, uns, wie ihre Brüder in den Wäldern des Atlas, Kaukasus und Imaus, die wahre Antwort zu geben. Aber rechne darauf, dass sie sich von keiner höhern Glückseligkeit träumen lassen, als täglich zu leben wie die Freier der Penelope, oder die Höflinge des Alcinous in der Odyssee, und, wie diese, aller Arbeit überhoben zu sein. Grobe sinnliche Befriedigungen bei nie abnehmender Gesundheit und Stärke, und ein müssiges sorgenfreies Leben, diess ist's was sie sich als das höchste Gut denken, und höher gehen weder ihre Wünsche, noch ihre dermalige Empfänglichkeit. Und warum nicht? da unter den übrigen schwerlich zehn vom Hundert sind, in deren Busen, wenn Prometeus nicht vergessen hätte ihn durchsichtig zu machen, wir nicht eben dieselben Wünsche, nur mehr oder weniger verfeinert und auf alle ihre Leidenschaften ausgedehnt, erblicken würden. Wenigstens lässt mich, was ich über diesen Punkt bisher wahrgenommen habe, nichts anders glauben. Sinnlichkeit ist nun einmal die Grundlage der menschlichen natur; essen, trinken und schlafen, das erste Bedürfniss, das erste Geschäft und das erste Vergnügen des Kindes, so wie das letzte des Greises, bei welchem das Wohlbehagen an den Vergnügungen des Gaumens in eben dem verhältnis zunimmt, wie das Vermögen andre Triebe zu befriedigen abnimmt und aufhört. Stelle einen jeden Sophisten, der diess nicht gestehen will, ohne dass er deine Absicht merken kann, auf die probe, und du wirst schwerlich einen einzigen finden, der seine prahlerische Teorie nicht durch die Tat Lügen strafen wird.

Wie dann, Laiska? Dein scherzender Philosoph sollte also am Ende doch noch Recht behalten? – Ja, und Nein, sage ich; und wenn diess widersinnig klingt, wer kann dafür, wenn der Mensch, seiner Centaurischen natur nach, ein so widersinnisches Ding ist, dass mein Freund Plato sich und uns nicht besser zu helfen weiss, als durch den wohlmeinenden Rat, den tierischen teil geradezu abzuwürgen, und den geistigen allein leben zu lassen. Meine Vorstellungsart erlaubt mir nicht, so streng mit der Hälfte meines Ichs zu verfahren; und da diese Doppelnatur nun einmal mein dermaliges Wesen ausmacht, so denke ich vielmehr alles Ernstes darauf, einen billigen Vertrag zwischen beiden Teilen zu stand zu bringen, mit dem Vorbehalt, falls es mir damit nicht gelingen sollte, mich auf die Seite der Vernunft zu schlagen, und vermittelst