schmale Gränzlinie der Sokratischen Sophrosyne hinüberzulocken. Als aber zum Schluss des Gastmahls der grosse Sesamkuchen180 aufgetragen wurde, bemächtigte sich der Phrontist (der unter dem Essen der stillste und geschäftigste von allen gewesen war) des Worts mit allgemeiner Einstimmung, und bewies uns, nachdem er seinen Kuchen einem hinter ihm lauernden kleinen Bedienten einzusacken gegeben hatte,181 aus voller Selbstüberzeugung: "das höchste Gut bestehe in dem Entschluss, freiwillig aller Dinge ausser uns zu entbehren, und den reinsten und vollständigsten Selbstgenuss im blossen Dasein zu finden." Zur Erläuterung dieses paradoxen Satzes brachte der Mann anfangs einige kurzweilige Dinge vor; z.B. einen Beweis, dass die Menschen durch eine künstliche Verminderung der Ausdünstung und eine allmähliche Austrocknung des Magens zuverlässig so weit kommen könnten, bloss von Luft und wasser zu leben; ingleichen dass das gesellschaftliche Leben und die Sprache als die zwei grössten Hindernisse unsrer Vervollkommnung anzusehen seien, und es also ohne eine gänzliche Absonderung der Menschen von einander nie möglich sein werde, zu jener reinen Existenz an sich selbst, und in sich selbst, und durch sich selbst und für sich selbst zu gelangen, in welcher unser höchstes Gut bestehe. Dieser Unsinn schien eine Zeit lang die ganze Gesellschaft zu belustigen: aber als unser Phrontist, um uns desto gründlicher zu überzeugen, sich von einer Abstraction zur andern empor arbeitete, und endlich so hoch über die Region des Menschenverstandes hinauf gekommen war, dass er uns Erklärungen von Worten, wobei nichts zu denken war, und Worte für Begriffe, die keinen Gegenstand hatten, geben wollte, wurde er durch einen allgemeinen Aufstand unterbrochen, und an das ewige Schweigen erinnert, das er sich durch seine Grundsätze selbst auferlegt habe. Alle übrigen vereinigten sich nun in dem Wunsche, dass Aristipp zugegen sein möchte, um den Ausspruch zu tun, welche der vorgetragenen Auflösungen des Problems die wahre sei, oder, wofern er keine dafür halte, uns seine eigene mitzuteilen.
Ich versprach, dich von allem Vorgegangenen zu benachrichtigen, und da ich dich für zu bescheiden hielt das Amt eines Richters zu übernehmen, dich wenigstens zu bewegen, uns deine Meinung von der Sache zu sagen. Ich verspreche mir von deiner gefälligkeit, Freund Aristipp, du werdest nicht wollen, dass ich vergebens drei lange Stunden mit dem Schreibstift in der Hand auf meinem Faulbettchen gesessen haben soll. – Ich darf nicht vergessen, dass wir uns ausbitten, die hiermit an dich gelangende Frage einer genauern Aufmerksamkeit zu würdigen, und uns deine Gedanken, ohne Sokratische Ironie, in ganzem Ernst mitzuteilen.
69.
Aristipp an Lais.
Du hast wohl getan, schöne Lais, dass du mich ausdrücklich angewiesen hast, mich über das seltsame Problem, womit dich deine gelehrte Tischgesellschaft neulich unterhalten hat, ernstaft vernehmen zu lassen; denn ich gestehe, dass die Frage: "was das höchste Gut des Menschen sei?" in meiner Vorstellungsart etwas Lächerliches hat, und dass mir nie eingefallen wäre, sie könnte von so weisen Männern, wie die bärtigen Genossen deiner sophistischen Symposien sind, in wirklichem Ernst aufgeworfen und beantwortet werden. Meine erste Frage bei jeder Aufgabe dieser oder ähnlicher Art, ist: wozu soll's? Bei dieser, dünkt mich, fällt es auf den ersten blick in die Augen, dass es uns zu nichts helfen könnte, das Höchste zu kennen, da es uns doch, eben darum, weil es so hoch über uns schwebt, unerreichbar ist. In dieser Rücksicht möchte wohl der Aesopische Fuchs, der die Trauben, die ihm zu hoch hingen, für sauer erklärte, mehr praktische Weisheit gezeigt haben, als wir, wenn wir uns die Augen aus dem kopf gucken, um in einer so schwindlichten Höhe ein Gut zu entdecken, welches wir mit allen unsern Sprüngen doch nie erschnappen werden. Beim Genuss eines Guten kommt es nicht auf die Grösse desselben, sondern auf unsre Empfänglichkeit an. Das erfreulichste aller Dinge, das Licht, ist für den Blinden nichts; an der festlichsten Tafel des grossen Königs kann der gierigste Fresser nicht mehr zu sich nehmen als sein Magen fasst; und einer Mücke kann es gleich viel sein, ob sie aus einer Muschelschale oder aus dem Ocean trinkt. Du selbst, schöne Lais, hast, indem du mir das Problem vorlegst, mit einem einzigen Aristophanischen Worte verraten, dass die Unart der Menschen, "die Schnäbel immer nach unerreichbaren Dingen aufzusperren," dir selbst eben so lächerlich ist als mir. Indessen du willst dass ich ernstaft von der Sache spreche, und ich gehorche um so williger, da vielleicht am Ende doch ein Resultat herauskommen dürfte, das die Mühe des Weges bezahlt, auf welchem wir es gefunden haben.
Vor allen Dingen also wollen wir uns erinnern, dass die Wörter gut und böse (wie alle andern, welche irgend eine Beschaffenheit oder Eigenschaft, die wir den Dingen zuschreiben, bezeichnen) immer von solchen Gegenständen gebraucht werden, welche nur in ihrer Beziehung auf uns, d.i. unserm Gefühl, unsrer Einbildung oder unserm Urteil nach, gut oder böse sind. Alles was ist, mag an sich sehr gut sein; aber das braucht uns nicht zu kümmern, denn es kann uns nichts helfen. Wir haben bloss zu fragen: ob ein Ding uns gut oder böse sei? das ist, ob es uns wohl oder übel bekommen werde. Der Krokodil ist in der Leiter der Naturwesen was er sein soll, und also in seiner Art so gut als ein anderes Tier; aber für