die ich, wiewohl sie die Philosophie nicht als ein Geschäft treiben, Philosophen in der eigentlichen Bedeutung des Worts nenne. Sophisten heissen bei mir euere Philosophen von Profession, die dem Speculiren bloss um des Speculirens willen obliegen, und bei gesellschaftlichen Gesprächen, wie interessant auch der Gegenstand sein mag, keinen andern Zweck haben als Recht zu behalten. Gehen diese dialektischen Herren in der Grübelei so weit, dass sie genötigt sind, für Begriffe, die niemand hat als sie, neue Wörter zu erfinden, die niemand versteht als sie, so nenne ich sie Phrontisten. Ich habe nur einen einzigen dieses Schlags in meinen Cirkel aufgenommen, weil er seine Spinnenweberei mit einer drolligen Art von Laune treibt, und wenn die Unterhaltung einen gar zu ernstaften und schwerfälligen gang nehmen will, immer zu seiner eigenen Verwunderung Mittel findet, die Gesellschaft durch die sublime Absurdität seiner Behauptungen wieder in den rechten Ton zu stimmen. Um dem gewöhnlichen Schicksal solcher Gesellschaften desto sicherer zu entgehen, werden ausser Kleonidas und Musarion immer auch zwei oder drei schöne und geistvolle Milesierinnen aus Aspasiens Schule eingeladen, mit deren hülfe es mir bisher noch so ziemlich gelungen ist, meine kampflustigen Symposiasten in den Schranken der Urbanität zu erhalten.
In unsrer letzten Sitzung lenkte einer unsrer Sophisten das Gespräch auf die Frage, was das höchste Gut des Menschen sei? – In allen Dingen immer nach dem Höchsten zwar nicht wirklich zu streben, aber wenigstens den Schnabel aufzusperren und darnach zu schnappen, ist, wie du weisst, eine angeborne Eigenheit der menschlichen natur. Das Problem erregte also allgemeine Aufmerksamkeit, und verschaffte uns den ganzen Abend reichen Stoff zu mannichfaltiger Unterhaltung. Jede anwesende person hatte ihr eigenes höchstes Gut, welches sie (vermöge eines andern unserer Naturtriebe) zum allgemeinen zu erheben suchte. Einer meinte, dieser Vorzug könne nur demjenigen Gute zuerkannt werden, das uns, auf der einen Seite, allen vermeidlichen Uebeln entgehen, und alle unvermeidlichen ertragen lehre; auf der andern uns in den Besitz des besten von allem Guten, dessen wir fähig sind, setze, und uns alles Uebrige entbehrlich mache; und diess könne, seiner Meinung nach, nichts anders als die Weisheit sein.
Ein anderer behauptete, nur die Tugend vermöge das alles; und nachdem sie sich eine Weile darüber gestritten hatten, verglich sie einer meiner Philosophen, indem er klar machte, dass Weisheit und Tugend nur zwei verschiedene Ansichten und Benennungen einer und eben derselben Sache seien; so dass endlich alle drei, zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft, die ein solches Wunder noch nie gesehen hatte, friedlich übereinkamen, die Sokratische Sophrosyne, welche Weisheit und Tugend zugleich bezeichnet, für das höchste Gut zu erklären.
Sophrosyne, sagte ein vierter aus der Familie des Hippokrates, ist Gesundheit der Seele; ein grosses und wesentliches Gut, aber ohne Gesundheit des Leibes doch nur die Hälfte des höchsten Gutes. Gesundheit von beiden ist die notwendige Bedingung des Genusses alles andern Guten, so wie das Gegenteil derselben alle andern Uebel in sich begreift: das höchste aller Güter ist also Gesundheit.
Nachdem der Enkel des grossen Hippokrates seinen Satz mit stattlichen Gründen ausgeführt hatte, nahm Kleonidas das Wort und bewies mit allem Feuer, womit ihn die Augen der gegen ihm über sitzenden Musarion reichlich versahen, und mit grossem Beifall des weiblichen Teils der Gesellschaft: "das höchste Gut verdiene nur das genennt zu werden, dessen reinster Genuss uns den Göttern an Wonne gleich mache;" und nun berief er sich mit einem Ernst, der ein allgemeines lachen erregte, auf das Gewissen aller Anwesenden, ob wir etwas anderes kennten, von welchem sich diess mit so viel Wahrheit sagen lasse, als die Liebe?
Wider beide erhob sich ein sechster, und bewies gegen den Arzt: "die Gesundheit könne schon darum nicht selbst das höchste Gut sein, weil sie nur eine Bedingung des Genusses desselben sei;" gegen Kleonidas: "seine Behauptung könnte allenfalls nur von der glücklichen Liebe gelten;" und gegen beide: ein Gut, das nicht immer in unsrer Gewalt sei, könne nicht das höchste Gut des Menschen heissen. Indessen schien er ziemlich verlegen zu sein, etwas Besseres aufzustellen, als der Hausmeister, der uns in den Speisesaal berief, einem meiner Philosophen gelegenheit gab, mit einer scherzend ernsten Miene zu behaupten: wenn eine Gesellschaft von Repräsentanten des ganzen menschlichen Geschlechtes sich den ganzen Tag über diese Frage gestritten hätte, so würde eine wohlbesetzte Tafel sie endlich dahin vereinigen, dass alle – wenigstens gerade so tun würden, als ob sie die angenehmste Befriedigung der Esslust für den höchsten Genuss hielten, den die natur dem Menschen vergönne, so lange Zunge und Gaumen die empfindlichsten seiner Organe, und der Magen das grosse Rad bleibe, wodurch seine Existenz im gang erhalten werde.
Ich muss der ganzen Gesellschaft die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie sich zwei Stunden lang, jedes in seiner Manier, beeiferte, der Hypotese des Philosophen Ehre zu machen. Mitunter wurde viel Schönes zum Preis der Kochkunst gesagt, und (nicht ohne Grund, dünkt mich) behauptet: "Dass sie eine der ersten Stellen unter den schönen Künsten verdiene, und einen der wesentlichsten Vorzüge des Menschen vor den übrigen Tieren ausmache". Auch dem Erfinder des Weins wurde mit vieler Andacht ein schallender Lobgesang angestimmt, und der Becher der Freude war kaum dreimal herumgegangen, als verschiedene von unsern Weisen ziemlich naiv merken liessen, dass es nur einiger Aufmunterung von Seiten der schönen Milesierinnen bedurft hätte, um die Verfechter der Weisheit und Tugend über die