Malers oder die Kunst des Schauspielers nicht vermochte, hat Euripides vermutlich so wenig gedacht als ich. Es dürfte doch wohl eine unerlässliche Pflicht des Künstlers sein, der Einbildungskraft so viel nur immer möglich ist vorzuarbeiten; auch erfordert es eben keine ausserordentliche Kunst, den höchsten Grad irgend einer leidenschaft oder irgend eines Leidens mit Pinselstrichen auszudrücken. Aber gerade dieser höchste Grad ist dem Maler, wie dem Bildner, durch ein unverbrüchliches Gesetz der Kunst untersagt, weil er eine Verunstaltung der Gesichtszüge bewirkt, die das edelste Angesicht in ein widerliches Zerrbild verwandeln würde. – Der Atener stutzte einen Augenblick über diese autentische Erklärung aus dem mund des Meisters selbst, der doch wohl am besten wissen musste was er hatte machen wollen; doch erholte er sich sogleich wieder, und versicherte uns mit einem grossen Strom von Worten: er sei gewiss, dass er den wahren Sinn der Verhüllung erraten habe. "Das Genie (setzte er mit vieler Urbanität hinzu) wirkt oft als blosser Naturtrieb, und selbst der grösste Künstler, wenn er etwas unverbesserlich Gutes gemacht hat, ist sich nicht allemal der Ursache bewusst, warum es so und nicht anders sein musste." – Als wir wieder allein waren, lachten wir beide herzlich über dieses kleine Abenteuer, und Timant, dem dergleichen Kenner häufiger vorgekommen sind als mir, versicherte mich: es sei sehr möglich, dass das schiefe Urteil dieses Menschen die öffentliche Meinung von seiner Iphigenia auf immer bestimme, und ihm, lange, nachdem die Zeit das Gemälde selbst zerstört haben werde, noch Lobsprüche zuziehe, die er sich schämen müsste verdient zu haben.175
Der Umgang mit diesem liebenswürdigen Künstler ist mir so angenehm, und zugleich so belehrend und zuträglich in Rücksicht auf meine Liebhaberei, dass ich mich nicht entschliessen kann, Samos eher zu verlassen, als bis er selbst abgehen wird. Er hat mir verschiedene wichtige Winke zum Vorteil meines sterbenden Sokrates gegeben, und ich hoffe ihr sollt es gewahr werden, dass mir ein solcher Meister zur Seite dabei gestanden hat.
Beinahe hätte ich vergessen, dir zu sagen, lieber Aristipp, dass ich mich bei Kriton und Cebes im Vertrauen erkundigte, ob man sich auf die Aechteit der gespräche, welche Plato dem Sokrates im Phädon zuschreibt, verlassen könne. Beide versicherten mich, es wäre zwar die Rede von der geistigen natur der Seele und von ihrem Zustande nach dem tod gewesen; aber Plato hätte so viel von dem Seinigen eingemengt, und die Zusätze so künstlich mit dem, was Sokrates wirklich gesagt habe, zu verweben gewusst, dass es ihnen selbst, wofern sie eine Scheidung vornehmen müssten, schwer sein würde jedem das seinige zu geben. Ebendasselbe sagte mir der wackere alte Kriton auch von dem Dialog, welchem Plato seinen Namen überschrieben hat, und worin, unter anderm, die schöne Rede der personificirten gesetz, und überhaupt die dialektische Form der fragen und Antworten, ganz auf Platons Rechnung komme. Uebrigens haben diese beiden Dialogen viel aufsehen in Aten gemacht, und wegen der klugen Schonung, womit die Atener darin behandelt werden, und des schönen Lichts, in welchem der sittliche Charakter des Sokrates darin erscheint, nicht wenig zu der günstigen Stimmung beigetragen, welche dermalen über ihn und seine Anhänger zu Aten die herrschende ist.
Du würdest mir keine kleine Freude machen, Aristipp, wenn du deine beschlossene Reise nach Samos so beschleunigen wolltest, dass du Timanten noch anträfest; wozu die gelegenheit vielleicht nie wieder kommt. Auch Hippias erwartet dich mit Ungeduld.
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Aristipp an Lais.
Es bedarf wohl keiner Beteurung, schöne Lais, dass wenn ich meiner Neigung Gehör gäbe, Kleonidas nicht ohne mich nach Milet zurückreisen sollte; auch schmeichle ich mir, nach dieser neuen probe von Selbstüberwindung für einen tapfern Mann bei dir zu gelten. Ich würde nicht wenig stolz darauf sein, wenn ich mir verbergen könnte, dass das Vergnügen, in meinen eigenen Augen einen desto grösseren Wert zu haben, auch mit in Rechnung gebracht werden muss, und dass bei allen meinen Aufopferungen am Ende doch niemand gewinnt als ich selbst. Wird nicht die Freude des Wiedersehens um so überschwänglicher sein, je länger sie aufgespart wird?
Ich habe hier unvermutet gelegenheit gefunden, mich in einigen Wissenschaften zu üben, die mit in meinen Plan gehören, und einem mann, der nach der möglichsten Ausbildung trachtet, nicht nur zur Zierde gereichen, sondern der Seele selbst einen höhern Schwung und eine ganz andere Ansicht der natur und des grossen Ganzen, in welches wir eingefugt sind, geben, als diejenige an welche wir durch ununterbrochnes Herumtreiben in dem engen Kreise des alltäglichen Lebens unvermerkt gewöhnt werden. Ich liebe, wie du weisst, die Vielseitigkeit; ich kann zu gleicher Zeit die verschiedensten Dinge treiben, und mich mit den ungleichartigsten Menschen so gut vertragen, dass jeder mich für seinesgleichen, oder wenigstens für ein Subject von ganz guter Hoffnung gelten lässt. Hippias, bei welchem ich gewöhnlich den Abend zubringe, würde nicht begreifen, wie ich so viele Zeit mit Pytagoräischen Phantasten verderben könne, wenn er nicht glaubte, es geschehe bloss um sie auszuholen und mich am Ende desto lustiger über sie zu machen: diejenigen hingegen, die er Phantasten nennt, wissen sich meinen Umgang mit Hippias nicht anders zu erklären, als durch die Voraussetzung, dass ich hinter alle seine Sophistenkünste und Blendwerke zu kommen suche, um ihn und seinesgleichen zu seiner Zeit mit desto besserm Erfolge bekämpfen zu können. Das Wahre ist indessen, dass ich von den Pytagoräern rechnen und messen lerne, und