es bei deiner Hypotese, welche, meines Erachtens, so sinnreich und philosophisch ist, dass Anaxagoras169 der Geist und der sublime Weise von Samos170 selbst Freude daran gehabt hätten, wofern die schöne Aspasia oder die edle Teano171 so glücklich gewesen wären, dir mit Erfindung derselben zuvorzukommen. Ich wenigstens finde sie so tröstlich, dass ich die Entfernung von dir künftig ungleich besser ertragen werde als bisher, weil ich sie als eine Vorübung betrachte, wodurch wir beide in zeiten angewöhnt werden, einander – leider! nichts als Kopf zu sein.
Ich schreibe dir diess auf einem reizenden Landgute im Panionion172, wohin mich einer meiner Bekannten zu Ephesus eingeladen hat, und wo ich mir so wohl gefalle, dass meine Reise zu Hippias vermutlich noch einige Zeit verschoben bleiben wird.
Wenn ich dir nur ein wenig lieb bin, beste Laiska, so erinnere dich, dass du mir schon mehr als einmal dein Bild versprochen hast. Ich bitte bloss um deinen Kopf – wohl zu merken, kein Brustbild! Ja, ich würde schon mit einem deiner Augen zufrieden sein, wenn ein Maler in der Welt wäre, der den blick hinein oder vielmehr herausmalen könnte, womit du mir zu Aegina in der seligsten Stunde meines Lebens ewige Freundschaft angelobtest.
64.
Kleonidas an Aristipp.
Ich bin mit meinem Geschäfte eher zu stand gekommen als ich hoffen durfte. Beinahe alle Freunde des göttlichen Sokrates, die seine gerichtliche Ermordung und die Furcht vor den Verfolgungen seiner Feinde von Aten verscheucht hatte, haben sich nach und nach wieder zusammengefunden, und man begegnet ihnen mit so vieler achtung, als ob man das an ihrem Meister begangene Unrecht dadurch zu vergüten suchte. Es gibt wohl sehr wenige Atener, die das Geschehene, wenn es möglich wäre, nicht ungeschehen zu machen geneigt wären: aber, was man mir schon zu Teben von der allgemeinen Trauer des volkes und von der Rache, die es an den Anklägern des verdienstvollen Greises genommen haben sollte, für gewiss erzählte, ist ohne allen Grund. Die Atener sind zu leichtsinnig und ruchlos, um einer tiefen, anhaltenden Reue über irgend eine ihrer Untaten fähig zu sein.173
Mein Tod des Sokrates, der nun beinahe fertig ist, erhält durch eine Menge kleiner Umstände, die mir meistens von dem wackern alten Kriton an die Hand gegeben wurden, und vornehmlich durch die richtige, beim ersten Anblick kenntliche Bezeichnung aller dabei gegenwärtigen Personen, einen Grad von historischer Wahrheit, der diesem Gemälde ein ganz eigenes Interesse gibt; so dass es (wie ich aus mehr als Einem Beispiel weiss) von niemand, der den Sokrates und seine Freunde öfters gesehen hat, ohne Rührung betrachtet werden kann. Der Massstab von andertalb Spannen, den ich für die proportionelle Grösse der Figuren angenommen habe, trägt, wie ich glaube, zu der guten wirkung des Ganzen vieles bei, teils weil es so bequemer mit einem blick umfasst wird, teils weil sich bei dieser Grösse alles deutlich bezeichnen und ausdrücken lässt, ohne dass die künstliche Darstellung der natur gar zu gleich sieht und sich selbst dadurch Schaden tut. In Lebensgrösse würde ein solches Gemälde, wenn es gut gemacht wäre, kaum auszuhalten sein.
Das fest der Juno zu Samos und der Wettstreit der Künstler ist nun vorbei, und du hast vielleicht schon gehört, dass Timantes mit seinem Ajas und Skopas mit seiner Aphrodite (die du zu Aegina entstehen sahst) beinahe mit allen Stimmen den Preis erhalten hat. Parrhasius, der einzige der meinem Freunde den Sieg streitig machen konnte, ist sehr übel mit dem Urteil zufrieden von hier abgegangen. Es verdriesse ihn, sagte er, nur für seinen armen Helden174, dass er nun zum zweitenmal gegen einen Unwürdigen habe verlieren müssen. Man muss beide Stücke selbst gesehen haben, um zu erraten, was die Richter bewogen haben könne dem Timantes den Vorzug zu geben. In der Tat sind beide Gemälde vortrefflich, an beiden ist sehr viel zu loben, wenig oder nichts mit Recht zu tadeln. Beide sind mit grosser Kunst zusammengesetzt, gross gedacht und mit vielem Fleiss ausgeführt; auch haben beide Künstler eben denselben Augenblick der Handlung erwählt, nämlich den, da Odysseus unmittelbar nach dem Ausspruch der versammelten Achaier sich der Waffen des Achill bemächtiget. Ich gestehe, dass ich lange zwischen diesen beiden Meisterwerken ungewiss hin und her schwebte, bis ich mich endlich durch eben dasselbe Gefühl, das die Richter bewogen zu haben scheint, auf Timantes Seite ziehen liess. Sein zauberischer Pinsel besticht nämlich das Auge gleich beim ersten Anblick durch die Wärme und Harmonie seiner Färbung, und tut durch einen gewissen heroischen Geist, der das Ganze durchweht, und den schönen Ton, der alle Figuren und Gruppen zusammenbindet, eine stärkere oder wenigstens schnellere wirkung als das Werk seines Antagonisten. Der letztere hat durch die äusserst sorgfältige Ausführung der einzelnen Figuren, und weil beinahe jede sich unsers Auges besonders zu bemächtigen strebt, über das Ganze eine gewisse Kälte verbreitet, die von dem Feuer des Timantischen Stücks zu stark absticht, um nicht in den Augen der meisten Anschauer gegen dieses zu verlieren; wiewohl der Kenner immer wieder zu Betrachtung der einzelnen Teile in dem Werke des Parrhasius zurückkehrt, und immer mehr zu bewundern findet, je schärfer er untersucht. Merkwürdig ist die verschiedene Art, wie beide Künstler die zwei Hauptpersonen behandelt haben. Parrhasius lässt seinen Odysseus sich der ihm zugesprochnen Waffen mit einem beinahe höhnisch triumphirenden blick auf seinen Mitbewerber bemächtigen, während Ajas in seinen von Odysseus abgewandten und über Agamemnon, Menelaus und das Griechische Heer hinblitzenden Augen,