noch keineswegs berechtigt, von der Selbsttätigkeit unsrer Seele im Träumen auf die Fortdauer derselben nach der gänzlichen Trennung vom leib zu schliessen." – Was hätten wir wohl hierauf zu antworten?
So leicht, denke ich, wollen wir uns die Waffen nicht aus den Händen ringen lassen. Der letzte Einwurf wenigstens wird uns wenig zu schaffen machen, denn er ist vielmehr für als wider uns. Gerade der Umstand, dass ein gesunder, d.i. ein ruhiger Schlaf, ein sehr gemässigter Lauf des Blutes und eine allgemeine Erschlaffung der Nerven, notwendige Bedingungen derjenigen Art von Träumen sind, auf welche wir unsere Vermutungen gestützt haben, gerade dieser Umstand beweiset, dass die Seele im Träumen der Mitwirkung des Körpers wenig oder gar nicht bedarf; und daraus, dass unordentliche Bewegungen und stürmische Erschütterungen des animalischen Systems das Gehirn mit wilden und grässlichen Phantomen anfüllen, folget keineswegs, dass auch zu den schönen und anmutigen, ja zuweilen sogar sinnreichen und sublimen Träumen, die uns im Zustande eines ruhigen Schlummers erscheinen, eine besondere Mitwirkung des Körpers nötig sei. Nicht so leicht dürfte hingegen der Behauptung – "dass bei aller Ruhe der äussern Organe die inneren – des Gehirns vermutlich – desto geschäftiger im Träumen sein könnten," – mit Grund zu widersprechen sein, da es uns noch viel zu sehr an Beobachtungen und genauer Kenntniss der feinsten Teile unsers Körpers mangelt. Aber führt uns nicht dieser Einwurf selbst auf den Gedanken: dass das innerste und unmittelbarste Organ unsrer Seele (eben dasselbe, das bei den Träumen, wovon die Rede ist, mitwirken soll) aus einem unendlich feinern Stoff als der gröbere Körper, der ihm gleichsam nur zum Tribonion164 dient, gebildet, und von einer so vollkommenen und unzerstörbaren natur sein könnte, dass die Seele immer damit bekleidet bliebe, und nach der Trennung von ihrem sichtbaren Körper, vermittelst desselben sowohl ihr eigenes Geschäft fortsetzte, als in einer Art von Zusammenhang mit der äussern Welt verbliebe, oder vielmehr sich zwar in eine neue Welt versetzt fände, aber auch sogleich in derselben zu haus wäre, und indem sie ihren neuen Zustand an den vorigen anzuknüpfen wüsste, im grund doch ihre vorige Art zu sein, nur auf eine ihrer natur gemässere Weise fortsetzte?
Der Einwurf, "dass sich das wirkliche Dasein eines solchen unsichtbaren Seelenorgans nicht beweisen lasse," braucht uns nichts zu kümmern; denn, da es bloss darauf ankommt, uns irgend ein mögliches Mittel, wie die Seele nach dem tod fortdauern könne, zu denken, so ist es schon genug, dass uns die Unmöglichkeit desselben nicht bewiesen werden kann: ob es sich wirklich so verhalte, kann die einzige Offenbarerin dessen was wirklich ist, die Erfahrung, allein bewähren.
Indessen bedürfen wir auch dieser Hypotese nicht, um zu begreifen, wie unsre Persönlichkeit, oder das, was unser eigentliches Ich ausmacht, und was man gewöhnlich unter dem Wort Seele versteht, nach der Trennung vom Körper fortdauern könne. Wenn wir sehen, so ist es ja nicht das Auge, wenn wir hören, nicht das Ohr, was sich der Vorstellung bewusst ist, die durch das Sehen und hören in uns veranlasst wird; die Seele ist es welche sieht und hört, so wie sie allein es ist, was, aus jenen Darstellungen der Sinne, Begriffe und Gedanken erzeugt, sie vergleicht und unterscheidet, trennt und zusammensetzt u.s.f. Die Art und Weise, wie unsre Seele mit ihrem Körper zusammenhängt, ist eines der unerforschlichen Geheimnisse der natur; ich weiss nichts davon: aber dass dieses Ich, das sich selbst fühlt, sich selbst betrachtet, sich selbst bewegt, sich vieles Vergangenen erinnert, viel Künftiges vorhersieht, und, indem es beides mit dem Gegenwärtigen verbindet, der Baumeister einer eigenen Welt in sich selbst wird; dieses Ich, dessen wesentlichste Bedürfnisse Wahrheit, Ordnung, Schönheit und Vollkommenheit sind, das nur durch den Genuss derselben befriedigt wird, und immer beschäftigt ist, sie in sich selbst und ausser sich hervorzubringen, – dass dieses Ich ein von meinem Körper ganz verschiedenes Etwas ist, diess weiss ich so gewiss, als ich mir selbst bewusst bin. Warum also sollte aus meiner dermaligen Einschränkung durch einen organischen Körper notwendig folgen, dass er mir zu meinem Dasein, oder, was eben so viel ist, zum Gebrauch meiner Kräfte und Fähigkeiten, in und ausser mir, schlechterdings unentbehrlich sei? Ist diese Folgerung nicht von eben derselben Art, wie der Irrtum jenes Fussgängers, der den ersten Tessalischen Reiter, den er zu gesicht bekam, für einen Centauren ansah, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass der Reiter, sobald es ihm beliebe, absteigen und auf seinen eigenen Füssen gehen könne?
Und nun, liebe Laiska, dünkt dich nicht auch, wenn wir alle diese Betrachtungen mit der vorhin erwähnten Unmöglichkeit, uns selbst als nicht existirend zu denken, zusammennehmen, es entstehe daraus ein hinlänglicher Grund für uns, den Tod, den der Pöbel sich als das schrecklichste aller schrecklichen Dinge vorstellt, für den Uebergang zu einer höhern Art von Dasein zu halten, und, ohne ihn zu wünschen oder zu beschleunigen, ihm, wenn er von selbst kommt, eben so ruhig ins Gesicht zu sehen, als Sokrates?
Was denkst du dazu, meine Freundin? – Was mich betrifft, ich denke in diesem Augenblicke, dass ich vermutlich der erste Mensch in der Welt bin, der sich einfallen liess, eine Frau wie du – mit Todesbetrachtungen zu unterhalten, und,