Phidias den Leuten gespielt hat. Er machte es ihnen dadurch unmöglich, so nahe hinzuzutreten, dass sie, anstatt den Götterkönig auf seinem Ton zu sehen, nur einen Haufen geschnittenes Elfenbein und gegossenes Gold zu sehen bekommen hätten. Denn damit das Ganze seine gehörige wirkung tue, muss es aus einem gewissen Standpunkt betrachtet werden. Vielleicht wollte auch der kluge Künstler nicht, dass eine Menge Nebendinge und Verzierungen von allerlei farbichten Edelsteinen, Ebenholz, Perlenmutter und dergleichen, auf deren geschickte Zusammensetzung er zu Verstärkung des Haupteffects gerechnet hatte, zum Nachteil desselben stückweise und in der Nähe besehen werden könnten. Denn bei einem Kunstwerke, wo am Ende doch alles auf eine gewisse Magie, und also auf Täuschung hinausläuft, muss man die Zuschauer nicht gar zu nahe kommen und zu gelehrt werden lassen.
Indem ich überlese, was ich dir von dem grössten und schönsten aller Menschenwerke geschrieben habe, dünkt mich ich habe nichts gesagt. Aber wenn ich einen Stachel in dein Gemüte geworfen habe, der dir keine Ruhe lässt bis du selbst kommst und siehest, so hab' ich genug getan; denn das ist alles was ich wollte.
6.
An Kleonidas.
Ich lebe bereits einige Wochen in dieser weltberühmten und in ihrer Art einzigen Minervenstadt, welche zu sehen mich schon so lange verlangte. Hat sie meine Erwartung übertroffen? oder ist sie unter ihr geblieben? Beides, lieber Kleonidas, und ich werde täglich mehr in der Meinung bestärkt, dass es mir immer und allentalben mit allen menschlichen Dingen eben so gehen werde. Im Ganzen genommen kenne ich noch keinen Ort, wo ich lieber leben möchte als zu Aten, und, meinem Geschmack nach, hat die Stadt durch das Abtragen ihrer Mauern mehr gewonnen als verloren. Ob sie, vor dieser den Atenern so schmerzlichen Demütigung, wirklich, wie sie sich schmeichelten, die schönste Stadt in der Welt war, liesse sich vielleicht noch fragen: aber dass sie jetzt das grösste, schönste, prächtigste und volkreichste Dorf in allen drei Weltteilen ist, wird niemand zu läugnen begehren. Auch ohne Mauern bleibt sie immer der erste Tempel der Musen, der Sitz des Geschmacks, und die Werkstatt aller das Leben unterstützenden und verschönernden Künste, mit Einem Wort, Alles wozu Perikles sie machte, dessen Andenken aber, wie ich sehe, bei diesen leichtsinnigen und undankbaren Republikanern schon lange vergessen ist. Kannst du glauben, dass sie es sogar ungern hören, wenn ein Fremder mit Ehrerbietung von diesem grossen mann spricht, oder ihm die herrlichen Gebäude und Kunstwerke, womit er die Stadt und die Akropolis geziert hat, zum Verdienst anrechnet? Im Atenischen Styl zu reden hat das Volk alles getan; ja sie sprechen nicht anders davon, als ob das alles so hätte sein müssen, und mit ihnen zugleich aus dem Attischen Boden hervorgewachsen wäre. Selbst die Namen eines Miltiades, Temistokles, Aristides, Cimon (der Männer, denen Griechenland zu danken hat, dass es nicht zu einer Persischen Satrapie zusammenschrumpfte) werden selten oder nie gehört; aber dafür sind die Männer von Maraton und Salamin immer auf ihren Lippen, und der erste Schuster oder Kleiderwalker, dem du begegnest, ist so stolz darauf, der Enkel eines Mannes von Maraton zu sein, als ob er selbst dadurch zu einem mann von Maraton würde, und schwatzt mit der unbeschreiblichsten Geläufigkeit der Zunge stundenlang von den Grosstaten seiner Vorfahrer, ohne das mindeste Bewusstsein, wie viele Ursache diese hätten, sich ihrer ausgearteten Nachkommenschaft zu schämen. In der Tat kannst du dir nichts Komischeres vorstellen, als den namenlosen Schmerz, womit sie von dem Verlust ihrer Mauern sprechen, wenn du zugleich bedenkst, dass es bloss auf sie ankam, durch einen den Spartanern zu rechter Zeit entgegen gesetzten kräftigen Widerstand, ihre so zärtlich geliebten Mauern zu erhalten. "Ach! dass wir leben mussten den Atenischen Namen so geschändet zu sehen!" rufen sie mit einem langen kläglichen Seufzer aus, und es kommt ihnen alles andere eher in den Sinn, als sich selbst die Schuld beizumessen, oder zu bedenken, dass sie ja, so gut wie die dreihundert Spartaner bei Termopylä, mit den Waffen in der Hand sterben konnten, wenn sie eine solche Schmach nicht erleben wollten, und dass diess in der Tat die einzige Entschliessung war, die den Söhnen der Männer von Maraton geziemte.
Doch für jetzt nichts weiter von diesen der Geissel ihres Aristophanes so würdigen Kechenäern43, weil ich dir nicht bald genug von dem mann sprechen kann, um dessentwillen ich hauptsächlich hierher gekommen bin, und der dadurch, dass auch er ein geborner Atener ist, für alle andern Schonung und beinahe achtung fordert.
Du zweifelst nicht, dass eine meiner ersten Sorgen war, mich von Antistenes bei seinem ehrwürdigen Freund einführen zu lassen.
Es wäre schwer, dir den Eindruck zu beschreiben, womit mich der erste Anblick dieses ausserordentlichen Mannes überraschte. Meine Einbildungskraft (welcher ich überhaupt wenig Gehör zu geben pflege, weil sie mich fast immer irre führt) hatte sich ohne Zutun meines Willens eine Vorstellung gemacht, wie jemand aussehen müsse um Sokrates zu sein: und nun fand sich's, dass diese Vorstellung unter allen Sterblichen keinem weniger anpasste, als dem wirklichen Sokrates. Ich stand einen Augenblick etwas betroffen da, war aber kaum eine halbe Stunde bei ihm gewesen, als ich nicht nur mit dem Unerwarteten in seiner Gesichtsbildung völlig ausgesöhnt war, sondern mir sogar schon in den Kopf gesetzt hatte, dass er so aussehen müsse, und dass kein andres Aeusserliches geschickter gewesen