die hände wieder frei gemacht heraus, die bisher wie Milos seine im Baum des Glücks und Lebens, den er zerreissen wollte, eingeklemmt gefangen waren; er atmete frische Lebensluft und Mut, und der Plan seiner inneren Vollendung war jetzt durch neues Glück und schönes Bewusstsein hold geründet. –
Der Mond stand hoch, die Wolken waren vertrieben, und nie ging der Morgenstern zwei Menschen heller auf.
Elfte Jobelperiode
Stickrahmen – Anglaise – cereus serpens –
musikalische Phantasien.
56. Zykel
Freudig trug Roquairol am ersten Abende, da er seinen Vater verreiset wusste, zum Freunde die Bitte, zur Mutter mitzugehen. Albano errötete zauberisch über jene feurige Nacht zum ersten Male, die ihm das älteste Geheimnis abgedrungen; denn bisher hatten beide in den gemeinen Stunden des Lebens das Heiligtum nicht wieder berührt. Nur der Hauptmann konnte leicht und gern von Linda so wie von jedem Verluste sprechen.
Liane erblickte ihren Bruder – den regierenden Schöpfer ihrer weichsten Stunden – allezeit mit herzlichster Freude, ob er gleich meistens etwas haben wollte, wenn er kam; vor Freude trug sie ihm das Buch, woraus sie der stickenden Mutter vorgelesen, in der Hand entgegen. Sie und die Mutter hatten den ganzen Tag heiter und einsam mit gegenseitigem Ablösen in Sticken und Lesen verlebt; sooft der Minister verreiste, waren sie zugleich von Unfriede und Visiten-Charivari frei. Wie gerührt erkannte Albano das Morgenzimmer wieder, aus dem er das erstemal das teuere Mädchen nur als Blinde in der Ferne zwischen Wasserbogen stehen sehen! Die gute Liane nahm ihn unbefangener auf, als er es durch Karls Einweihung in seine Wünsche bleiben konnte. Welche paradiesische Mischung von unberechneter Scheu und überfliessender Freundlichkeit, Stille und Feuer, von Blödigkeit und Anmut der Bewegung, von scherzender Güte, von schweigendem Wissen! dafür gebührt ihr der herrliche Beiname Virgils: die Jungfräuliche. In unsern Tagen der weiblichen Krachmandeln, der akademischen Kraftfrauen, der Hopstänze und Doubliermarschschritte im platten Schuh kommt der virgilianische Titel nicht oft vor. Nur zehn Jahre lang (vom 14ten an gezählt) kann ich ihn einem Mädchen geben; später wird es manirierter. Dreizehn und siebzehn Jahre zugleich ist gewöhnlich ein solches holdes Wesen alt.
Warum warest du so reizend-unbefangen, zarte Liane, als weil du wie die Bourignon nicht einmal wusstest, was zu fliehen war, und weil deine heilige Schuldlosigkeit noch das verdächtige Ausspähen der entlegensten Absichten, das an die Erde gebückte Behorchen des kommenden Feindes und alle kokette Manifeste und Ausrüstungen ausschloss? – Die Männer waren dir noch gebietende Väter und Brüder; und darum erhobest du zu ihnen noch nicht stolz sondern so freundlich das treue Augenpaar!
Und mit diesem gütigen blick und mit ihrem Lächeln dessen Fortdauer oft auf männlichen Gesichtern, aber nicht auf jungfräulichen die Titelvignette der Falschheit ist – nahm sie unsern edlen Jüngling an, aber ihn nicht allein.
Sie setzte sich an den Stickrahmen; und die Mutter schiffte den Grafen bald in das kühle Weltmeer allgemeiner gespräche ein, in das nur zuweilen der Sohn eine grüne warme Insel herauftrieb. Alban sah zu, wie Liane ihre musivischen Blumenstücke wachsen liess; wie die kleine weisse Hand auf dem schwarzen Atlasgrunde (Froulays Torax soll an seinem Geburtstage die Blumen anziehen) lag, und wie ihre reine Stirn, von gekräuselten Haaren durchsichtig überwebt, sich vorbückte, und wie sich ihr Angesicht, wenn sie sprach oder wenn sie neue seidene Farben suchte, mit dem höhern Feuer der Arbeit im Auge und auf der Wange beseelet aufrichtete. Karl streckte ihr zuweilen hastig die Hand entgegen. Sie reichte ihre willig hinüber, er legte sie zwischen seine beiden und wandte sie um, sah in die inwendige, drückte sie mit beiden, und die Geschwister lächelten einander liebreich an. Und da lächelte Albano allemal treuherzig aus den Gesprächen mit der Mutter mit herein. Aber armer Held! – Schon an sich ist es herkulische Arbeit, neben einer feinen müssig zu sitzen, neben Sticken, Miniaturmalen u.s.w. ; aber vollends mit deinem geist, der so viele Segel nebst einem Paar Stürmen hinterdrein hat, untätig neben dem Stickrahmen zu ankern und nicht etwa ein Herkules zu sein (das wäre leicht), welcher spinnt, sondern einer, der nur spinnen sieht – und das vor dem grossen Frühling und Sonnenuntergange draussen – und noch dazu neben der wortkargen Mutter (überhaupt ist es schon neben jeder eine Unmöglichkeit, ein erhebliches Gespräch mit der Tochter einzuleiten) – – das sind schwere Sachen.
Er sah scharf gegen die gestickte Flora nieder: "Mich schmerzt nichts so sehr," – sagte er, weil er überall philosophierte und weil ihn alles Vergebliche auf der Erde peinlich beklemmte – "als dass so viele tausend künstliche Zieraten auf der Welt umsonst geschaffen werden, ohne dass sie je ein Auge trifft und geniesset. Mir kann es ordentlich nahe gehen, wenn das grüne Blättchen hier nicht besonders angesehen wird." Mit derselben Trauer über fruchtlose ungenossene Pflanzungen der Mühe hielt er oft sein Auge nahe an den Tapeten-Baumschlag, an geblümte Zeuge, an architektonische Verzierungen.
Liane konnte' es für einen malerischen Tadel des überladenen Näh-Gartens nehmen, den sie bloss ihrem Vater zu Liebe so voll säete – denn Froulay, aus den zeiten gebürtig, wo man noch mit dem Kleide die Tressen besetzte, knöpfte gern ein kleines Seidenherbarium an den Leib –; aber sie sagte nichts als lächelnd das: "Nun das Blättchen ist dem bösen Schicksal ja entgangen, es ist angeschaut."
"Was tut Vergehen und