?" sagte der schuldlose Freund mit unendlichem Schmerz, und die schönen Sterne des Frühlings fielen wie zischende Funken in seine Wunde.
Vor diesem Worte lösete sich Karls gespanntes Herz in treue gute Tränen, ein heiliger Geist kam über ihn und gebot ihm, die reine Seele nicht zu quälen mit seiner, ihr nicht den Glauben zu nehmen, ihr das wilde Ich und jede Eigensucht stumm zu opfern. Sanft legt' er sich an des Freundes Herz, und mit zauberischleisen Worten und voll Demut und ohne Feuerbilder sagt' er ihm sein ganzes Herz – und dass es nicht böse sei, sondern nur unglücklich und schwach – und dass er nur so herzlich-aufrichtig gegen ihn, der zu gut von ihm denke, habe sein müssen wie gegen Gott – und dass er schwöre bei der Stunde des Todes, zu werden wie er, ihm ewig alles zu bekennen, sich zu heiligen an ihm –,"Ach ich wurde nur noch so wenig geliebt!" beschloss er. – Und Albano, der liebestrunkne, glühende Mensch, der gute Mensch, der an sich die heiligen Übertreibungen der Reue kannte und der diese Bekenntnisse für jene hielt, kehrte begeistert in den alten Bund zurück mit Liebe ohne Mass. "Du bist ein warmer Mensch!" (sagte Karl) "Warum liegen denn die Menschen immer wie die Toten auf dem Bernhardus-Berg90 einander erfroren an der Brust, mit steifem auge', mit starren Armen? – O warum kamest du so spät zu mir? Ich wäre anders geworden. Warum kam jene91 so früh? – Dort im dorf drunten an der engen niedrigen Kirchtüre, da sah ich sie zuerst, durch die mein Leben zur Mumie ward. Wahrlich ich spreche jetzt gefasset. Man trug vor mir her, als ich heraus spazieren ging, einen leichen-weissen Jüngling auf einer Bahre in den Tartarus; es war nur eine Statue, aber sie war das Ebenbild meiner Zukunft. Ein böser Genius sagte zu mir: liebe die Schöne, die ich dir zeige. Sie stand an der Kirchtüre, von Kirchleuten umzingelt, die sich über die Kühnheit wunderten, womit sie mit beiden Händen eine silbergraue züngelnde Schlange annahm und wog. Wie eine kühne Göttin senkte sie die feste ebene Stirn, das schwarze Auge, die Rosenblüten ihres Angesichts auf den von der natur platt getretnen Otterkopf und spielte damit dicht an ihrem Herzen. 'Kleopatra!' sagt' ich, obwohl ein Knabe. Auch sie verstand es schon, blickte ruhig und kalt von der Schlange auf und gab sie zurück und wandte sich um, an meine junge Brust warf sie die erkältende Leben-fressende Viper. – Aber wahrlich jetzt ist es vorbei, und ich spreche ruhig. Nur in den Stunden, Albano, wo mir aus jener Nacht meine blutigen Kleider, die meine gute Schwester aufgehoben, zu gesicht kommen, da leid' ich mehr und frage: armer gutmeinender Knabe, warum wurdest du denn älter? Aber wie gesagt, es ist ganz vorbei. Zu dir, nur zu dir spreche ein besserer Genius: liebe die Schöne, die ich dir zeige!" –
Aber welche Welt von Gedanken flog jetzt auf einmal Albano zu! "Er martert sich" (dachte' er) "mit dem alten Argwohne über Romeiro fort – ich will Herz gegen Herz öffnen und es dem guten Bruder sagen, dass ich ja seine Schwester ewig liebe." – Seine Wangen glühten, sein Herz flammte, er stand priesterlich vor dem Altare der Freundschaft mit der schönsten Gabe, mit der Aufrichtigkeit.
"O jetzt, Karl," sagt' er, "wäre sie wohl anders gegen dich – mein Vater reiset mit ihr, und du wirst sie sehen." – Er ging Hand in Hand schneller mit ihm einer dunklen Baumgruppe zu, um im Schatten die zart-errötende Seele zu öffnen. "Nimm mein teuerstes Geheimnis hin" (fing er an) – "aber sprich nicht davon – und nicht mit mir – errätst du es nicht, mein erster Bruder? die Seele nicht, die ich so lange liebte wie dich?" – Leise, leise setzte er dazu: "Deine Schwester?" und sank ihm auf den Mund, um die ersten Laute wegzuküssen.
Aber Karl, im Aufruhr des Entzückens und der Liebe wie eine Erde bei dem Aufgange des Frühlings, bändigte sich nicht; er presste ihn an sich; er liess ihn los; er umfasste ihn wieder, er weinte selig, er drückte Albanos Augen zu und sagte neu-verschwistert: "Bruder!" Vergeblich wollte Albano mit der Hand jede andere Silbe auf seinen Lippen erdrücken. Er fing vor dem betroffenen Jüngling – der unter der einsamen und poetischen Bücherwelt eine höhere Zarteit gewonnen, als die Wirklichkeit des Umgangs lehrt – Lianen abzumalen an, wie sie dulde und handle, wie sie für ihn sorge und rede und sogar verarme, um seine Schulden zu tilgen; wie sie ihn nie hart tadle, sondern nur mild bitte, und alles das nicht aus künstlicher Duldung, sondern aus heisser echter Liebe, und wie doch das noch kaum das Beiwerk ihres Bildes sei. Er war in seiner reinern Begeisterung, als ihm dieser Abend zugelassen, darum so selig, weil er seine Schwester unter allen Menschen am meisten und uneigennützigsten und am freiesten von poetischer Schwelgerei und Willkür lieben konnte – ordentlich dadurch gestärkt, dass er einmal aus reiner heiliger Liebe jauchzen dürfe, zog er