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da dem Grafen süss, wie man sich schlummernd verblutet, das ganze Innere, sein ganzes voriges Leben von der Lippe floss und alle Plane des künftigen, sogar die stolzesten (nur der zärteste nicht) – und da er sich, wie (nach der Bourignon) Adam im Unschulds-Stand, so kristallendurchsichtig vor das befreundete Auge stellte, nicht aus Schwäche, sondern aus altem Drang und im Glauben, so müsse der Freund sein: so traten dem unglücklichen Roquairol helle Tränen der liebevollsten Bewunderung über die ungeschminkte Reinheit und über die energische, gläubige, noch in nichts schwankende natur und über den fast zum Lächeln reizenden naiven hohen Ernst des rotwangigen Jünglings in die Augen. Er schluchzete an dieser freudetrunknen Brust, und Albano wurde weich, weil er dachte, er sei es zu wenig und sein Freund so sehr.

"Hinaus, hinaus!" sagte Karl; und das war lange Albanos Wunsch. Es schlug ein Uhr, als sie auf der engen Kellertreppe die Sterne des Frühlingshimmels oben an der Einfahrt des Schachtes blitzen sahen. Wie frisch quoll die eingeatmete Nacht über die heissen Lippen! – Wie fest bauete sich über die flüchtigen Zeltgassen der Stadt die Welt-Rotunda mit ihren festen Sternenreihen dahin! Wie erquickte und erweiterte sich das feurige Auge Albanos an den Riesenmassen des dämmernden Frühlings, an dem unter dem durchsichtigen Mantel der Nacht schlummernden Tag! Zephyre, die Schmetterlinge des tages, flatterten schon um ihre lieben Blumen und sogen aus den Blüten und trugen Weihrauch für den Morgen ein, eine schlaftrunkne Lerche fuhr zuweilen in den stillen Himmel hinauf mit dem lauten Tage in der Kehle, über die dunkeln Auen und Stauden war schon der Tau gegossen, dessen Juwelenmeer vor der Sonne entbrennen sollte, und in Norden wehten die PurpurWimpel der Aurora, die gegen Morgen schiffte. – – Erhebend fasste der Gedanke den Jüngling an, dass nun dieselbe Minute Millionen kleine und lange Leben messe und den gang der Minierraupe und den Flug der Sonne und dass jetzt dieselbe Zeit durchlebet werde vom Wurm und von Gott, von Welten zu Weltenüberall. – "O Gott," rief er,"wie herrlich ist es, dass man ist!"

Karl klebte bloss mit dem hängenden schweren Gefieder des Nachtvogels an den heitern Gestirnen um ihn: "Wohl dir," sagt' er, "dass du so sein kannst und dass die Sphinx in deiner Brust noch schläft. Du weisst nicht, was ich will. Ich kannte einen Elenden, der sie recht gut schildern konnte. In der Brustöhle des Menschen, sagt' er, liegt das Ungeheuer mit aufgehobenem Madonnengesicht auf seinen vier Tatzen und lächelt eine Zeitlang umher und der Mensch mit. – Plötzlich springt es auf, gräbt die Krallen in die Brust, zerschlägt sie mit dem Löwenschweif und den harten Flügeln und wühlt, drängt und tobt, und überall rinnt Blut an der zerritzten Brustöhle. – Auf einmal legt es sich blutig wieder hin und lächelt wieder fort mit dem schönen Madonnenangesicht. O er sah ganz blutlos aus, der Elende, weil das Tier so von ihm zehrte und durstig an seinem Herzen leckte."

"Greulich!" (sagte Albano) "und doch verstehe' ich dich nicht ganz." – – Der Mond hob jetzt sich und eine finster an seinen Seiten gelagerte Wolken-Herde empor und zog einen Sturmwind nach, der sie unter die Sterne jagte. Karl fuhr wilder fort: "Anfangs hatte' es der Elende noch gut, er hatte noch derbe Schmerzen und Freuden, rechte Sünden und Tugenden; aber als das Untier immer schneller lächelte und zerriss und er immer schneller Lust und Pein, Gutes und Böses wechselte; und als Gotteslästerungen und Kotbilder in seine Gebete krochen und er sich weder bekehren noch verstocken konnte: da lag er in öder Verblutung in der lauen, grauen, trocknen Nebel-Masse des Lebens da und starb so durch das Leben fort. –

Warum weinest du? Kennst du den Elenden?" "Nein", sagte Albano mild. –,"Ich bins!" – "Du? – schrecklicher Gott, du nicht!" – "O, ich bins; und wenn du mich auch verachtest, du wirst, was ich Nein, mein Unschuldiger, ich sag' es nicht. Sieh, jetzt steht die Sphinx wieder auf. O bete mit mir, hilf mir, dass ich nicht sündigen muss, nur nicht muss. Ich muss saufen, ich muss verführen, ich muss heuchelnich heuchle jetzt –" Zesara sah das starre Auge, das bleiche zerrissene Gesicht und schüttelte liebend-entrüstet ihn mit beiden Armen und stammelte gerührt: "Das ist beim Allmächtigen nicht wahr; du bist ja so sanft und blass und unglücklich und unschuldig." –

"Rosenangesicht," (sagte Karl)"ich scheine dir rein und hell wie der dort droben89, aber er wirft wie ich den langen Schatten gegen den Himmel hinauf" – Zesara liess ihn los, sah lange nach dem erhabnen dunklen, wie ein Leichenzug um das Elysium haltenden Tartarus und drückte bittere Tränen weg, die über die Erinnerung flossen, dass er darin seinen ersten Freund gefunden, der sich jetzt neben ihm auflöse. Da brach der Nachtwind eine von der Waldraupe getötete Tanne daraus ab, und Albano zeigte stumm auf die Niederbrechende; Karl rief erschrocken:"Ja, das bin ich!" -"Ach Karl, hab' ich dich denn heute verloren