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kolossalisch im dichterischen Vergrösserungsspiegel beschauete: so standen alle schlafenden Riesen seines inneren auf, sein Vater kam und seine Zukunft, selber sein Freund stand neu wie aus jener glänzenden phantastischen Kinderzeit herausgehoben da, wo er sich ihn in diesen Rollen vorgeträumt, und in den inneren Heldenzug wurde sogar die Wolke, die durch den Himmel schwamm, und die über den Markt wegmarschierende WachTruppe eingeschichtet. Zu gross erschien ihm der Freund, weil er wie alle Jünglinge noch von Schauspielern und Dichtern glaubte, dass sie wie die Bergleute immer die Metalle in den Leib bekommen, in denen sie arbeiten. Wie oft sagten beide in der Jünglings-Metapher: "Das Leben ist ein Traum" und wurden bloss froher und wacher dadurch! Der Greis sagt es anders. Und die schwarze Todespforte, an welche Karl so gern hinführte, wurde vor dem Jünglingsauge eine Glastür, hinter welcher das helle goldne Zeitalter des verspäteten Herzens in unermesslichen Auen lag.

Mädchen, bekenn' ich, – da ihre gespräche zerstückter, faktischer und weniger berauschend sinderstehen statt eines solchen Eden-Parks einen hübschen holländischen Garten, gut zugeschnitten von Krebs- und Damesscheren und (nachmit-)täglich dargereicht von der schwarzen Stunde, die ihnen auf dem Kaffee- oder Teebrette das schmale schwarze Brett einiger übeln Nachreden, ein paar neue dasitzende Shawls, einen wohlgewachsenen Menschen, der mit einem Testamente oder Trauschein vorbeigeht, und letztlich die Hoffnung des häuslichen Referats serviert. – kommt zu den Jünglingen zurück!

Gegen Abend bekam der Hauptmann ein rotes Billet. "Es ist ganz gut!" sagt' er zur Überbringerin und nickte. "Wird nichts daraus, Madame!" (sagt' er, sich gegen Albano kehrend) – "Bruder, wahre dich nur gegen Eheweiber! Schnappe einmal zum Spasse nach einem roten Schminkläppchen von ihnen: flugs schieben sie dir die Angelhaken in die Rückenhaut88. Der Haken sieben sind in meiner allein, wie du sie da siehst, sesshaft." Das unschuldige Kind Albano! Es nahm es für etwas moralisch-Grosses, die Freundschaft von sieben Eheweibern auf einmal zu behaupten, und wäre froh in Karls Fall gewesen; er konnte das Schlimme nicht finden, dass die Freundinnen, wie die Römer, der Viktoria (nämlich uns) gern die Flügel abschneiden, damit die Gotteit nicht weiterfliege. –

An einem schönen Tag ist nichts so schön als sein Sonnenuntergang; der Graf schlug vor, ins Abendrot hinauszureiten und auf der Höhe nach der Sonne zu schauen. Sie trabten durch die Strassen; Karl zog bald vor einer schönen Nase, bald vor einem grossen Augenpaar, bald vor durchsichtigen Stirnlocken den grossen schiefsitzenden Hut ab. Sie flogen in die Lindenallee, die sich mit einer bunten Lambris von Spaziersitzerinnen festlich putzte. Ein grosses, feurig durchblickendes Weib schritt im roten Shawl und gelben Kleide durch das weibliche Blumenbeet, hoch wie die Blumengöttin; es war die Konzipientin des roten Blattes; sie war aber aufmerksamer auf den schönen Grafen als auf ihren Freund. An allen Wänden und Bäumen blühte das Rosenspalier des Abendrots. Sie brauseten die weisse Strasse nach Blumenbühl hinaufan beiden Seiten schlug das goldgrüne Meer des Frühlings die lebendigen Welleneine geflügelte Welt ruderte darin, und die Vögel tauchten sich tief in die Blumen unterhinter den Freunden brannte die Sonne, und vor ihnen lag die Blumenbühler Höhe ganz rosenrot. Oben wandten sie die Pferde gegen die Sonne, die hinter den Kuppeln und Rauchsäulen der stolz-brennenden Stadt in fernen hellen Gärten ruhte. Nahegerückt lag die erleuchtete Erde um sie her, und Albano konnte die weissen Statuen auf Lianens Dach lebendig unter dem blühenden Gewölk erröten sehen. Er drängte sein Pferd an das fremde, um die Hand auf Karls Achsel zu drücken; und so sahen sie schweigend zu, wie die liebevolle Sonne die goldne Wolkenkrone ablegte und mit dem flatternden Laubgewinde um die heisse Stirn ins Meer hinunterzog. Und als es dämmerte auf der Erde und glühte am Himmel und Albano sich hinüberneigte und seinen Freund ans brennende Herz herüberzog: so stieg das Abendgeläute in Blumenbühl herauf – "Und dort drunten", sagte Karl mit sanfter stimme und kehrte sich hin, "liegt dein friedlich Blumenbühl wie ein stiller Kirchhof deiner Kindertage. – Wie sind die Kinder glücklich, Albano, ach, wie sind die Kinder glücklich!" – "Sind wirs nicht?" (antwortete er mit freudigen Tränen) "Karl, wie oft stand ich auf den Höhen an Abenden wie dieser und streckte inbrünstig meine kindischen hände aus nach dir und nach der Welt. – Nun hab' ichs ja alles. Wahrlich du hast nicht recht." – Aber er, am brausenden Ohrenklingen vergangner weiter zeiten krank, blieb taub gegen das Wort und sagte:,"Nur die Wiegenlieder, nur die zurücktönenden Wiegenlieder schläfern die Seele ein, wenn sie heiss geweinet hat."

Stiller und langsamer ritten sie zurück. Albano trug eine neue Welt der Liebe und der Wonne in der Brust; und der Jünglingnoch nicht ein Schuldner der Vergangenheit, sondern ein Gast der Gegenwartsank, vom langen jubel des tages süss abgespannt, in helldunkle Träume unter, gleichsam ein hoher Raubvogel, still auf entzückt-offnen Schwingen hängend.

"Wir wollen die ganze Nacht bei Ratto bleiben", sagte Karl in der Stadt.

55. Zykel

Sie stiegen in Rattos italienischen Keller hinunter. Das Haus kam anfangs nach dem Anblicke der weiten natur dem Grafen wie ein Felsenstück darübergewälzt vorwiewohl ja