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Ende des ersten Bandes

Zweiter Band

Zehnte Jobelperiode

Roquairols advocatus diabolider Feiertag der

Freundschaft

53. Zykel

Nicht nach den Kinderjahren, sondern nach der Jünglingszeit würden wir uns am sehnsüchtigsten umkehren, wenn wir aus dieser so unschuldig wie aus jenen herkämen. Sie ist unser Lebensfesttag, wo alle Gassen voll Klang und Putz sind und um alle Häuser goldne Tapeten hängen, und wo Dasein, Kunst und Tugend uns noch als sanfte Göttinnen mit Liebkosungen lokken, die uns im Alter als strenge Götter mit Geboten rufen! – Und in dieser Zeit wohnt die Freundschaft noch im heiter offnen griechischen Tempel, nicht wie später in einer engen gotischen Kapelle.

Herrlich und reich schimmerte jetzt um Albano das Leben, mit Inseln und Schiffen bedeckt; er hatte die ganze Brust voll Freundschaft und Jugend und durfte die drängende Kraft der Liebe, die auf Isola bella an einer Statue, am Vater, zurückprallte, nun ungebändigt und fröhlich auf einen Menschen stürmen lassen, der ihm völlig so erschien, wie ihn der Jünglingstraum entwirft. Er konnte keinen Tag von Karl lassener deckte ihm seine Seele auf und sein ganzes Leben (nur Lianens Name stieg tiefer in sein Herz zurück) – alle Vorbilder der Freundschaft unter den Alten wollt' er nachbilden und erneuern und alles tun und leiden für seinen Geliebtensein Dasein war jetzt ein Doppelchor, er trank jedes Glück mit zwei Herzen, sein Leben schloss ein doppelter Himmel in lauter Äter ein.

Als er am andern Tage die befreundete feste Gestalt antraf, die ihm aus dem nächtlichen Spektakelstück der Geisterwelt übrig geblieben war, wie ein blasser Mond aus den weggelöschten Sternen der Nacht; und als er sie so kahlköpfig und bleich fandwie die feurige Ätnas-Rauchsäule am Tage grau aufsteigt –: so sah er gleichsam den vorigen Selbstmörder vor sich stehen; freier, aber desto wärmer reicht' er dem einsamen Wesen, das nach dem Sprunge über das Leben nur noch auf seinem grab wie auf einem fernen Eiland wohnte, die Hand hinüber. Andere ziehen sie eben darum weg; der gestörte Selbstmörder, der das schöne feste Leben durchrissen, kehrt aus seiner Todesstunde als ein fremder unheimlicher Geist zurück, dem wir nicht mehr trauen können, weil er in seiner Ungebundenheit jede Minute das wegwerfende Spiel mit der Menschengestalt wieder treiben kann.

Daher sah Albano im chaotischen Leben des Hauptmanns nur die Unordnung eines Wesens, das einpackt und auszieht. Als er das erstemal in dessen Sommerstube trat, so hatte' er freilich darin eine Bedienten-, eine teatralische Anziehstube und ein Offizierszelt auf einmal vor sich. Auf der Tafel lagen verworrene Völkerschaften von Büchern, wie auf einem Schlachtfeld, und auf Schillers Tragödien das hippokratische Gesicht von der Redoute, und auf dem Hofkalender eine Pistoledas Bücherbrett bewohnte die Degenkuppel neben ihrer Seifenkugel aus Kreide, ein Schokoladequerl, ein leerer Leuchter, eine Pomadebüchse, Fidibus, das nasse Handtuch und die eingetrocknete Mundtassedas Glashaus der ausgelaufenen Standuhr und der Wasch- und der Schreibtisch standen offen, auf welchem letzteren ich mit Erstaunen umsonst nach Unterlage und Streusand sucheder Pudermantel lehnte sich in der Ottomane zurück, und ein langes Halstuch ritt auf dem Ofenschirm, und das Hirschgeweihe an der Wand hatte zwei Federhüte aufs rechte und linke Ohr geschobenBriefe und Visitenkarten waren wie Schmetterlinge an die Fenstervorhänge gespiesset. Ich wäre nicht fähig, darin ein Billet zu schreiben, geschweige einen Zykel.

Gibt es aber nicht ein sonnenhelles freiflatterndes Alter, wo man alles gerne sieht, was reisefertige Unruhe, Abbrechen der Zelte und Nomadenfreiheit verkündigt, und wo man mit Dank in einem Reisewagen haushielte und darin schriebe und schliefe? Und hält man nicht in diesen Jahren gerade eine solche Studentenstube für geistiges Studentengut des Genies und jedes Chaos für ein infusorisches voll Leben? Man gönne meinem Helden diese irrende Zeit; es hielt ihn doch etwas Edles in seiner natur zurück, aus einem Lobredner ein Nachahmer zu werden.

Wie nach einem weggeschmolznen Nachwinter auf einmal die grüne Erdendecke in Blumen und Blüten hoch aufflattert, so fuhr in der warmen Luft der Freundschaft und Phantasie auf einmal Albanos Wesen üppig blühend und grünend aus. Karl hatte und kannte alle Zustände des Herzens, er erschuf sie spielend in sich und andern, er war ein zweites Sanenland, das alle Klimate von Frankreich bis Nova Sembla beherbergt, und worin eben darum jeder seines findet; er war für andere alles, wiewohl für sich nichts. Er konnte sich in jeden Charakter werfen, wiewohl ihm eben darum zuweilen einkam, bloss den bequemsten durchzusetzen. Die Gurt-, Brust-, Schwanzund Sattelriemen des höfischen, kleinstädtischen und bürgerlichen Lebens hatte sein Buzephalus längst abgesprengt; und wenn sich der Graf jeden Tag über den Sprach-Laufzaum des Lektors ärgerte, der alles richtig sagte, Kanaster statt Knaster, Juften statt Juchten, funfzig statt fufzig, und barbieren (welches R ich selber für eine dumme Härte halte): so war Roquairol ein Freidenker bis zum renommistischen Freiredner und sprach nach seinem eignen Ausdruck, der zugleich das Beispiel war, "von der Leber und vom Maule weg". Dem Grafen klebte zu seinem Verdruss eine gewisse epische, von Büchern anerzogene SprachWürde an. Sie überdachten und verwünschten oft miteinander das erbärmliche Glatzen-Leben, das man hätte, wenn man, wie der Lektor, als ein wohlgewachsener Staatsbürger von Extraktion dahinlebte, Konduite und einen saubern Anzug hätte und hübsche, nicht unebene Kenntnisse von mehreren Fächern und zur Erholung seinen Tischwein und Geschmack an trefflichen Maler- und andern Meistern