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weil er sogar ein tierisches Vertrauen nicht belügen wollte.

Als sie ihm nachsahen, da er langsam mit nachspringenden Schatten und mit den an ihm herabschlüpfenden Sonnenblitzen durch die Lorbeerbäume ging und wie in einem Traume die Zweige mit vorausgehaltenen Händen sanft auseinanderbog: so brach Dian aus: "Welche Jupiters-Statue!" – "Und die Alten", fiel Schoppe ein, "glaubten noch dazu, dass jeder Gott in seiner Statue haus." – "Eine herrliche dreifache Breite der Stirn, der Nasenwurzel und der Brust!" (fuhr Dian fort) "Ein Herkules, der auf dem Olympus Ölbäume pflanzt!" – "Es frappierte mich sehr," (sagte der Lektor) "dass ich durch langes Anschauen auf seinem gesicht lesen konnte, was ich wollte und was sich widersprach, KälteWärmeUnschuld und Sanftmutam leichtesten Trotz und Kraft." – Schoppe setzte dazu: "Ihm selber mag es noch schwerer werden, einen solchen Kongress kriegführender Mächte in sich zu einem Friedenskongress zusammenzuzwingen." – "Wie schön" (sagte der menschlich-fühlende Dian) "muss einer so kräftigen Gestalt die Liebe anstehen und wie erhaben der Zorn!" – "Das sind zwei malerische Schönheiten," (versetzte Schoppe) "woraus sich zwei Pädagogiarchen und Xenophone wie wir wenig bei ihrem Cyrus machen in ihrer Cyropädie."

4. Zykel

Zesara hatte bloss drei Gläser Wein gekostet; aber der Most seines heissen dichten Blutes gor davon stärker. Der Tag erwuchs immer mehr zu einem daphnischen und delphischen Hain, in dessen flüsterndes und dampfendes Dickicht er sich tiefer verlordie Sonne hing wie eine weisse blitzende Schneekugel im Blaudie Eisberge warfen ihren Silberblick in das Grün hereinaus fernen Wolken donnerte es zuweilen8, als rolle der Frühling in seinem Triumphwagen daher und weiter zu unsdie Lebenswärme des Klimas und der Tagszeit, das heilige Feuer zweier Entzückungen (der erinnerten und der gehofften) brüteten alle seine Kräfte an. Jetzt ergriff ihn jenes Fieber der jungen Gesundheit, worin ihm allemal war, als schlage in jedem Gliede ein besonderes Herzdie Lunge und das Herz von Blute schwer und vollder Atem ist heiss wie ein Harmattanwindund das Auge trübe in seiner eignen Loheund die Glieder sind müde vor Kraft. In dieser Überfüllung der elektrischen Wolke hatte' er einen besonderen Trieb nach Zertrümmern. Er half sich jünger oft, dass er Felsenstücke an den Gipfel wälzte und niederrollen liess; oder dass er im Galopp so lange lief, bis der Atemlänger wurde, oder am gewissesten dadurch, dass er sich (wie er von Kardan gehört hatte) mit einem Federmesser Schmerzen und sogar kleine Verblutungen erregte. – Selten gewinnen gewöhnliche, und noch seltener ungewöhnliche Menschen die volle, mit allen Zweigen blühende Jugend des Leibes und Geistes; aber desto prangender trägt dann eine Wurzel einen ganzen Blumengarten. –

Mit diesen Wallungen stand Albano jetzt hinter dem Palast einsam gegen Süden, als ihm ein Spiel seiner Knabenjahre einfiel.

Er war nämlich oft im Mai auf einen säulendicken Apfelbaum, der ein ganzes hängendes grünes Kabinett erhob, bei heftigem Wind gestiegen und hatte sich in die arme seines Gezweigs gelegt. Wenn ihn nun so die schwankende Lustecke zwischen dem Gaukeln der Lilienschmetterlinge und dem Summen der Bienen und Mücken und dem Nebeln der Blüten schaukelte und wenn ihn der aufgeblähte Wipfel bald unter fettes Grün versenkte, bald vor tiefes Blau und bald vor Sonnenblitze drehte: dann zog seine Phantasie den Baum riesenhaft empor, er wuchs allein im Universum, gleichsam als sei er der Baum des unendlichen Lebens, seine Wurzeln stiegen in den Abgrund, die weissen und roten Wolken hingen als Blüten in ihm, der Mond als eine Frucht, die kleinen Sterne blitzten wie Tau, und Albano ruhte in seinem unendlichen Gipfel, und ein Sturm bog den Gipfel aus dem Tag in die Nacht, und aus der Nacht in den Tag. –

Er sah jetzt zu einer hohen Zypresse empor. In Rom war aus dem Mittags-Schlaf ein Südostwehen aufgestanden und hatte sich unterwegs fliegend in Limoniengipfeln und in tausend Bächen und Schatten gekühlt und lag nun gewiegt auf Zypressenarmen. Da erkletterte er den Baum, um sich wenigstens zu ermüden. Aber wie dehnte sich die Welt vor ihm aus mit Bergen, mit Inseln und Wäldern, da er das donnernde Gewölke über Roms sieben Hügeln liegen sah, gleichsam als rede aus dem Dunkel noch der alte Geist, der in den Hügeln wie in sieben Vesuven gearbeitet hatte, welche vor der Erde so viele Jahrhunderte lang mit feurigen Säulen, mit aufgerichteten Gewittern standen und sie mit glühenden Strömen, mit Aschenwolken und mit Fruchtbarkeit übergossen, bis sie sich selber zersprengten! Die Spiegelwand der Gletscher stand wie sein Vater unzerrüttet vor der Wärme des himmels und wurde nur glänzend und nicht warm und nicht weichaus dem weiten See schienen überall die warmen Hügel wie aus ihrem Bade auszusteigen, und die kleinen Schiffe der Menschen schienen in der Ferne strandend zu stockenund im weiten Wehen um ihn gingen die grossen Geister der Vergangenheit vorüber, und unter ihren unsichtbaren Tritten bogen sich nur die Wälder nieder, aber die Blumenbeete wenig. – Da wurde in Albano die fremde Vergangenheit zur eignen Zukunftkeine Wehmut, sondern ein Durst nach allem Grossen, was den Geist bewohnt und hebt, und ein Schauder vor den schmutzigen Ködern der Zukunft zogen sein Auge recht schmerzlich zusammen, und schwere Tropfen fielen daraus. – Er stieg herab, weil das