und stürzte durch immer dichtere Zweige endlich hinaus in einen freien Garten und in den Glanz des Mondes; – hier, ach hier als er den heiligen unsterblichen Himmel und die reichen Sterne im Norden wieder schimmern sah, die nie auf- und untergehen, den Pol-Stern und Friedrichs Ehre, die Bären und den Drachen und den Wagen und Kassiopeja, die ihn mild wie mit den hellen winkenden Augen ewiger Geister anblickten; da fragte der Geist sich selber: "Wer kann mich ergreifen, ich bin ein Geist unter Geistern"; und der Mut der Unsterblichkeit schlug wieder in der warmen Brust. – –
Aber welcher sonderbare Garten! Grosse und kleine blumenlose Beete voll Rosmarin, Raute und Taxus zerstückten ihn – ein Kreis von Trauerbirken umgab wie ein Leichengefolge gesenkt den stummen Platz – unter dem Garten murmelte der begrabne Bach – und in der Mitte stand ein weisser Altar, neben welchem ein Mensch lag.
Albano wurde gestärkt durch die gemeine Kleidung und durch den Handwerksbündel, worauf der Schläfer ausruhte; er trat ganz dicht an ihn und las die goldne Inschrift des Altars: "Nimm mein letztes Opfer, Allgütiger!" – Das Herz des Fürsten sollte hier zur Asche werden im Altare.
Ach nach diesen starren Szenen linderte es seine Seele bis zu Tränen, hier Menschenworte zu finden und einen Menschenschlaf und die Erinnerung an Gott; aber als er gerührt dem Schläfer zusah, sagte ihm plötzlich die Schwesterstimme, die er auf Isola bella gehört, leise ins Ohr: "Linda de Romeiro geb' ich dir." – "Ach guter Gott!" rief er und fuhr herum – und nichts war um ihn – und er hielt sich an die Altarecke – "Linda de Romeiro geb' ich dir", sagte es wieder – fürchterlich packte ihn der Gedanke, der schwebende Leichenkopf rede neben ihm – und er riss am festen Schläfer, der nicht erwachte – und riss und rief noch gewaltsamer, als die stimme zum dritten Male sprach.
"Wie?" – (sagte der Schlaftrunkene) "Gleich! – Was will Er? – Sie?" und richtete sich unwillig und gähnend auf, aber er fiel bei dem Anblicke des nackten Degens wieder auf die Knie und sagte: "Barmherzigkeit! ich will ja alles hergeben!"
"Zesara!" rief es im wald, "Zesara, wo bist du?" und er hörte seine eigne stimme; aber kühn rief er nun zurück: "Am Altare!" – Eine schwarze Gestalt drang heraus mit einer weissen Maske in der Hand und stockte im Mondlichte vor der bewaffneten; da erkannte endlich Albano den Bruder Lianens, nach dem er so lange gelechzet – er schleuderte den Degen zurück und lief ihm entgegen – Roquairol stand stumm, bleich und mit einer erhabnen Ruhe auf dem gesicht vor ihm – Albano blieb nahe stehen und sagte gerührt: "Hast du mich gesucht, Karl?" – Roquairol nickte stumm und hatte Tränen in den Augen und öffnete die arme. – Ach da konnte der selige Mensch mit allen Flammen und Tränen der Liebe an die langgeliebte Seele stürzen, und er sagte unaufhörlich: "Nun haben wir uns, nun haben wir uns!" Und immer heftiger umschlang er ihn wie den Pfeiler seiner Zukunft und strömte in Tränen hin, weil ja nun die verschlossene Liebe so langer Jahre und so viele zugedrückte Quellen des armen Herzens auf einmal fliessen durften. – Roquairol drückte ihn nur zitternd an sich und leise mit einem arme; und sagte, aber ohne Heftigkeit: "Ich bin ein Sterbender, und das ist mein Gesicht," (indem er die gelbe Totenmaske emporhielt) "aber ich habe meinen Albano, und ich sterbe an ihm."
Sie verstrickten sich wild – das Mark des Lebens, die Liebe, durchdrang sie schöpferisch – der Boden über dem rollenden Erdenflusse wankte heftiger – und der Sternenhimmel zog mit dem weissen Zauberrauche seiner zitternden Sterne um die magische Glut – –
Ach ihr Glücklichen!
52. Zykel
Einige Menschen werden verbunden geboren, ihr erstes Finden ist nur ein zweites, und sie bringen sich dann als zu lange Getrennte nicht nur eine Zukunft zu, sondern auch eine Vergangenheit; – die letztere forderten einander die Glücklichen ungeduldig ab. Roquairol antwortete auf Albans Frage, wie er hieher komme, mit Feuer: "er sei ihm diesen ganzen Abend gefolgt – er habe ihn am Fenster unter dem Leichengepränge so peinlichschmachtend angeschauet und beinahe umarmen müssen – er sei schon vorhin dicht an ihm gestanden und habe auf seine Frage: 'wer da?' sogleich die Maske abgetan." – – Jetzt griff wieder Albanos gefallner Arm straff durch das dünne Schattenspiel der Geisterfurcht, da er nun erfuhr, der zweiköpfige Riese sei bloss vom optisch-vergrössernden Wahne der Ferne einer so nahen Gestalt erwachsen, und der Leichenkopf habe auf der Treppe seinen Rumpf nur eingebüsst durch die finstern Überhänge und durch die schwarze Bekleidung; sogar die harte Geisterszene am Altare schien ihm jetzt bezwinglicher durch den reichen Gewinst der lebendigen Liebe.
Roquairol fragte ihn, welche Qual oder Freude ihn in der Mitternacht hierher auf einen herrnhutischen Gottesacker getrieben und wohin er den Menschen mit dem Degen abgeschickt. Albano war es unbekannt, dass hier Herrnhuter ruhen; und ebenso hatte' er den wahrscheinlich aus Furcht des Gebrauchs verübten Diebstahl des Degens nicht bemerkt. Er antwortete: "Meine tote Schwester wollte am Altare mit mir reden; und sie hat geredet"; aber er fürchtete sich, mehr davon