Nachtgang habe: so sah er über den Markt einen schweren Leichenwagen zwischen fackeln ziehen, der einen Rittergutsbesitzer seiner Familiengruft zufuhr; und der ungestörte Nachtwächter rief dem schleichenden Toten den Anfang der Geister- und einer uns teuren Geburtsstunde nach. Musste nicht sein getroffnes Herz es ihm sagen, wie der harte, feste, unauflösbare Tod mit seiner Gletscherluft so scharf durch die warmen Szenen des Lebens rückt und alles, worüber er wegweht, hinter sich starr lässt und schneeweiss? Musst' er nicht an die erkaltete junge Schwester denken, deren stimme jetzt seiner im Tartarus wartete? – Und als Schoppe mit seiner Puppen-Travestierung zu ihm kam und er ihm die Gasse zeigte und dieser sagte: "Bon! der Freund Hein sitzt auf seinem Pürschwagen und guckt ruhig herauf, als wolle der Freund sagen: bon! tanzt nur zu, ich fahre retour und bring' euch auch an Ort und Stelle" – wie musst' es ihm so enge werden unter dem schwülen Visier! – In dieser Sekunde kam die bleiche Larve mit andern ins Fenster – er öffnete das glühende Gesicht der Kühlung – ein schneller Weintrunk und noch mehr seine Phantasie zeigte ihm die Welt in brennenden Oberflächen – die Larve beschauete ihn nahe mit einer ungewissen dunkeln Augen-Glut, die er am Ende nicht länger vertrug, weil sie ebensogut vom Hasse als von der Liebe angezündet sein konnte, so wie Sonnenflecken bald Gruben, bald Gebürgen ähnlich schienen.
elf Uhr war vorbei, er entwich plötzlich den heissen Blicken und dem kreischenden Gedränge und begab sich auf den Weg zum Herzen ohne Brust.
51. Zykel
Indes er am Tore auf seinen Degen wartete: lief eine Gruppe neuer Masken (meistens Repräsentanten der Leblosigkeit, z.B. ein Stiefel, ein Perückenstock u.s.w.) in die Stadt, und sie guckten verwundert den fremden weissen langen Ritter an. Er nahm den Degen mit, aber nicht den Bedienten. übrigens liess ihm sein Charakter bei aller Gefahr, worein der Besuch eines abgelegnen düstern Katakombenganges und das fremde Vorauswissen dieses Besuches ihn stürzen konnte, doch keine andre Wahl als die getroffne; nein, er hätte sich lieber morden lassen als vor seinem Vater geschämt.
Wie stieg dein Geist empor, gleich einem Blitze, der aufwärts gegen den Himmel hineinschlägt, als die grosse Nacht mit ihrem Heiligenscheine aus Sternen aufgerichtet vor dir war! – Unter dem Himmel gibt es keine Angst, nur unter der Erde! Breite Schatten legten sich ihm in den Weg nach Elysium, den am Sonntage Tautropfen und Schmetterlinge färbten. In der Ferne wuchsen feurige Zacken aus der Erde und gingen; es war der Leichenwagen mit den fackeln in der tiefen Strasse. Als er an den Scheideweg kam, der durch die Schlossruinen in den Tartarus führt: sah er sich nach dem Zauberhaine um, auf dessen gewundner brücke ihm Leben und Freudenlieder begegnet waren; alles war stumm darin, und nur ein langer grauer Raubvogel (wahrscheinlich ein papierner Drache) drehte sich darüber hin und her.
Er kam durch das alte Schloss in einen abgesägten Baumgarten, gleichsam ein Baumkirchhof; dann in einen bleichen Wald voll abgeschälter Maienbäume, die alle mit verblühten Bändern und erblassten Fahnen gegen das Elysium sahen; – ein verdorrter Lustain so vieler Freudentage. Einige Windmühlen griffen mit langen Schattenarmen dazwischen, um immer zu fassen und zu schwinden.
Ungestüm lief Albano eine von Überhängen verfinsterte Treppe hinab und kam auf ein altes Schlachtfeld – eine dunkle Wüste mit einer schwarzen Mauer, nur von weissen Gipsköpfen durchbrochen, die in der Erde standen, als wollten sie versinken oder auferstehen – ein Turm voll blinder Tore und blinder Fenster stand in der Mitte, und die einsame Uhr darin sprach mit sich selber und wollte mit der hin- und hergeführten eisernen Rute die immer wieder zusammenrinnende Welle der Zeit auseinanderteilen – sie schlug drei Viertel auf 12 Uhr, und tief im wald murmelte der Widerhall wie im Schlafe und sagte noch einmal leise den entfliegenden Menschen die fliegende Zeit. Der Weg umlief im ewigen Kreise ohne Pforte die Gottesackermauer; Alban musste, nach der Nachricht, eine Stelle an ihr suchen, wo es unter ihm brausete und schwankte.
Endlich trat er auf einen mit ihm sinkenden Stein, da fiel ein Ausschnitt der Mauer um, und ein verstrickter Wald aus Baumklumpen, deren Stämme sich in Buschwerk einwickelten, war vor jeden Strahl des Mondes gewälzt. Als er unter der Pforte sich umsah, hing über der schattigen Treppe ein bleicher Kopf gleich einer Büste des Mordfeldes und ging ohne Körper herab, und die verbluteten Toten schienen aufzuwachen und ihm nachzulaufen der kalte Höllenstein des Schauders zog sein Herz zusammen; er stand; – der Leichenkopf schwebte unbeweglich über der letzten Staffel.
Auf einmal sog das Herz wieder warmes Blut, er wandte sich gegen den unförmlichen Wald mit gezogenem Degen, weil er sein Leben neben dem bewaffneten tod vorbeitrug. Er folgte in der Finsternis der grünenden Türme dem Getöse des unterirdischen Flusses und dem Wiegen des Bodens. Zum Unglück sah er sich wieder um, und der Leichenkopf stand noch hinter ihm, aber hoch in den Lüften auf dem Rumpfe eines Riesen. – – Der höchste Schauer trieb ihn allzeit mit zugedrückten Augen auf ein Schreckbild los; er rief zweimal durch den hallenden Wald: "Wer ist da?" Aber als jetzt auf einmal ein zweiter Kopf neben dem ersten zu stehen schien; so klebte seine Hand an dem eiskalten schloss der Pforte der Totenwelt gefroren an, und er riss sie blutig ab.
Er floh