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die Tapferkeit ist gern mit Galanterie vermählt, wie die Damaszener Waffe ausser der Härte noch einen ewigen parfümierten Geruch besitzt; – aber die Dame schrieb nur die Frage nach seinem Namen – v. C.? – in die Hand; und nach dem Ja sagte die reizende leise: "kennen Sie mich nicht mehr? – den Exerzitienmeister von Falterle?" Albano bezeugte, ungeachtet seines Widerwillens gegen die Rolle, eine wahre Freude über den Fund eines Jugend-Genossen. Er fragte, welche Maske der Oberst Roquairol sei; Falterle versicherte, er sei noch nicht da.

Nun gingenda die Läufer, die Fleischer, Falterle u.s.w. nur die Schneeglöckchen dieses Redoutenfrühlings warenschon bessere Blumen, Veilchen, Vergissmeinnicht und Primeln, auf oder herein. Für ein solches Vergissmeinnicht sehe' ich einen hereinkommenden, hinten und vornen ausgewachsenen und wie ein Brennglas konvexen Kerl an, der bald das Hintergebäude öffnete und Konfekt aus dem Buckel ausschüttete, und dann das Vordergebäude und Bratwürste gebar. Hafenreffer aber schreibt, die Invention sei schon einmal auf einer Wiener Redoute gewesen. Dann kam eine Gesellschaft deutscherSpielkarten, die sich selber mischten und ausspielten und stachen; ein schönes Sinnbild des Ateismus, das ihn ganz ohne das Ungereimte darstellt, womit man ihn so gern beschmitzte! – Herr von Augusti erschien auch, aber im einfachen Kleide und Domino; er wurde (dem Grafen unbegreiflich) sehr bald der Polarstern der Tänzer und der regierende kartesianische Wirbel der Tanzschule.

Mit welchem elenden schwarzen Kommiss- und Bettelbrote von Freudedachte Albano, dem den ganzen Tag seine Träume, diese Tauben Jupiters, Götterbrot zutrugenkommen diese Menschen ausUnd wie kahl und fahl ist ihr Feuer, ihre Phantasie und Sprache (dachte' er dazu), ein wahres Leben unten in einer finstern Gletscherspalte! Denn er glaubte, jeder müsse so angespannt und glühend sprechen und fühlen wie er.

Jetzt kam ein hinkender Mann mit einem grossen Glaskasten auf dem Bauche; – freilich war der Bibliotekar leicht zu kennen; er hatteentweder weil er zu spät nach einem Domino schickte oder keinen bezahlen wolltevom Leichenmäntel-Verleiher etwas Schwarzes an und war von der Achsel bis auf das Schienbein mit greulichen Masken besetzt, die er mit vielen Fingerzeigen meistens den Leuten antrug, die hinter entgegengesetzten agierten, z.B. langnasigen kurznasige. Er wartete auf den Anfang einer Hopsanglaise, deren Noten gerade auf der Spielwalze seines Kastens standen; dann fing er auch an; er hatte darin eine treffliche, von Bestelmaier gehobelte Puppen-Redoute und liess nun die kleinen Larven hopsen parallel mit den grossen. Es war ihm um vergleichende Anatomie beider Maskeraden zu tun, und der Parallelismus war betrübt. Dabei hatte' er es noch mit Beiwerken aufgeputztkleine Stummen schwenkten im Kasten ihr Glöckleinein ziemlich erwachsenes Kind schüttelte die Wiege eines unbelebten Püppchens, womit das Närrchen noch spielteein Mechanikus arbeitete an seiner Sprachmaschine, durch welche er der Welt zeigen wollte, wie weit blosser Mechanismus dem Leben der Puppen nachkommen könneeine lebendige weisse Maus85 sprang an einem Kettchen und hätte viele vom Klub umgeworfen, falls sie es zerrissen hätteein lebendiger eingesargter Star, eine wahre erste griechische Komödie und Lästerschule im kleinen, verübte an der Tanzgesellschaft den Zungentotschlag ganz frei und distinguierte nichteine Spiegelwand ahmte die lebendigen Szenen des Kastens täuschend nach, so dass jeder die Bilder für wahre Puppen nahm. – –

Auf Albano traf die Schneide dieses kosmisch-tragischen Dolches senkrecht genug, da ihm ohnehin das hüpfende Wachs- figurenkabinett der grossen Redoute die Einsamkeit des Menschen zu verdoppeln und zwei Ichs durch vier Gesichter zu trennen schien; aber Schoppe ging weiter.

In seinem Glasschranke stand eine Pharaobank und daneben ein Männchen, das den verlarvten Bankier in schwarzes Papier ausschnitt, aber dem deutschen Herrn ähnlich; diese Schilderei trug er ins Spielzimmer, wo eine bankhaltende Maskeganz gewiss Zefisioihn hören und sehen musste. Der Bankier sah ihn einigemal fragend an. Dasselbe tat eine ganz schwarz gekleidete Maske mit einer sterbenden Larve, die das hippokratische Gesicht vorstellte86. Albano sah feurig nach ihr, weil ihm vorkam, es könne Roquairol sein, denn sie hatte dessen Wuchs und Fackelauge. Die bleiche Larve verlor viel und verdoppelte immer den Verlust; dabei trank sie aus einem Federkiele unmässig Champagner-Wein. Der Lektor kam dazu; Schoppe spielte vor den zulaufenden Augen weiter; die bleiche Larve sah unverrückt und strenge den Grafen an. Schoppe nahm vor Bouverot seine eigne herababer eine Unterzieh-Maske sass darunterer zog diese auseine Unterzieh-Maske der UnterziehMaske erschiener triebs fort bis zur fünften Potenzendlich fuhr sein eigenes höckeriges Gesicht hervor, aber mit Goldschlägergold bronziert und sich gegen Bouverot fast fürchterlich-gleissend und lächelnd verziehend.

Die bleiche Larve selber schien zu stutzen und eilte mit weiten Schritten weg in den Tanzsaal; sie warf sich wild in den wildesten Tanz. Auch das bewährte Albanos Vermutung, so wie ihr grosser trotzender Hut, der ihm eine Krone schien, weil er an dem männlichen Anzuge nichts höher schätzte als Pelz, Mantel und Hut.

Immer mehrere Finger zogen die Lettern v. C. in seine Hand, und er nickte unbekümmert. Die Zeit umgab ihn mit vielfachen Dramas, und überall stand er zwischen Teater-Vorhängen. Als er mit dem unruhigen kopf und Herzen ins Bogenfenster trat, um zu sehen, ob er bald Mondschein für seinen