bei der Nachwelt helfen, da nach Bako keines gültiger ist als das, so Bediente geben, weil sie ja den Herrn am besten kennen.
Dann las der Obersekretär Heiderscheid Luigis Stammtafel ab und beleuchtete den hohlen Stammbaum samt seiner Baumtrocknis und dem letzten blassgrünen Ästchen; – mit gesunknen Augen hörte Julienne dieses unter dem Vivat des volkes an, und Albano, nie von einem Gedanken allein bezwungen, sah ihre Augen und konnte, so hart auch der Regent zuhörte, sich des Leichengemäldes nicht erwehren, wie einmal, d.h. sehr bald, dieser erloschne Mensch den Namen seines ganzen Stammes in die Gruft nachziehen werde; er sah das Wappen verkehrt einhauen und den Schild verkehrt aufhängen und hörte die Schaufeln, die den Helm zerstiessen und dem Sarge nachwarfen. – – Düstre idee! die weiche Schwester hätte gewiss geweint, wäre sie nur allein gewesen!
Zuletzt kam die Reihe auch an die, an welche sie nie zuerst kommt, ob sie gleich die einzigen sind, die es mit solchen Zeremonien herzlich meinen; Heiderscheid trat auf den Balkon und liess die wimmelnde laute Menge die Vorderfinger und den Daum ausstrekken und den Eid nachsagen. Diese immer bezauberte jauchzete Vivat – in den geblendeten Augen funkelte die Zuversicht einer bessern Regierung und die Liebe für einen Ungekannten. – Der Graf, den ohnehin eine Menge feurig, so wie Schoppen trübe machte, glühte begeistert von Bruderliebe und Tatendurst; er sah die Fürsten wie Allmächtige auf ihren Höhen walten und sah die blühenden Landschaften und die heitern Städte eines weise regierten Landes aufgedeckt – er stellte es sich vor, wie er, wär' er ein Fürst, mit dem schlagenden Funken aus der Zepterspitze in Millionen verknüpfter Herzen auf einmal belebend und erschütternd strahlen könnte, indes er jetzt so mühsam einige nächste entzünde – er sah seinen Tron als einen Berg in Morgenlicht, der schiffbare Ströme statt der Lava in die Länder herabgiesset und die Stürme bricht und um dessen Fuss Ernten und Feste rauschen – er dachte sichs, wie weit er von einer so hohen Stelle das Licht umherstreuen könnte, gleichsam ein Mond, der nicht die Sonne am Tage verbauet, sondern ihr fernes Licht aus seiner Höhe der Nacht zuwirft – und wie er die Freiheit, statt sie nur zu verteidigen, erschaffen und erziehen und ein Regent sein wollte, um Selbstregenten84 zu bilden; "aber warum bin ich keiner?" sagt' er traurig.
Edler Jüngling! geben denn dir deine Rittergüter keine Untertanen? – Aber ebenso glaubt der kleinere Fürst, ein Herzogtum wollt' er ganz anders regieren, und der höhere glaubt es von einem Königreiche und der höchste von der Universalmonarchie.
Indes zogen sich den ganzen sonderbaren unruhigen Tag wilde Jünglings-Perspektiven vor ihm hin und her, und die alte Geisterstimme, der er heute entgegenging, wiederholte in ihm den dunkeln Zuruf: Nimm die Krone! – Wehrfritz kam abends mit rotem gesicht vom feurigen Huldigungsmahle zurück, und Albano nahm von ihm einen bewegten Abschied, gleichsam von der Ebbe und Windstille des Lebens, von der kindlichen Jugend; denn heute tritt er tiefer in die Wellen desselben. Schoppe kam zurück und wollte ihn vor das Loch seines Guckkastens haben, worin er die Vikariats-Huldigung in Klosterdorf in komischen Bildern vorbeischob; aber diese stachen zu hart mit höhern ab und machten wenig Glück.
Nachts legte Albano seine schöne ernste Charaktermaske an, die eines Tempelherrn – zu einer komischen war seine Gestalt und fast seine Gesinnung zu gross –; die letztere wurde noch feierlicher durch dieses Totenkleid eines ganzen ermordeten Ritterordens. Nachdem er sich noch einmal die schauerlichen Gänge des Tartarus und die Begräbnisstätte des Fürstenherzens wegen des nächtlichen Verirrens beschreiben lassen: so ging er um 10 Uhr fort mit einer hochschlagenden Brust, welche die Nachtlarven der Phantasie und die Freundschaft und die Liebe und die ganze Zukunft vereinigt aufregten.
50. Zykel
Albano trat zum ersten Male in die verkehrte Marionettenwelt einer Redoute wie in ein tanzendes Totenreich. Die schwarzen Gestalten – die aufgeschlitzten Larven – die darhinter wie aus der Nacht blickenden fremden Augen, die wie an jenem zerstäubten Sultan im Sarge allein lebendig blieben – die Vermischung und Nachäffung aller Stände – das Fliehen und Ringrennen des klingenden Tanzes und seine eigne Einsiedelei unter der Larve, das versetzte ihn mit seiner shakespeareschen Stimmung in eine Zauber- und Geister-Insel voll Gaukeleien, Schattenbilder und Verwandlung. Ach das ist das Blutgerüste, dachte' er zuerst, wo der Bruder deiner Liane sein junges Leben wie ein Trauergewand zerriss; und er sah bange umher, als fürcht' er, Roquairol versuche wieder den Tod.
Unter den Masken fand er keine, worunter er ihn vermuten konnte; – diese geistlose Vetterschaft von stehenden Rollen, die Läufer, die Fleischer, die Mohren, die Altvordern etc., diese konnten keinen Geliebten Albanos verbergen. Einsam und umherblickend schritt er hinter den Reihen der Anglaise auf und ab; und mehr als zehn Augen, die gegenüber in der ringförmigen Finsternis der Spitzenmaske blitzten – denn die Weiber lieben aus Offenherzigkeit die Masken nicht, sondern zeigen sich gern –, folgten der kräftig und geschmeidig gebaueten Gestalt, die mit dem kühnen Helme und Federbusche, mit dem bekreuzten weissen Mantel und dem Panzerglanze auf der Brust einen Ritter aus der heroischen Zeit zu bringen schien.
Endlich ging eine verlarvte Dame, die zwischen unverlarvten plauderte, mit grossen Schritten und Füssen auf ihn zu und fasste keck wie zum Tanze seine Hand. Er war äusserst verlegen über die Kühnheit der Aufforderung und über die Wahl der Antwort; gerade