den Bibliotekar auf den Anatomiertisch als Doktorschmaus der Wissenschaft aufzutragen.
Der Jüngling rannte mit ihm hinaus – durch Kornfelder unter Tränen – unter Flüchen – mit geballter, mit ausgespreizter Faust, und immer mehr schwindelte sein Auge und brannte sein Herz, je näher sie dem dunkeln Zirkel zuliefen. Endlich konnten sie den Bibliotekar nicht nur sehen, sondern auch – hören; wohlbehalten drehte er ihnen den kraushaarigen Kopf aus dem Schilfrohre entgegen und hob zuweilen, weil er das Trauerkondukt haranguierte, feurig den behaarten Arm über die Wasserpflanzen.
Freilich war es so:
Sein Sorites war, solang' er lebte, dieser: "er sei keine Steiss-, sondern eine Gesichtsgeburt und trage mitin Kopf und Nase hoch und empor76, weil er müsse – nun kenn' er keine echtere Freiheit als Gesundheit – jede Krankheit schliesse die Seele krumm, und die Erde sei bloss darum ein allgemeines Stockhaus und eine la Salpetrière, weil sie ein Quetschhaus77 sei – wer eine Austern-, Schnecken-, VipernKur gebrauche, sei selber eine schleimige geschlängelte klebende Viper, Auster, Schnecke, und daher töteten die semperfreien Wilden die Siechlinge, und die kräftigen Sparter gaben keinem Patienten ein Amt, geschweige die Krone – besonders sei Stärke vonnöten, um in unsern niedrigen zeiten qualifizierte Subjekte auszuprügeln, weil seines Wissens die Faust mit einigem Inhalte die beste Injurienklage und actio ex lege diffamari sei, die ein Bürger anstellen könne."
Darum badete er Sommer und Winter eiskalt, so wie er eben darum in allem entaltsam blieb.
Nun war er bei dem hässlichen Wonnemonatswetter bloss in seinem grauen Husarenmantel – daheim sein Schlafrock – und mit niedergetretenen Schuhen ans wasser gegangen; zu haus hatte' er sich vorher ordentlich ausgezogen, um am Gestade sogleich fertig zu sein. Die Trauerkompagnie, die ihn mit seinem schnellen Schritte am wasser gehen und endlich alles zurückwerfen und hineinspringen sah, musste glauben, der Mensch wolle sich ertränken, und rannte vereinigt seinem Badeorte zu, um ihn nicht zu lassen. "Ersäuf' Er sich nicht!" schrie die Trauer-Negerei von weitem. Er liess sie erst heran, um mit ihr näher aus der Sache zu reden: "Ich nehme noch Vernunft an, ob ich gleich schon im wasser stehe; aber lasset euch auch bedeuten, lieben Kerstene insgemein, denn so hiess man zu Karls zeiten die Christen! Ich bin ein armer Sakramenter und erinnere mich kaum, wovon ich bisher lebte, so blutwenig war es. Was ich in der Welt nur anfing, dabei war kein Segen, sondern Krebsgang hinten und vorn. Ich legte in Wien ein hübsches Magazin von Schnepfendreck an, aber ich setzte nichts ab, aus Mangel an Schnepfen. Ich griffs am andern Ende an und hausierte in Karlsbad für grosse Herren, die sonst auf jeden Bettel und Sessel ein Gemälde setzen, mit hübschen Kupferstichen für den Abtritt, damit sie da statt des blossen gedruckten Papiers etwas Geschmackvolles hätten zum Verbrauche; behielt aber die ganze Suite auf dem Halse, weil die Manier zu hart war und nicht idealisch genug. – In London macht' ich Reden voraus (denn ich bin ein Gelehrter) für Menschen, die gehangen werden und doch noch etwas sagen wollen; ich trug sie den reichsten Parlamentsrednern und selber Spitzbuben von Buchhändlern an, hätte aber die Reden beinah selber gebraucht. – Ich hätte mich gern vom Vomieren genährt78, aber dazu gehört Fond. – Ich suchte einmal bei einem gräflichen Regimente als Notenpult unterzukommen, weils bei der Wachtparade dumm aussieht, dass jeder einen musikalischen Lappen auf der Schulter hängen hat, den der andre vom Blatte spielt; ich wollte für ein weniges alle Musikalien an mir tragen und mit den Noten vor ihnen stehen, aber der Premier-Leutnant (er sitzt zugleich in der Regierung und kammer) glaubte, die Pfeifer würden lachen, wenn sie bliesen. So ging mir es von jeher, teuere Kerstene; aber trabt nicht auf meinem teuern Mantel herum! Zum Unglück schritt ich gar in die Ehe mit einer mit eingeschmolzenen Siegeln79 ausgestatteten Wienerin, namens Praenumerantia Elementaria Philantropia80– ihr wisset nicht, was es zu deutsch heisst –, einem wahren Höllenbesen, der mich wie einen Parforcehirschen hier ins Schilfrohr hereingehetzt. Kerstene, ich blamiere mich im wasser, wenn ich mit unserm Wehestande ganz herausgehe; kurz meine Philantropia war vor der Ehe wie die Stacheln eines neugebornen Igels weich, aber in der Ehe, als das Laub herunter war, sah ich wie auf Bäumen im Winter ein Rabenund Teufels-Nest nach dem andern. Sie zog sich stets so lange an, bis sie sich wieder ausziehen musste – wenn ein Fehler an mir oder den Kindern gehoben war, zankte sie noch ein wenig fort, wie man sich noch fort erbricht, wenn das emeticum und alles schon heraus ist- sie gönnte mir wenig, und hätt' ich ein Fontanell gehabt, sie hätte mir die frische Erbse vorgerückt, die ich jeden Tag hätte hineinlegen müssen – kurz wir wollten beide verschieden hinaus, der Rungnagel der Liebe war ausgezogen, und ich fuhr mit den Vorderrädern ins wasser herein, und meine Praenumerantia hält mit den Hinterrädern zu haus. – Seht, meine Weiber, darum tu' ich mir mein Leid an – der Atzmann81 hätte mich ohnehin bei der Kehle gegriffen –; spiegelt euch aber! Denn wenn ein Mann, der ein Gelehrter ist und darum, wie ihr von Fichten noch wisset, als angestellter Aufseher, Lehrherr und Mentor des Menschengeschlechts herumgeht, vor seiner Frau ins wasser springt und seine