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und zieht seinen langen Flor" – – wobei freilich Augustis bürgerlich-ernste Stimmung sehr gegen die menschlich-ernste des Bibliotekars abstach.

Auf einmal sagte Schoppe verdrüsslich über die Rührung: "Welche Maskerade wegen einer Maske! Lumperei wegen Lumpenpapier! Werft einen Menschen still in sein Loch und rufet niemand dazu. Ich lobe mir London und Paris, wo man keine Sturmglokken läutet und die Nachbarschaft rege macht, wenn der Undertaker einen Eingeschlafnen zu Bette bringt." – "Nein, nein," (sagte Zesara, voll Kraft zum Schmerz) "ich lob' es nichtwem die heiligen Toten gleichgültig sind, dem werden es die Lebendigen auchnein, ich lasse gern mein Herz in eine Träne nach der andern zerreissen, kann ich nur des lieben Wesens noch gedenken."

O wie traf die Nachbarschaft mit seinem Herzen zusammen! In einer Zisterne, wovor der Sarg des Sarges vorüberging, stand der abgebildete Greis auf einem Pferde in Bronze und sah unter sich vorübergehen die abgesattelten Trauerpferde und das berittne Freuden-Rossein Taubstummer machte mit seiner Glocke an den Türen ein bettelndes Geläute, das er wie der Begrabne nicht vernahmund war nicht der vergessene Fürst ungesehen und einsamer unter die Erde gelegt als irgendeiner seiner Untertanen? – O Zesara, dir fiel es aufs Herz, wie leicht der Mensch vergessen wird, er liege in der Urne oder in der Pyramideund wie man unser unsterbliches Ich wie einen Schauspieler für abwesend ansieht, sobald es nur in der Kulisse steht und nicht auf der Bühne unter den Spielern poltert. – –

Aber legte nicht der graue Einsiedler Spener dem tiefern Einsiedler eine doppelte Jugend auf die gesunkne Brust? O zählet nicht in dieser frostigen Stunde des Gepränges die treue Julienne alle Töne des Leichengeläutes an ihren Tränen ab, diese arme, durch Krankheit nur vom Zeremoniell, nicht vom Schmerze befreiete Tochter, die nun den vorletzten, vielleicht den letzten Verwandten verloren, da ihr Bruder kaum einer ist? – Und wird Liane in ihrem Elysium nicht das Nachspiel des Schmerzes erraten, das so nahe vor ihr hinter den hohen Bäumen im Tartarus gegeben wird? Und wenn sie etwas vermutet, o wie wird sie nicht so innig trauern!

Dieses alles hörte der edle Jüngling in seiner Seele an, und er dürstete heiss nach der Freundschaft des Herzens; – ihm war, als wehe ihre Berg- und Lebensluft aus der Ewigkeit herab und treibe den Totenstaub weg vom Lebenssteige und er sehe droben den Genius die umgestürzte Fackel auf den kalten Busen stellen, nicht um das unsterbliche Leben auszulöschen, sondern um die unsterbliche Liebe anzuzünden.

Er konnte nun nicht anders, sondern musste ins Freie gehen und unter dem fliegenden Getöne des Frühlings und unter dem dumpf-zurückmurmelnden Totenmarsche die folgenden Worte an Lianens Bruder schreiben, womit er ihm jugendlich sagte: sei mein Freund!

An Karl

"Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns im Totenmeere und in den Tränen die Siegessäulen und Tronen der Menschen und ihre Brückenpfeiler gebrochen erscheinen, fragt dich frei ein wahres Herzund deines antwort' ihm treu und gern!

Wurde dir das längste Gebet des Menschen erhört, Fremder, und hast du deinen Freund? Wachsen deine Wünsche und Nerven und Tage mit seinen zusammen wie die vier Zedern auf Libanon, die nichts um sich dulden als Adler? Hast du zwei Herzen und vier arme, und lebst du zweimal wie unsterblich in der kämpfenden Welt? – Oder stehst du einsam auf einer frostigen verstummten schmalen Gletscherspitze und hast keinen Menschen, dem du die Alpen der Schöpfung zeigen könntest, und der Himmel wölbt sich weit von dir und Klüfte unter dir? Wenn dein Geburtstag kommt, hast du kein Wesen, das deine Hand schüttelt und dir ins Auge sieht und sagt: wir bleiben noch fester beisammen? –

Fremder, wenn du keinen Freund hättest, hast du einen verdient? – Wenn der Frühling glühte und alle seine Honigkelche öffnete und seinen reinen Himmel und alle hundert Tore an seinem Paradiese: hast du da schmerzlich aufgeblickt wie ich und Gott um ein Herz gebeten für deines? – O wenn abends die Sonne einsank wie ein Berg und ihre Flammen aus der Erde fuhren und nur noch ihr roter Rauch hinanzog an den silbernen Sternen: sahest du aus der Vorwelt die verbrüderten Schatten der Freundschaft, die auf Schlachtfeldern wie Gestirne eines Sternbildes miteinander untergingen, durch die blutigen Wolken als Riesen ziehen, und dachtest du daran, wie sie sich unvergänglich liebten, und du warst allein wie ich? – Und, Einsamer, wenn die Nacht, wo der Geist des Menschen, wie in heissen Ländern, arbeitet und reiset, ihre kalten Sonnen verkettet und aufdeckt und wenn doch unter allen weiten Bildern des Äters kein geliebtes teures ist und die Unermesslichkeit dich schmerzlich aufzieht und du auf dem kalten Erdboden fühlest, dass dein Herz an keine Brust anschlägt als nur an deine: o Geliebter, weinest du dann und recht innig?

Karl, oft zählt' ich am Geburtstage die wachsenden Jahre ab, die Federn im breiten Flügel der Zeit; und bedachte das Verrauschen der Jugend; da streckt' ich weit die Hand nach einem Freunde aus, der bei mir im Charons-Nachen, worin wir geboren werden, stehen bliebe' wenn vor mir die Jahreszeiten des Lebens am Ufer vorüberlaufen mit Blumen und Blättern und Früchten und wenn auf dem langen Strome das Menschengeschlecht in tausend Wiegen und Särgen hinunterschiesset.

Ach nicht das bunte Ufer fliehet vorüber, sondern der Mensch