– war im Tartarus angelegt und wurde allmählich abgespulet, und man konnte das dunkle Trauerband nun bald bis in die Bergstadt spannen. Schon andertalb Stunden vor Ankunft des Zuges war der Salpeter der weiblichen Volksmenge an den Mauern und Fenstern angeschossen. Sara, die Frau des Doktors, kam mit den Kindern und dem tauben Kadaver in Schoppes Zimmer herauf, dessen zweite tür in Albanos seines offen stand, und sagte liebäugelnd zum Grafen hinein: "hier oben wäre alles besser zu übersehen, und Seine Gnaden würden verzeihen." – "Bleibt nur zusammen da und molestiert mir den Herrn Grafen nicht", sagte sie zurückgewandt zu den Kindern und wollte ins gräfliche Zimmer, auf dessen Schwelle sie der von Albano kommende Schoppe auffing und anhielt.
Sara war nämlich eine jener gemeinen Frauen, die von ihren Reizen mehr selber hingerissen werden als damit andre hinreissen – sie setzte bloss ihr Gesicht auf den Sessel und liess es zünden und sengen und brennen, indes sie ihres Orts (im Vertrauen auf ihren faulen Heinz69 des Gesichts) ruhig und kalt andre Dinge machte, entweder einfältiges Zeug oder bösen Leumund; und dann, wenn sie eine Kleidergeissel der Weiber gewesen war, wie Attila eine Göttergeissel der Völker, so schaute sie auf und besah den Feuerschaden ihres Gesichts in den männlichen Tabaksschwämmen umher. Besonders auf den reichen schönen Grafen hatte sie ein Auge – unter der Amors-Binde. Ihr Kopf lag voll guter physiognomischer Fragmente; und Lavaters Vorwurf, dass die meisten Physiognomisten leider am ganzen Menschen nichts studierten als das Gesicht, konnte ihren reinen physiognomischen Sinn niemals treffen.
Schoppe, leicht erratend, dass bei der Seelen-käuferin der gang ein Pressgang, das Weisszeug Jagdzeug, der Shawl eine Schlagwand sei und der Hals ein Schwanenhals für einen nahen Fuchs, fasste sie auf der Schwelle beider Stuben an der Hand und fragte sie: "Nehmen Sie auch so viel Anteil an der allgemeinen Landesfreude und erwünschten Hoftrauer wie ich? Ihre Augen lassen dergleichen lesen, Frau Landphysikussin." – "Was für einen Anteil?" sagte die Physika, ganz dumm gemacht. – "An der Lust der Hofleute, die sich ohnehin wie die Urangutangs dadurch von den Affen unterscheiden, dass sie selten Freudensprünge tun; wenigstens trommeln sie wie junge Klavieristen ihre traurigsten und ihre lustigsten Stückchen ungerührt hintereinander weg. Wenn nur dem Hofstaate nichts Herbes die Trauer versalzt! –
Wünschen Sie, dass die Lieben die schwarzen Freudenkleider, worin sie, wie die Nepoten der in der leuktrischen Schlacht Gebliebnen, dem jubel eines neuen Fürsten entgegengehen' umsonst angezogen haben? Wie?" – Unglücklicherweise versetzte sie spöttisch: "Schwarz ist hierzulande Trauerfarbe, Herr Schoppe." – "Schwarz, Frau Doktorin?" (prallt' er staunend zurück) "Schwarz? – Schwarz ist Reisefarbe und Brautfarbe und Galafarbe und in Rom Fürstenkinderfarbe, und in Spanien ist es ein Reichsgesetz, dass die Hofleute wie in Marokko die Juden70 schwarz erscheinen.
Pestalozzi, Madame – aber Malz, versteht Er mich denn?" fuhr Schoppe herum und munterte den Menschen, der seine Trommel anhatte und sie heimlich unter dem zug rühren wollte, um etwas vom gedämpften Leichentrommeln zu vernehmen, zum Schlegel auf, damit er vom Diskurse profitierte. – "Malz," sagt' er lauter, "Pestalozzi bemerkt ganz gut, dass die Grossen unsrer Zeit sich in Gesicht, Kleidung, Stellung, Bilderdienst, Aberglauben und Liebe zu Scharlatanen den Asiaten täglich nähern; – es spricht für Pestalozzi, dass sie den Sinesern, die sich für die Freude schwarz und für die Trauer weiss anziehen, nicht bloss Tempel und Gärten und Fratzenbilder, sondern auch eben dieses Freudenschwarz abborgen."
Unter den Kindern – wovon die unerzognen allein noch nicht ungezogen waren – hoben sich Boerhaave, Galenus und van Swieten am meisten durch eingelegte Arbeit und Handzeichnungen, die sie von den Anwesenden mit den Fingern auf ihr Butterbrot gravierten, und Galenus wies seine satirische Projektion von der Mama, sagend: "Schau't, was Mama'n für 'ne lange Nas' an'setzt hab'."
Der Bibliotekar, der etwas Ähnliches drehte, hielt sie, als sie hineinwollte, indem er versicherte, er lasse sie nicht, bis sie sich ergebe; die Trauermarschsäule könne kaum einen Acker lang aus dem Tartarus heraus sein und geb' ihm Zeit genug. Er fuhr fort:
"Echte Trauer hingegen, Liebe, macht immer wie der Zorn bunt oder wie der Schrecken weiss; z.B. die Kreaturen eines toten Papstes trauern violett, der französische König auch, seine Frau kastanienbraun, der venezianische Senat um den Doge rot. – Allein Trauer können Sie so gut wie ich keinem Regenten verstatten; dem Hohenpriester und einem Judenkönige71 war sie ganz verboten; warum wollen wir der Dienerschaft mehr verstatten als dem Herrn? – Und müsste ein Landesherr, Beste, der die kostbare Landtrauer zuliesse, nicht offenbar die abgestellte Privattrauer aufwecken? Und könnt' er, indem er durch sein Exilium, wie Cicero durch seines72, 20 000 Leute in Trauerhabit steckte, es verantworten, dass sein letzter Akt ein droit d'Aubaine, eine Beraubung wäre und dass das Sterbebette, worauf man sonst Bedienten und Armen Kleider vermacht, ihnen welche auszöge? Nein, Madame, das sieht wenigstens Regenten nicht ähnlich, die sogar durch ihr Sterben oft, wie Marcion73 von Christi Höllenfahrt behauptete, einen Kain, Absalon und mehrere alttestamentliche Verdammte aus der Hölle bringen in den Himmel der neuen Regierung