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er gebe seine Gesellschaft als don gratuit und erwarte daher, auch vom Ritter von Zeit zu Zeit ein don gratuit von Belang. übrigens war dem Ritter jetzt Schoppe gerade so lieb wie der erste beste Hoftürke, der ihm auf den Wagenfusstritt geholfen; seine Prüfung eines Menschen war eine kalte Totenbeschau, und nach dem Prüfen liebt' er nicht stärker und hasst' er nicht stärker; für ihn waren im Spektakelstück des polternden Lebens der Regisseur und die ersten und zweiten Liebhaberinnen und die Lears und Iphigenien und Helden weder Freunde, noch die Kasperls und die Tyrannen und Figuranten Feinde, sondern es waren verschiedene Akteurs in verschiedenen Rollen. – – O Gaspard, stehest denn du in der Frontloge und nicht auch auf dem Teater? Und siehest du nicht, wie Hamlet, im grossen Schauspiele einem kleinern zu? Ja setzet nicht jede Bühne am Ende ein doppeltes Leben voraus, ein kopierendes und ein kopiertes? –

Entweder die wenigen paar Gläser Wein oder auch sein verdrüsslicher Abstand vom zierlichen gehaltenen Lektor setzten Schoppes Fegemühle mit allen Rädern in gangso wenig dieser Humor auf der glänzenden Insel eine vorteilhafte Stelle fand –; und als Augusti wünschte, Schoppe möchte froher als andere Maler nach Deutschland gehen: so zog dieser ein Päckchen vergoldeter Heiligenbilder deutscher Schutzpatrone heraus und sagte Karten-mischend: "Mancher würde hier ein päpstliches Miserere aufs Pult legen und absingen, zumal wenn er mitten im Frühling das Winterquartier, die deutsche Eis- und Nebelbank, beziehen muss wie ich; – und ungern, das sag' ich frei, lass' ich den Arlechino und den Pulcinella und den Scapin und die ganze Comedia dell' Arte dahinten. – Aber die heiligen Herren, die ich hier tailliere, haben ihre Patronatsländer aufs Trockne gebracht; und man passiert sie gern. Baumeister, Ihr lacht, aber Ihr wisset im ganzen zu wenig von dem, was diese gemalten himmlischen Schirmvögte für deutsche Kreise stündlich unternehmen. Baumeister, sucht mir überhaupt ein Land, worin so viele Prügel, Programmen, Professoren, Allongeperücken, gelehrte Anzeigen, Reichsanzeigen, Klein- und Vorstädter, Zeremonien, Krönungen und Heidelberger Fässer, aber ohne innewohnende Diogenesse, aufzutreiben sind als im gedachten! Oder suchen Sie es, mein Herr v. Augusti! – Weiset mir doch nur überhaupt ein Territorium auf, dem ein ebenso langes Parlament, nämlich ein längster Reichstag bescheret ist, gleichsam eine ausserordentlich heilsame pillula perpetua7, die der Patient unaufhörlich einnimmt und die ihn unaufhörlich ausreinigt; und wem fällt dabei nicht ebensogut wie mir die capitulatio perpetua und überhaupt das Reichs-corpus als perpetuum immobile aus Gründen ein?" – (Hier trank Schoppe.) "Dabei ist der Reichskörper wie das erste Prinzip der Moral oder wie Jungfernerde sehr unauflöslich; ja gesetzt, einer von uns nähme ein Kurschwert und schnitte ihn damit wie einen Ohrwurm entzwei, so würde sich die gezähnte Hälfte eben wie der gespaltene Ohrwurm umkehren und den Hinterrest rein aufspeisenund dann wäre ja der gesamte verknüpfte Ohrwurm wieder da und satt dazu. Es ist keine schädliche Folge dieses festen Reichsnexus, dass das corpus seine eignen Glieder wie der Bachkrebs seinen Magen verzehren und verdauen ohne wahren Schaden, so dass einer das corpus wie einen homerischen Gott nur verwunden, aber nicht ertöten kann: reibe, sag' ich oft, diesen Federbuschpolypenstamm mit Rösel zu Breistülp ihn um wie einen Handschuhschneide den Polypen wie Lichtenberg geschickt mit einem Haare entzweistecke wie Tremblei mehrere abgeschnittene Glieder ineinander und verleibe, wie andere Naturforscher, Reichsstädte, Abteien, kleine Länder grösseren ein oder umgekehrt- – und schaue nach einigen Tagen darnach: wahrhaftig herrlich und ganz und genesen sitzt dein Polype wieder dort, oder ich will nicht Schoppe heissen."

Der Graf hörte ihn schon länger und konnte also leichter und besser lächeln; der Lektor musst' es erst lernen, da sogar der komische Akteur für seinen neuen Zuhörer noch keiner ist. Aber unter allen diesen Zerstreuungen dauerte in Albanos Seele ein verwirrter Tumult, gleichsam das Rauschen vom Wasserfalle der kommenden zeiten fort. Er blickte sehnend durch die wankenden Fugen der Lorbeerzweige nach den glänzenden Hügeln draussen, da Dian in seiner Malersprache sagte: "Ist es nicht, als wenn alle Götter mit tausend Fruchtörnern auf den Bergen um den Lago maggiore ständen und Wein und Kaskaden niedergössen, damit nur der See wie ein Freudenpokal üppig überlaufe und herunterschäume?" – Schoppe versetzte: "Freuden von ausnehmendem Geschmack wie Ananas haben das Schlimme, dass sie wie Ananas das Zahnfleisch bluten machen." – "Ich glaube," sagte Augusti, "man muss über die Freuden des Lebens nicht viel reflektieren, so wie über die Schönheiten eines guten Gedichts, man geniesset beide besser, ohne sie zu zählen oder zu zergliedern." – "Und ich", sagte Cesara, "würde zählen und zergliedern schon aus Stolz; was herauskäme, ertrüg' ich, und ich würde mich schämen, unglücklich zu sein. Ist das Leben wie eine Olive eine bittere Frucht, so greife nur beide scharf mit der Presse an, sie liefern das süsseste Öl." – Hier stand er auf, um bis abends in der Insel allein zu bleiben; er bat um Nachsicht, machte aber keinen Vorwand. Seine hohe ehrgeizige Seele war unfähig, sich zur kleinsten Lüge niederzubücken; nicht einmal gegenVieh. Er lockte in Blumenbühl Flugtauben täglich durch Futter näher, und seine Pflegeschwester bat ihn oft, eine zu ergreifen; aber er sagte immer Nein,