Engel auf und zogen gegen Himmel – sie riefen es aus, wie süss der Frühling ist und wie die Freude weint und wie unser Herz sich sehnt, und schwanden oben im blauen Frühlinge – und die Nachtigallen flogen aus den kühlen Blumen auf die hellen Gipfel und schrien freudig in die Triumphlieder des Maies – und das Morgenwehen wiegte die hohen schimmernden Regenbogen hin und her und warf sie weit in die Blumen hinein. – –
Lianen entsank die Arbeit in den Schoss, und sie schlug nach einer ihr eignen Weise, indes sie den Kopf wie eine Muse vorsenkte, den blick empor, ihn in eine träumerische Weite heftend; ihr blaues Auge schimmerte, wie der blaue wolkenlose Äter in der lauen Sommernacht blitzend überquillt; – aber des Jünglings Geist brannte in der Bewegung auf wie das Meer im Sturme. Sie zog den schwarzen Schleier – gewiss nicht allein gegen Sonne und Luft – herab; und Albano, mit einer inneren Welt auf seiner bewegten Gestalt, spielte – erhaben mit sich selber kontrastierend – an den Löckchen der hergezogenen Helena und sah ihr mit grossen Tränen in das blöde kleine Gesicht, das ihn nicht verstand.
Jetzt eilte die Mutter ins Schweigen herüber und fragte recht freundlich, wie es ihm gefiele. Seine andern Entzückungen löseten sich in ein Lob der Töne auf; und die liebe Griechin erhob das, was sie so oft gehört, selber immer stärker, als wär' es ihr neu, und horchte sehr mit zu.
– Ein Mädchen mit der Harfe blickte durch das Eingangsgesträuch des Tales herein, und Liane sah den Wink und stand auf. Indem sie den Schleier heben und scheiden wollte: so fiel dem grossherzigen Jünglinge sein Bekenntnis ein: "Ich habe Ihren heutigen Brief gelesen, bei Gott, das muss ich jetzt sagen", sagt' er. Sie rückte den Schleier nicht höher und sagte mit zitternder stimme: "Sie haben ihn gewiss nicht gelesen, Sie waren wohl nicht in meinem Zimmer" und sah Chariton an. Er versetzte, ganz hab' er ihn auch nicht, aber doch viel; und erzählte mit drei Worten eine mildere geschichte, als Liane ahnen konnte. "Der böse Pollux!" sagte immer Chariton. – "O Gott, vergeben Sie mir diese Sünde der Unwissenheit!" sagte Albano; sie hob den dunkeln Schleier auf eine Terzie lang zurück und sagte hochrot, mit niedergesenktem Blicke – vielleicht durch die Freude über die Widerlegung der schlimmern Erwartung versöhnt –: "Er gehörte bloss an eine Freundin – und Sie werden wohl, wenn ich Sie bitte, nichts wieder lesen" – und unter dem Falle des Schleiers ging das Auge mildernd und vergebend auf, und sie schied langsam mit ihren Geliebten von ihm.
O du heilige Seele, liebe meinen Jüngling! – Bist du nicht die erste Liebe dieses Feuerherzens, der Morgenstern in der dämmernden Frühe seines Lebens, du, diese Gute, Reine und Zarte! O die erste Liebe des Menschen, die Philomele unter den Frühlingslauten des Lebens, wird ohnehin immer, weil wir so irren, so hart vom Schicksale behandelt und immer getötet und begraben; aber wenn nun einmal zwei gute Seelen im blütenweissen Lebens-Mai – die süssen Frühlingstränen im Busen tragend – mit den glänzenden Knospen und Hoffnungen einer ganzen Jugend und mit der ersten unentweihten sehnsucht und mit dem Erstlinge des Lebens wie des Jahres, mit dem Vergissmeinnicht der Liebe im Herzen – wenn solche verwandte Wesen sich begegnen dürften und sich vertrauen und im Wonnemonat den Bund auf alle Wintermonate der Erdenzeit beschwören und wenn jedes Herz zum andern sagen könnte: Heil mir, dass ich dich fand in der heiligsten Lebenszeit, eh' ich geirret hatte; und dass ich sterben kann und habe niemand so geliebt als dich! – O Liane, o Zesara, so glücklich müssen euere schönen Seelen werden!
Der Jüngling blieb noch einige Minuten in der um ihn fortarbeitenden Zauberwelt, deren Töne und Fontänen wie die wasser und Maschinen in dem einsamen Bergwerke rauschten; aber am Ende war etwas Gewaltsames im einsamen Forttönen und Schimmern des Tals, worin er so allein zurückgelassen war. Hastig schritt er auf dem nähern Wege, und mit Wasseradern beworfen, durch den Lauben-Vorhang und trat wieder in die freie Morgen-Erde Lilars hinaus. Wie sonderbar! wie fern! wie verändert war alles! In seine weit offne innere Welt drang die äussere mit vollen Strömen ein. Er selber war verändert; er konnte nicht in die Eichennacht an das felsichte Ebenbild des Vaters treten. Als er über die in Zweigen stehende Brükke war, sah er auf dem breiten silberweissen Gartenwege die sanfte Gesellschaft langsam gehen, und er pries Lianen selig, die nun an ihr bewegtes Herz das mütterliche drücken konnte. – Die Kleine drehte sich oft tanzend um und sah ihn vielleicht, aber niemand wandte sich zurück. Durch die nachgetragne Harfe riss sich der Morgenwind und führte von den erregten saiten Töne wie von Äolsharfen mit sich weiter; und der Jüngling hörte wehmütig dem zurückklingenden Fliehen wie von Schwanen zu, die über die Länder eilen, indes hinter ihm das leere Tal einsam in den flötenden Hirtenliedern der Liebe fortsprach und ihn wehende nachziehende Laute matt und dunkel erreichten. Aber er ging auf den Berg des Altars zurück; und da er über die helle Gegend schaute und noch die fernen weissen Gestalten gehen sah, liess er seine ganze schöne Seele weinen – Und hier schliesse sich der reichste Tag seines jungen Lebens!
– Aber, ihr guten Menschen, die ihr