" Sie hatte ihr mit dieser zurückzukommen versprochen. Sie mied alle Steige nach Süden, wo der Tartarus hinter seinem hohen Vorhange drohte.
Liane sprach jetzt über den Wettstreit der Malerei und Musik und über Herders reizenden offiziellen Bericht von diesem Streite; sie, wiewohl eine Zeichnerin, ergab sich, dem weiblichen und lyrischen Herzen gemäss, ganz den Tönen, und Albano, obwohl ein guter Klavierist, mehr den Farben. "Diese herrliche Landschaft" (sagte Albano) "ist ja ein Gemälde und jede menschliche schöne Gestalt." – "Wär' ich blind," (sagte Chariton naiv) "so säh' ich ja meine schöne Liane nicht." – Sie versetzte: "Mein Lehrer, der Kunstrat Fraischdörfer, setzte auch die Malerei über die Musik hinauf. Mir ist aber bei ihr, als hört' ich eine laute Vergangenheit oder eine laute Zukunft. Die Musik hat etwas Heiliges, sie kann nichts als das Gute67 malen, verschieden von andern Künsten." – Wahrlich sie war selber eine moralische Kirchenmusik, die Engelstimme in der Orgel; der reine Albano fühlte neben ihr die notwendigkeit und das Dasein einer noch zärtern Reinheit; und ihm schien, als könne ein Mann diese Seele, deren Verstand fast nur ein feineres Fühlen war, verletzen, ohne es selber zu wissen, wie Fenstergläser von reiner Durchsichtigkeit oft zerstossen werden, weil sie unsichtbar erscheinen. Er drehte sich, weil er immer um einen Schritt voraus war, mechanisch um, und nicht nur das blühende Lilar, sondern auch Lianens volle Gestalt leuchtete ihm auf einmal und neugestaltet in die Seele. – – Nicht sie an sein Herz zu drücken, war jetzt sein Sehnen, sondern dieses Wesen, das so oft gelitten, aus jeder Flamme zu reissen, für sie mit dem Schwerte auf ihren Feind zu stürzen, sie durch die tiefen kalten Höllenflüsse des Lebens mächtig zu tragen – – das hätte sein Leben erleuchtet.
45. Zykel
Sie sahen schon einige nasse Lichter der hohen, oben hereinspringenden Fontänen des Flötentals hochschweben: als Liane wider Charitons Erwartung beide in einen unwegsamen Eichenhain mitzugehen bat – sie sah ihn so vergnügt und offenherzig dabei an und ohne jenen weiblichen Argwohn, missverstanden zu werden! Im düstern Haine stand ein wilder Fels auf, mit den Worten: "Dem Freunde Zesara". Die vorige Fürstin hatte diese erinnernde Alpe Albanos Vater setzen lassen. – Ergriffen, erschüttert, mit Schmerzen in den Augen stand der Sohn davor und lehnte sich daran wie an Gaspards Brust und drückte den Arm an den scharfen Stein hinauf und rief innigst bewegt: "O du guter Vater!" – Seine ganze Jugend – und Isola bella – und die Zukunft überfielen auf einmal das vom ganzen Morgen bestürmte Herz, und es konnte sich der zudringenden Tränen nicht länger erwehren. Chariton wurde ernstaft, Liane lächelte weich fort, aber wie ein Engel im Gebet. – Wie oft, ihr schönen Seelen, hab' ich in diesem Kapitel mein ergriffenes Herz bezwingen müssen, das euch anreden und stören wollte! aber ich will es wieder bezwingen.
Sie traten schweigend in den Tag zurück. Aber Albanos Wogen fielen nie schnell, sie dehnten sich in weite Ringe aus. Sein Auge war noch nicht trocken, als er in das himmlische Tal kam, in diesen Ruheplatz der Wünsche, wo Träume frei, ohne Schlaf, herumgehen konnten. Chariton – durch den Ernst viel geschäftiger – war nach einer Augenfrage an Liane, ob sie es solle – nämlich das Spielenlassen gewisser Maschinen –, voraus hineingeeilt. Sie gingen durch den weichenden blühenden Schleier; – und Albano erblickte nun vor sich den jugendlichen Traum von einem bezauberten, mit Düften und Schatten umstrickenden Zaubertale in Spanien lebendig auf die Erde herausgestellt. An den Bergen blühten Orangengänge, den Untersatz in die höhere Terrasse versteckt – alles, was grosse Blüten auf seinen Zweigen trägt, von der Linde bis zur Rebe und zum Apfelbaume, sog unten am Bache oder bestieg oder bekränzte die zwei langen Berge, die sich mit ihren Blüten um die Blumen der Tiefe wanden und sich miteinander bogen, um ein unendliches Tal zu versprechen – schiefgestellte Fontänen an den Bergen warfen hintereinander silberne Regenbogen über die Bäume in den Bach – in Osten brannte der Goldglobus neben der Sonne, der letzte Spiegel ihres sterbenden Abendblicks. – "Habe Dank, du edler Greis!" wiederholte Albano immer.
Liane ging mit ihm am westlichen Berge bis zu einer überblühten Bank unter dem herüberflatternden Bogen, wo man die erste und zweite Krümmung des Tals und oben in Norden hohe Fichten und hinter ihnen eine Kirchturmspitze und unten eine AurikelnWiese überschauen kann, indes Chariton auf dem östlichen gegenüber hinter einer Musen-Statue – denn die neun Musen glänzten aus dem grünen Tempe – an Gewichten zu winden und auf Springfedern zu drükken schien. "Mein Bruder" (brach Liane leise das Schweigen und strickte die Arbeit fort, die sie der Freundin abgenommen) "wünscht recht sehr, Sie zu sehen." Die nun mit allen heiligen Kräften aufgewachte Seele Albanos fühlte sich ihr ganz gleich und ohne Verlegenheit, und er sagte: "Schon in meiner Kindheit hab' ich Ihren Karl wie einen Bruder geliebt; ich habe noch keinen Freund." Die bewegten Seelen merkten nicht, dass der Name Karl aus dem Briefe sei.
Auf einmal flogen einzelne Flötentöne oben auf den Bergen und aus den Lauben auf- immer mehrere flogen dazu – sie flatterten schön-verworren durcheinander – endlich stiegen mächtig auf allen Seiten Flötenchöre wie