Schwingen doch wieder um seine Blumen flattert; und mahnet mich nicht der Nachtschmetterling ab, der erkältet an der harten Statue klebt und sich nicht zu den Blüten des Tages aufschwingen kann? – Darum will ich nie von meiner Mutter weichen – bleibe nur die teure Elisa auch so lange bei uns, als ihre kleine Linda lebt, und rufe sie ihre hohe Freundin bald65, damit ich sie sehe und herzlich liebe!
Ich stieg den grün-schattigen Berg hinan, aber mit Mühe; die Freude entkräftet mich so sehr; – denke an mich, Elisa, ich werde einmal an einer grossen sterben, oder an einem grossen, allzugrossen Weh. Der Schnekkenweg zum Altare war von den Farben des Blütenstaubes gemalt, und droben wanden sich nicht gefärbte feste, sondern rege brennende Regenbogen durch die Zweige des berges. Warum stand ich heute in einem Glanze wie niemals sonst?66 Und als die Morgenluft mich wie ein Flügel anflatterte und hob und als ich mich tiefer in den blauen Himmel tauchte, so sagt' ich: nun bist du in Elysium. – Da war mir, als sage eine stimme: das ist das irdische, und du bist noch nicht geheiligt für das andre. O feurig fasst' ich wieder den Entschluss, mich von so manchen Mängeln loszuwickeln und besonders dem zu schnellen Wahne der Kränkung abzusagen, den ich andern zwar verhehle, womit ich sie aber doch verletze. Und da betete ich am Altare und sagte der ewigen Güte Dank und weinte unbewusst vielleicht zu sehr, aber doch ohne Augenschmerzen.
Zuletzt schrieb ich das hier beigelegte Dankgedicht, das ich in Verse bringe, wenn es der fromme Vater guteisset.
Dankgedicht
So schau' ich wieder mit seligen Augen in deine blühende Welt, du Alliebender, und weine wieder, weil ich glücklich bin? Warum hab' ich denn gezagt? Da ich unter der Erde ging in der Finsternis wie eine Tote und nur von fern die Geliebten und den Frühling über mir vernahm: warum war das schwache Herz in Furcht, es gebe keine Öffnung mehr zum Leben und zum Lichte? – Denn du warst in der Finsternis bei mir und führtest mich aus der Gruft in deinen Frühling herauf; und um mich standen deine frohen Kinder und der helle Himmel und alle meine lächelnden Geliebten! – – O ich will nun fester hoffen; brich immer der siechen Pflanze üppige Blumen ab, damit die andern voller reifen! Du führest ja deine Menschen auf einem langen Berge in deinen Himmel und zu dir, und sie gehen durch die Gewitter des Lebens am Berge nur verschattet, nicht getroffen hindurch, und nur unser Auge wird nass. – – Aber, wenn ich zu dir komme, wenn der Tod wieder seine dunkle Wolke auf mich wirft und mich weg von allen Geliebten in die tiefere Höhle zieht und du mich, Allgütiger, noch einmal freimachst und in deinen Frühling trägst, in den noch schönern als diesen herrlichen: wird dann mein schwaches Herz neben deinem Richterstuhle so freudig schlagen wie heute, und wird die Menschenbrust in deinem äterischen Frühlinge atmen dürfen? O mache mich rein in diesem irdischen und lasse mich hier leben, als wenn ich schon in deinem Himmel ginge! – –"
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Wenn schon euch, ihr Freunde, die duldende reine Gestalt ungesehen lieb und rührend wird, die sich ergeben freuen kann, dass doch die Wetterwolke nur Platz-Tropfen und keine Schlossen auf sie warf: wie musste sie erst das bewegte Herz ihres Freundes erschüttern! – Er fühlte eine Heiligung seines ganzen Wesens; gleichsam als komme die Tugend, in diese Gestalt verkörpert, vom Himmel nieder, um ihn heiligend anzulächeln, und fliege dann leuchtend zurück und er folg' ihr begeistert und gehoben nach.
Er drang eifrig dem Knaben das Zurücktragen der Blätter ab, um ihr und sich, da sie jede Minute erscheinen konnte, die peinlichste Überraschung zu ersparen; doch beschloss er fest – was es auch koste –, wahr zu sein und ihr noch heute sein Lesen zu beichten.
Der Kleine lief die Treppe hinauf, wieder herab, blieb lange vor der tür und kam herein mit – Lianen an der Hand, die weiss gekleidet und schwarz verschleiert war. Sie sah ein wenig betroffen umher, als sie mit beiden Händen den Schleier von ihrem freundlichen gesicht zurückhob, hörte aber Charitons Wiegenlied. Sie kannt' ihn nicht, bis er sprach; und hier errötete ihr ganzes schönes Wesen wie eine beleuchtete Landschaft nach dem Abendregen; sie habe die Freude, sagte sie, seinen Vater zu kennen. Wahrscheinlich kannte sie den Sohn durch Juliennens und Augustis Malereien noch besser und von verwandtern Seiten; auch bewegte sich gewiss ihr schwesterliches Herz von seiner Bruderstimme; denn der Reiz und sogar Vorzug der Ähnlichkeit und Kopie ist so gross, dass sogar einer, der einem gleichgültigen Wesen ähnlich sieht, uns lieber wird, wie das Echo eines leeren Rufs, bloss weil hier wie in der nachahmenden Kunst die Vergangenheit und Abwesenheit eine durch die Phantasie durchscheinende Gegenwart wird.
Das immer leisere Einsingen der Mutter sagte das tiefere Einschlummern des Säuglings an, und endlich verstummte das Diminuendo, und Chariton lief mit blitzenden Augen der Hand Lianens zu. Eine heitere offne Freundschaft blühte zwischen den unschuldigen Herzen und verstrickte sie wie der Wein die nahen Pappeln. Chariton erzählte ihr Albanos Erzählung mit der Voraussetzung der innigsten Teilnahme; Liane hörte gespannt-aufmerkend der Freundin zu; aber das war ja so viel, als blicke sie die nahe historische Quelle selber an.
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