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, und die sanfte Seele nannte sich, ihres Wertes unbewusst, nur die kleine Linda ihrer Elisa.

Auch die zarte ausgezogene Handschrift kannte Albano nicht; Julienne liebte die gallische Sprache bis zu den Lettern, aber Lianens ihre glichen nicht den gallischen Sudel-Protokollen, sondern der reinlichen geründeten Handschrift der Briten.

Hier ist endlich ihr Blatt – – O du holdes Wesen! wie lange hab' ich nach den ersten Lauten deiner erquickenden Seele gedürstet! –

Sonntags-Morgen

– "Aber heute, Elisa, bin ich so innig-froh, und der Abendnebel liegt als eine Aurora am Himmel. Ich sollte dir wohl das Gestrige gar nicht geben. Ich war zu bekümmert. konnte' aber nicht meine liebe Mutter, die doch bloss meinetwegen hierher gegangen war, dadurch noch kränker werden, so leidlich sie auch eben deswegen sich gegen mich anstellte? – Und dann kam ja deine Gestalt, Geliebte, und all dein Schmerz und die harte Nachbarschaft63 und unser letzter Abend hier, o alles das zog ja so klagend vor mein banges Herz! – Sieh, als wir vor dem haus der lieben Chariton hielten und sie meiner Mutter die Hand mit freudigen Tränen küsste: so war ich so schwach, dass ich auch abgewandte vergoss, aber andre und über die Frohlockende selber, die ja nicht wissen konnte, ob nicht in dieser Stunde ihr teurer Freund in Rom erkranke oder untergehe. –

Nun aber ist der dunkelgraue Nebel auf dem Blumengarten deiner kleinen Linda ganz verweht, und alle Blüten des Lebens glänzen in ihren reinen hohen Farben vor ihr. – – Nach Mitternacht wich die Migräne meiner Mutter fast ganz, und sie schlummerte so süss noch an diesem Morgen. O wie war mir da! – Nach 5 Uhr schon ging ich in den Garten hinunter und fuhr über den Glanz zusammen, der im Taue und zwischen den Blättern branntedie Sonne sah erst unter den Triumphtoren hereinalle Seen sprühten in einem breiten Feuerein glänzender Dampf umfloss wie ein Heiligenschein den Erdenrand, den der Himmel berührteund ein hohes Wehen und Singen strömte durch die Morgenpracht – – –

Und in diese aufgeschlossene Welt kam ich genesen zurück und so froh; ich wollte immer rufen: ich habe dich wieder, du helle Sonne, und euch, ihr lieblichen Blumen, und ihr stolzen Berge, ihr habt euch nicht verändert, und ihr grünet wieder wie ich, ihr duftenden Bäume! – – In einer unendlichen Seligkeit schwebt' ich wie verklärt, Elisa, schwach, aber leicht und frei, ich hatte die drückende Hülleso war es mirunter die Erde gelegt und nur das pochende Herz behalten, und im entzückten Busen flossen warme Tränenquellen gleichsam über Blumen über und bedeckten sie hell. –

'Ach Gott,' sagt' ich in der grossen Freude schreckhaft, 'war es denn ein blosser Schlaf, das unbewegliche Ruhen der Mutter?' und ich musstelächle immer –, eh' ich weiterging, wieder zu ihr hinauf. Ich schlich atemlos vor das Bette, bog mich horchend über sie, und die gute Mutter schloss die immer leise schlummernden Augen langsam auf, sah mich müde, aber liebreich an und tat sie, ohne sich zu regen, wieder zu und gab mir nur die liebe Hand.

Nun durft' ich recht selig wieder in meinen Garten gehen; ich brachte aber der immer heitern Chariton den Morgengruss und sagt' ihr, dass ich auf dem breiten Wege zum Altare64 bliebe, sollt' ich etwa gesucht werden. – Ach Elisa, wie war mir dann! Und warum hatte' ich dich nicht an meiner Hand, und warum sah mein bekümmerter Karl nicht, dass seine Schwester so glücklich war! – Wie nach einem warmen Regen das Abendrot und das flüssige Sonnenlicht von allen goldgrünen Hügeln rinnt: so stand ein zitternder Glanz über meinem ganzen inneren und über meiner Vergangenheit, und überall lagen helle Freudenzähren. Ein süsses Nagen nahm mein Herz auseinander wie zum Sterben, und alles war mir so nahe und so lieb! Ich hätte der lispelnden Zitterpappel antworten und den Frühlingslüften danken mögen, die so kühlend das heisse Auge umwehten! Die Sonne hatte sich mütterlichwarm auf mein Herz gelegt und pflegte uns alle, die kalte Blume, den jungen nackten Vogel, den starren Schmetterling und jedes Wesen; ach so soll der Mensch auch sein, dachte' ich. Und ich ging den Sandweg und schonte das Leben des armen Gräschens und der liebäugelnden Blume, die ja hauchen und erwachen wie wirich vertrieb die weissen durstigen Schmetterlinge und Tauben nicht, die sich nebeneinander von der nassen Erdscholle zum Tranke bückten – o ich hätte die Wellen streicheln mögen- – diese Schöpfung ist ja so kostbar und aus Gottes Hand, und das noch so klein gestaltete Herz hat ja doch sein Blut und eine sehnsucht, und in das AugenPünktchen unter dem Blatte kehrt ja doch die ganze Sonne und ein kleiner Frühling ein. –

Ich lehnte mich, ein wenig ermattet, unter den ersten Triumphbogen, eh' ich zum Altare aufstieg; und sah hinaus in die glimmende Landschaft voll Dörfer und Baumgärten und Hügel; und der flimmernde Tau und das Läuten der Dörfer und das Glockenspiel der Herden und das Schweben der Vögel über allem füllte mich mit Ruh' und Licht. Ja, so ruhig und unbekannt und heiter will ich mein eilendes Leben führen, dachte' ich: redet mir nicht der Trauermantel zu, der vor mir mit seinen vom Herbste zerrissenen