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' ich," (versetzt' er frisch auf Albans sanfte Frage) "aber meine Schwester heisst Helena62, aber das Brüderchen heisst Echion." – "Und dein Vater?" – "Er ist gar nicht da, er ist weit draussen in Rom; gehe nur hinein zur Mutter Chariton, ich komme gleich." – An welchem schönern Tage und Orte, mit welchem schönern Herzen konnte' er in des geliebten Dians heilige Familie kommen als an diesem Morgen und mit dieser Brust?

Er ging ins helle lachende Haus, das voll Fenster und grüner Jalousieladen war. Als er in die Frühlingsstube eintrat: so fand er Chariton, ein junges, schmächtiges, fast noch jungfräulichaussehendes Weib von 17 Jahren, mit dem kleinen Echion an der säugenden Brust, sich wehrend gegen die kränklichlebhafte Helena, die, auf einem stuhl stehend, immer aus dem Fenster eine vielblättrige Rebenschlinge hereinzog und die Hülle um die Augen der Mutter gürten wollte. Mit zauberischer Verwirrung, da sie zugleich aufstehen, mit der Linken die belaubten Fessel ohne Zerreissen abnehmen und den Säugling tiefer verhüllen wollte, trat sie dem schönen Jünglinge gebückt entgegen, kindlichfreundlich und feurig, aber unendlich schüchtern, nicht seiner standesmässigen Kleidung wegen, sondern weil er ein Mann war und so edel aussah, sogar ihrem Griechen ähnlich. Er sagte ihr! mit einer zauberischen Liebe auf dem kräftigen Angesichte, die sie vielleicht nie so herrlich gesehen, seinen Namen und den! Dank, den sein Herz ihrem Gatten aufbewahre, und Nachrichten und Grüsse von diesem. Wie loderte an der furchtsamen Gestalt das unschuldige Feuer aus den schwarzen Augen! "War denn mein Herr" (so nannte sie ihren Mann) "sehr gesund und froh?" Und so fing sie jetzt, unbefangen wie ein Kind, ein langes Verhör bloss über ihren Gatten an.

Pollux sprang mit seiner langen Kette hereinAlban nahm den Trank vom Doktor scherzend aus der tasche und sagte: "Das sollst du einnehmen." – "Soll ichs gleich aussaufen, Mutter?" sagte der Heros. Hier erkundigte sie sich ebenso unbefangen nach dem ausführlichen Rezepte des Doktors und so lange, bis der kleine Säugling am Busen rebellierte und sie in ein Nebenzimmer über die Wiege trieb. Sie entschuldigte sich und sagte, der Kleine müsse schlafen, weil sie mit Lianen spazieren gehe, auf die sie jede Minute aufsehe.

Kinder lieben kräftige Gesichter; Alban wurde zugleich von Kindern und von Hunden geschätzt; nur konnte er auf dem kindlichen Spielplatze nie mit der kleinen springenden truppe agieren, wenn erwachsene Logen dabei waren.

"Ich kann sehr viel", sagte Pollux; – "ich kann auch lesen, Herr!" versetzte dem Bruder Helena. "Aber doch nur deutsch; ich aber kann lateinische Briefe prächtig herlesen, du!" erwiderte ihr das junge Männlein und lief in der stube nach Lektüre und Leseproben umher, aber umsonst. "Mann! warte ein wenig!" sagte er und lief die Treppe hinauf inLianens Zimmer und holte einen Brief von Lianen. – –

43. Zykel

Albano wusste nicht, dass Liane ordentlich das obere, so blühend beschattete Zimmer für sich innenhabe, worin sie häufigzumal wenn die Mutter in der Stadt zurückbliebzeichnete, schrieb und las. Die kindliche Chariton, vom Liebestranke der Freundschaft begeistert, wusste gar nicht, wie sie nur der schönen liebreichen Freundin ihr Feuer so recht zeigen konnte; ach was war ein Zimmer! – In dieses immer offne kamen nun die Kinder, die Liane zuweilen lesen liess; und so konnte jetzt Pollux aus dem einsamen den Bogen holen, den sie an diesem Morgen geschrieben.

Als Albano während des Holens so allein im Wohnzimmer des fernen Jugendfreundes neben dessen stiller, blasser Tochter sass, die bald auf ihn, bald auf eine ihm noch aus Lianens Morgenzimmer bekannte Spiel-Schäferei hinsahals das Morgenwehen durchs kühle Fenster das herrliche Getümmel hereintriebbesonders als im lichten Ausschnitte des Fussbodens die sinesischen Schatten des Wein- und Pappellaubes sich ineinander kräuseltenund als endlich Chariton den Säugling mit einem eiligern lautern Wiegenliede einsang, das ihm tönte wie ihr nachhallender Seufzer nach dem schönen Jugendlande: so wurde' ihm das volle, vom ganzen Morgen angeregte Herz so wunderbar undbesonders durch das wankende Schattengefechtfast bis zum Weinen bewegt; und das Kind blickt' ihm immer bedeutender ins Gesicht.

Da kam Pollux mit seinen beiden Quartblättern zurück und setzte sich nun selber auf seine Leseprobe. Schon die erste Seite komponierte zu Albans inneren Liedern die Melodie; aber er erriet weder die Verfasserin noch das Datum des Briefes, ausser später durch ein hin- und herspringendes Lesen. Die Blätter gehörten zu vorigennicht einmal Streusand bezeugte ihre junge Geburt (denn Liane war zu höflich, einen zu brauchen) – ferner waren alle Namen anders; nämlich Julienne, an die sie gerichtet waren, hatte leider, in d'Argensons bureau décachetage, d.h. am hof wohnhaft, verzifferte verlangt, und sie hiess mitin Elisa, Roquairol Karl und Liane ihre kleine Linda. Linda ist bekanntlich der Taufname der jungen Gräfin von Romeiro, mit welcher die Prinzessin am Tage jener für Roquairol so blutigen Redoute ein ewiges Herzensund Korrespondenz-Bündnis aufgerichtet hatte; – Liane, vor deren reinen dichterischen Augen sich jedes edle weibliche Wesen zur Gebenedeieten und Heroine, der undurchsichtige Edelstein zum durchsichtigen aufhellte und reinigte, liebte die hohe Gräfin gleichsam mit dem Herzen ihres Bruders und ihrer Freundin zugleich