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Elysium; der Tartarus ist ganz etwas anders und Lilars zweiter teil. Die Absonderung der Kontraste lob' ich noch mehr wie alles; ich wollte schon längst in einen bessern Garten gehen, als die gewöhnlichen chamäleontischen sind, wo man Sina und Italien, Lust- und Gebeinhaus, Einsiedelei und Palast, Armut und Reichtum (wie in den Städten und Herzen der Inhaber) auf einem Teller reicht und wo man den Tag und die Nacht ohne Aurora, ohne Mitteltinte nebeneinander aufstellt. Lilar hingegen, wo das Elysium seinen frohen Namen durch verknüpfte Lustlager und Lustaine rechtfertigt, wie der Tartarus seinen düstern durch einsame überhüllte Schrecken, das ist mir recht aus der Brust gehoben.

Aber wo geht jetzt unser Jüngling mit seinen Träumen? – Noch auf der romantischen einleitenden Strasse nach Lilar, eigentlich dem ersten Gartenwege desselben. Er wanderte auf einer belaubten Strasse, die sanft auf Hügel mit offnen Baumgärten und in gelbblühende Gründe stieg und die wie der Rhein sich bald durch grünende Felsen voll Efeu drängte, bald fliehende lachende Ufer hinter den Zweigen auftat. Jetzt wurden die weissen Bänke unter Jesminstauden und die weissen Landhäuser vielfältiger, er kam näher, und die Nachtigallen und Kanarienvögel60 Lilars streiften schon hieher, wie Land ansagende Vögel. Der Morgen wehte frisch durch den Frühling, und das zackige Laub hielt noch seine leichten äterischen Tropfen fest. Ein Fuhrmann lag schlafend auf seinem Leiterwagen, den die rechts und links abrupfenden Tiere sicher auf dem glatten Wege zogen. Albano hörte am stillen Sonntage nicht das Feldgeschrei der drängenden Arbeit, sondern die Ruhe-Glocken der Türme; im Morgengeläute spricht die zukünftige, wie im Abendgeläute die vergangene Zeit; und an diesem goldnen Alter des Tages stand auch eines in seiner frischen Brust.

Jetzt zuckten gabelschwänzige Rauchschwalben mit der Purpurbrust über das Himmelblau des wilden Gamanders und kündigten mit ihren Wohnungen unsre an: als seine Strasse durch ein zerstörtes altes offnes, von fetten dicken Blättern wie Schuppen behangnes Schloss durchwollte, an dessen Ein- oder Ausgange ein wegweisender roter Arm sich mit der weissen Aufschrift: "Weg aus dem Tartarus ins Elysium" gegen eine nahe Waldung ausstreckte.

Sein Herz fuhr auf bei dieser doppelten Nähe so verschiedener Tage. Mit weiten Schritten drang er gegen den Elysiums-Wald, den ein breiter Graben abzuschneiden schien. Aber er kam bald aus dem Buschwerke vor eine grüne brücke, die sich in den Bogen der Riesenschlange über den Graben, aber nicht auf die Erde, sondern in die Gipfel schwang. Sie trug ihn durch die hereinblühende Wildnis von Eichen-, Tannen-, Silberpappeln-, Frucht- und LindenWipfeln. Dann hob sie ihn hinaus in die freie Gegend, und Lilar warf ihm schon von Osten über die weite spitzige Gipfel-Saat den Glanz einer hohen Goldkugel entgegen. Die brücke senkte sich mit ihm wieder ins duftende dämmernde Geniste, und unter und neben ihm riefen und flatterten die Kanarienvögel, Singdrosseln, Finken und Nachtigallen, und die geätzte Brut schlief gedeckt unter der brücke. Endlich stieg diese nach einem Bogengange wieder ans Lichter sah schon die grünende Bergkuppe mit dem weissen Altar, woran er in einer jugendlichen Nacht gekniet hatte; und mehr südlich hinter sich die Decke und Scheidewand des Tartarus, einen hochaufgebäumten Waldund wie er weitertrat, deckte sich ihm das Elysium weiter aufeine Gasse kleiner Häuser mit welschen Dächern voll Bäumchen lachte den blick freudig und einheimisch aus der grünen Weltkarte von Tiefen, Hainen, Bahnen, Seen anund in Morgen schlossen fünf Triumphtore dem Auge die Wege in eine weitausgespannte, wie ein grünendes Meer fortwogende Ebene auf, und in Abend standen ihnen fünf andre mit geöffneten Ländern und Bergen entgegen. –

So wie Albano die langsam-niederschwebende brücke herabging, so kamen bald brennende Springbrunnen, bald rote Beete, bald neue Gärten im grossen entwickelt hervor, und jeder Tritt schuf das Eden um. Voll Ehrfurcht trat er wie auf einen geheiligten Boden heraus, auf die geweihte Erde des alten Fürsten und des frommen Vaters61 und Dians und Lianens; sein wilder gang wurde wie von einem Erdbeben umwikkelnd gehalten; das reine Paradies schien bloss für Lianens reine Seele gemacht; und jetzt erst machte ihm die scheue Frage über die Schicklichkeit seiner hastigen Nachreise und die liebende Furcht, zum ersten Male ihrem genesenen Auge zu begegnen, den frohen Busen enge.

Aber wie festlich, wie lebendig ist alles um ihn her! Auf den Wassern, die durch die Haine glänzen, ziehen Schwanen, in die Büsche schreitet der Fasan, Rehe blicken hinter ihm neugierig aus dem wald, über den er gegangen war, und weisse und schwarze Tauben laufen emsig unter den Toren, und an den Abendhügeln hängen rufende Schafe neben liegenden Lämmern; sogar der Turteltaube zittert in irgendeinem verhüllten Tale die Brust vom Languido der Liebe. Er schritt durch ein langes hochstaudiges Rosenfeld, das die Niederlassung und Pflanzstadt von Grasmücken und Nachtigallen schien, die aus den büsche auf die wachsenden Grasbänke hüpften und vergeblich ausliefen nach Würmchen; und die Lerche zog oben über diese zweite Welt für die frömmern Tiere und fiel hinter den Toren in die Saaten nieder.

Berausche dich immer, guter Jüngling, und kette deine Blumen so ineinander wie der Knabe, dem du zueilst! – Nämlich oben auf dem welschen dach, vor dessen Brustgeländer Silberpappeln von breiten Rebenblättern umgürtet spielen, und das er in der Frühlingsnacht für eine Laube in Rosen angesehen, stand einkerniger herübergebückter Knabe, der eine Dotterblumenkette niederliess und dem zu kurzen grünen Ankerseile immer neue Ringe einsteckte. "Pollux heiss