1800_Jean_Paul_052_70.txt

jeden Amtes zu bitter richten, das wir nicht selber bekleiden.

Die Gesellschaft hörte schweigend zu und wunderte sich aus Artigkeit nur innerlich; auf Lianens Gestalt trat weicher Ernst.

Man stand auf- die Enge verschwandsein Eifer auch; aber ich weiss nicht, kam es von der Trunkenheit des Sprechens oder des liebenden Anschauens, oder von einem jugendlichen Überspringen der VisitenZäune – (von Mangel an Lebensart kams aber nicht her), genug das Faktum ist nicht zu leugnen (und ich tu' auch am besten, es geradezu zu geben), dass der Graf die arme alte, von ihm hergeführte DameHafenreffer weiss selber nicht, wie sie heisststehen liess und, ich glaube unbewusst, zum führen Lianen nahm. – Ach diese! Was soll ich sagen von der magischen Nähe der geträumten Seelevom leichten Aufliegen ihrer Hand, das nur der Arm des inneren Menschen, nicht des äussern spürtevon der Kürze des Himmelsweges, der wenigstens so lang hätte sein sollen als die Friedrichs-Strasse? – Wahrhaftig er selber sagte nichtser dachte bloss ans abscheuliche Inhibitorial-Zimmer, wo ihre Scheidung vorfallen musste er zitterte unter dem Suchen eines Lauts. "Sie haben wohl" (sagte Liane leicht und offen, die gern die befreundete stimme, zumal nach der warmen Rede hörte) "unser Lilar schon besucht?" "Wahrhaftig nicht, aber Sie?" sagt' er zu verwirrt. – "Ich und meine Mutter wohnten gern in jedem Frühlinge da."

Nun waren sie im Scheide-Zimmer. Leider stand er so mit ihr, die nichts sah, einige Sekunden fest und sah geradeaus, willens, etwas zu sagen, bis die Mutter ihn aufweckte, die für ihre von dem ganzen Abend so genährte Liebe eifrig eine abgetrennte Stunde am Tochterherzen suchte. – Und so war alles vorbei; denn beide schwanden wie Erscheinungen weg.

Aber Alban war wie ein Mensch, den ein herrlicher Traum verlässet und der den ganzen Morgen so innigselig ist, aber ihn nicht mehr weiss. – Und wie, steht ihm nicht Lilar offen, und sieht er es nicht gewiss, sobald nur Liane es auch sehen kann?

Nie war er sanfter. Der aufmerksame Lektor legte in dieser warmen fruchtbaren Säezeit einigen guten Samen ein. Er sagte, als sie miteinander noch in die Mondnacht heraussahen, Albano habe heute fast bloss stachlichte und sperrige Wahrheiten vorgebracht; die nur erbittern, nicht erleuchten. – Zu einer andern Zeit hätt' ihn der Graf befragt, ob er es wie Froulay und Bouverot hätte machen sollen, die einander ganz tolerant Teses und Antiteses vortrugen wie ein akademischer Respondent und Opponent, die vorher bei einander logische Wunden und Pflaster von gleicher Länge bestellen; – aber heute war er ihm sehr gut. Augusti hatte so delikat und liebreich für Mutter und Tochter gesorgter hatte ohne Schwärzen und Schminken viel Gutes, aber nicht hastig gesagt, und man hatte seinem Auseinandersetzen ruhig zugehörter hatte weder geschmeichelt noch beleidigt. Albano versetzte also sanft: "Aber erbittern ist doch besser, lieber Augusti, als einwiegen. – Und wem soll ich denn die Wahrheit sagen als denen, die sie nicht haben und nicht glauben? Doch nicht den andern?" – "Man kann jede sagen," sagt' er, "aber man kann nicht jede Art und Stimmung, womit man sie sagt, zur Wahrheit rechnen."

"Ach!" sagte Albano und blickte hinauf; unter dem Sternenhimmel stand wie eine Schutzheilige die Marmor-Madonna des Palastes sanft beglänztund er dachte an ihre Schwesterund an Lilarund an den Frühlingund an viele Träumeund dass sein Herz so voll ewiger Liebe sei und dass er doch noch keinen Freund und keine Freundin habe. –

Achte Jobelperiode

Le petit lever des Doktor SphexSteig nach LilarWaldbrückeder Morgen in ArkadienCharitonLianens Brief und Dankpsalmempfindsame Reisen durch einen Gartendas Flötentalüber die Realität

des Ideals

41. Zykel

Ich bin in voriger Nacht bis gegen Morgen aufgesessendenn ich kann keinen fremden Dechiffreur darüberlassen –, um die Jobelperiode bis zum letzten Worte zu entziffern, so fest hielt mich ihr Reiz; ich hoffe aber, da schon das dünne Blätterskelett aus Hafenreffers Hand so viel tat, so soll jetzt das Blatt, wenn ich seine Adern mit Saftfarben und gleissendem Grüne durchziehe, vollends Wunder tun.

Mit dem Grafen stand es seit dem letzten Abend betrübt. Denn die duldende bescheidne Gestalt, die er gesehen, glänzte, wie der Vorsatz einer grossen Tat, allen Bildern seiner Seele vor, und in seinen Träumen und vor dem Einschlafen ward ihre holde stimme die Philomele einer Frühlingsnacht. – Dabei hört' er noch immer von ihr sprechen, besonders den Physikus, der jeden Tag weitere Fortschritte der Augenkur verkündigte und zuletzt Lianens Abreise nach Lilar immer näher stellte – (Von einer Geliebten aber hören ist, sei es immer etwas Gleichgültiges, weit mächtiger als an sie denken) – Er hörte ferner, dass ihr Bruder sich seit der Ermordung ihrer Augen der ganzen Stadt entzogen, in welcher er nicht wieder erscheinen will als auf einem sogenannten Freudenpferde bei der FürstenleicheUnd um dieses Eden, oder vielmehr um die Schöpferin desselben, war eine so hohe Gartenmauer gezogen, und er ging um die Mauer und fand kein Tor.

Verhassteres kenn' ich nichts als das; aber in welcher Residenzstadt ist es anders