: morgen siehst du sie wenige Schritte von dir im Garten! – Und das ist recht leicht zu machen; er darf nur morgen in der Abenddämmerung, wenn die Abendwandlerin die Augenkur gebraucht, sich in die Allee begeben und aus den Blättern frei hinauf in das zauberische Antlitz schauen und dann die ganze Glückseligkeitslehre in einem Paragraphen, in einem zug, Atem, Momente verschlingen – – aber welche Aussicht!
Der Graf bat den Lektor, nicht lange bei dem beschäftigten Minister zu sitzen. Als sie ihn wiederfanden, wusst' er hinter einem Aktenstocke kaum nach einigem (vielleicht maskierten) Besinnen, dass sie dagewesen, und bedauert' es innig, dass sie fortgingen. – Ach der Tröster lispelt den ganzen Abend und die ganze Nacht: Morgen, Albano! –
35. Zykel
Da unsern Albano die gaukelnde Nacht von einer Seite und Träumerei auf die andre warf- denn nicht die nahe Vergangenheit' sondern die nahe Zukunft mattet uns mit Probekomödien unsrer wachen Akte, mit Träumen, ab –, wie war er am Morgen so froh, dass die schönste Zukunft noch nicht vorüber war. Im Menschen hausen oft zwei sehr eulenspiegelsche Wünsche: ich tue oft den von ganzem Herzen, dass eine wahre Freude für mich, z.B. ein Meisterwerk, eine Lustfahrt etc., doch mög' endlich ein Ende nehmen, und zweitens den obigen, dass eine und die andre Lust noch ein wenig aussenbleibe.
Der Abend kam mit der grössten, wo Zesara – wie Le Gentil nach Ostindien – nach dem östlichen Park des Ministers abreisete, um den Durchgang des Hesperus und Venussternes, aber nur durch den Mond, zu observieren. Vor den erleuchteten Palastfenstern hielt er mitten unter den Leuten und sann nach, ob es sehr lasse, so in den Garten zu laufen; aber wahrhaftig, wär' er umgekehrt, das dürstende Herz hätte ihn zurück durch einen ganzen davor postierten Klerus und diplomatischen Kongress hindurch getrieben. Kühn schritt er durch den lauten Palast vor einer angespannten Wagenburg vorbei, drehte das eiserne Gattertor auf und trat hastig in den nächsten Laubengang. Hier ging er, von einem Fackeltanze leuchtender Hoffnungen begleitet, hin und her, aber sein Auge war ein sehe- und sein Ohr ein Hör-Rohr. Die Lauben-Allee wuchs oben quer über den Garten in eine andre, dem Wasserhäuschen nahe hinein; in diese trat er, um der Blinden oder vielmehr ihrer Leiterin nicht zu begegnen.
Es kam aber nichts. Freilich war er nicht wie der Mond – wie doch zu fordern war – um eine halbe Stunde später gekommen, sondern gar um eine früher. Der Mond, dieser Stern, welcher Weise voll Weihrauch zum Anbeten leitet, liess endlich breite lange Silberblätter als Festtapeten an Lianens Morgenzimmer niederfallen – die Madonna auf dem Palaste war in den Heiligenschein und Nonnenschleier seiner Strahlen eingekleidet – die Ministerin stand schon am Fenster – die natur spielte das Larghetto eines magischen Abends in immer tiefern Tönen – als Albano weiter nichts vernahm als ein kleineres, bloss aus Klängen gemachtes, das aus dem Wasserhäuschen, dem Lustsitze aller seiner Wünsche, kam, und das sterbend mit dem Frühlingstage vertönen wollte. Aber er konnte nicht erraten, wer es spiele; man hätt' es herausbringen können, dass es Roquairol war, bloss weil er nachher, wie ich erzählen werde, nach der April-Sitte seines musikalischen Gelichters, aus dem Pianissimo in ein zu wildes Fortissimo hinaufsprang. Der vom Vater relegierte Bruder konnte wenigstens im Wasserhäuschen die teuere Schwester sehen und trösten und ihr seine Liebe und seine Reue zeigen; wiewohl seine stürmische Reue eine zweite nötig macht und am Ende nur eine frömmere Wiederholung seines Fehlers war.
Obgleich die Phantasie Albanos eine Retina des Universums war, worauf jede Welt sich scharf abmalte, und sein Herz der Sangboden jeder Sphärenmusik, worin eine umlief: so konnten doch weder der Abend noch das Larghetto mit ihren Strahlen und Klängen durch die hohen Wellen hindurch, die in ihm sowohl die Erwartung als die sorge (beide verdunkeln die natur und die Kunst) aufwarf. Das Ufer der Fontänen umflocht ein grüner Ring von Orangen, deren Blüte im Morgenlande nach der Selam-Chiffre Hoffnungen ansagt; aber wahrhaftig eine nach der andern wurde flüchtig, wenn er an die kalte helle Mutter dachte oder an sein vielleicht leeres Warten. Die Fontänen sprangen noch nicht – er rupfte wie ein Vorherbst immer mehr breite Fächerblätter aus seiner grünenden spanischen Wand und sah doch durch alle weitere Fenster Lianen nicht über den Kiesweg herkommen (welches schon darum unmöglich war, weil sie längst im Wasserhäuschen bei ihrem Bruder stand) und er verzagte an ihrer Erscheinung: als dieser plötzlich ins gedachte Fortissimo stürmte und als alle Fontänen vor dem mond rauschende Kränze aus Flittersilber aufwarfen. Albano blickte hinaus....
Liane stand droben im Mondenschimmer hinter dem flatternden wasser. Welche Erscheinung! – Er riss die Laubenzweige an seinem Angesichte auseinander und schaute unbedeckt und atemlos an die heiligschöne Gestalt! Wie griechische Götter überirdisch vor der Fackel stehen und blicken, so glänzte Liane vor dem mond, von dem umherrinnenden Widerscheine der silbernen Regenbogen beschattet, und der selige Jüngling sah die junge offne stille Marienstirn bestrahlt, auf der noch kein Unmut und keine Spannung eine Welle geworfen – und die dünne, zarte, kaum gebogene Augenbraunen-Linie – und das Angesicht, gleich einer vollendeten Perle oval und weiss – und die losgeringelte Locke, auf den Maienblümchen an ihrem Herzen liegend – und den feinen Grazienwuchs, der wie die weisse Bekleidung die