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Es gibt einen gewissen edlen, durch welchen mehr als durch Bescheidenheit Verdienste heller glänzen. Froulay hatte für die Zukunft nicht die bequemste Rolle; denn der haarhaarsche Hof war dem Vlies-Ritter so ungewogen wie dieser jenem53; Haarhaar wurde' aber ohne Zweifel (allen welschen chirurgischen Berichten zufolge) und in wenig Jahren (allen nosologischen gemäss) der Erbe von dessen Erbschaft oder Trone. – Nun war das Schlimme dabei, dass der Minister, der wie ein Christ mehr auf die Zukunft sah, sich zwischen dem deutschen Herrn von Bouverot, der eine haarhaarsche Kreatur heimlich war, und zwischen der kurzen Gegenwart zugleich durchzuschleichen hatte.

Er nahm, sagt' ich, den Grafen ungemein verbindlich auf, so wie den Lektor; und entdeckte beiden, er müsse ihnen seine Frau vorstellen, die ihre Bekanntschaft wünsche. Er liess es ihr sagen; führte beide aber, ohne Erwarten der Antwort, in ihr Zimmer. Dem Jünglinge war nun, als drehe sich die schwere Tür eines heiligen stillen Tempels auf. – Sogar ich bin jetzt, während ihres Ziehens durch die Zimmer, mit so närrisch, dass ich in eine ebenso grosse Angst gerate, als ging' ich mit hintennach. Als wir ins Morgenzimmer, welches Papiertapeten zu einer gegitterten Jelängerjelieber-Laube ausfärbten, eintraten: sass bloss die Ministerin da, die uns gefällig aufnahm, mit fester und kalter Haltung in Miene und Ton. Ihre streng-geschlossenen und wenig bezeichneten Lippen taten stumm einen Ernst, der die Gabe des frommen Herzens, und eine Stille kund, die der Schmuck der Schönheit istwie manche Flügel nur, wenn sie zugefaltet sind, Pfauenspiegel giessen –, und das Auge glänzte im Wohlwollen der Vernunft; aber die Augenlider waren von harten Jahren tief und kränklich über die milden Blicke hereingezogen. Ach wie zwischen Neuvermählten oft ein Schwert trennend lag, so schliff Froulay täglich am dreischneidigen, das ihn und sie absonderte. sonderbar stach mit dem hellen Nachsommertage auf ihrem Angesichte das unreine Gewühl auf seinem ab, wiewohl er vor Zeugen, wie es schien, seiner Höflichkeit gegen sie die Ironie benahm und den Hass, wie andre die Liebe, nur für die Einsamkeit aufhob.

Zum Glück verpflanzte sich dieser Nussbaum, der einen ungesunden frostigen Nussbaumschatten auf den ganzen Nelkenflor der Liebe und der Dichtkunst warf, bald unter ähnlichere Gäste zurück. Die Ministerin richtete sich nach den ersten Gaben der gefälligkeit mehr an den Lektor, dessen korrekte bürgerliche Mensur zu ihrer religiösen ganz stimmte; besonders da nur er über Liane fragen und kondolieren konnte. Sie versetzte, dieses Zimmer Lianens sei gerade so gelassen, wie es am Abend der Erblindung gewesen, damit es, wenn sie heile, eine schöne Erinnerung für sie bleibe, oder eine traurige für andre, wenn sie nicht genese. – O bewegter Albano, wenn jede Abwesenheit verklärt, wie muss es erst eine mit so vielen Spuren der Gegenwart tun! Ich bekenne, ausser einer Geliebten kenn' ich nichts Schöneres als ihr Wohnzimmer in ihrer Abwesenheit.

Auf Lianens Arbeitstische lag ein umrissener Christuskopf neben der aufgeschlagenen Messiadeein zusammengelegter Spazierflor nebst dem grünen Spazierfächer mit eingeschriebenen Wünschen von Freundinneneinige aufgeschnittene Couvertsder Gevatterbrief eines Froulayschen Pachterseine ganze lackierte Schäferei mit Wagen, Stallung und Haus, mit deren lilliputischen Arkadien sie Dians Kinder54 erfreuen wollenein aus dem verfliegenden Stammbüchlein einer Freundin ausgerupftes Blatt, das sie mit einer getuschten Blumenrabatte gerändert und dann mit holden Wünschen vollgepflanzet hatte, die das Schicksal aus ihrem eignen Leben weggenommen. – – Ach schönes Herz, wie gern wollt' ich über alle kleine Rudera deiner lichten Vorzeit etwas Tabellarisches entwerfen und verteilen, hätte sich der Lehnpropst näher darauf eingelassen! – Was aber mich und den Grafen am tiefsten bewegt, ist eine aufgespannte Stickerei, auf welche ihre Nadel wie ein Inokuliermesser an jenem düstern Tage eine Rose mit zwei Knospen geimpfet hatte und woran nichts mehr fehlte als die Dornen – – o diese zog an deinen Freudenrosen das Verhängnis nur zu weit hervor und presste sie dann so tief durch deine Brust bis ans Herz!

In keiner Stunde seines Lebens war Albanos Liebe so heiligzart als in dieser, oder sein Mitleiden so innig. Zum Glück blickte die Ministerin immer durch das Fenster in den Garten und nahm seine Rührung nicht wahr. Zuletzt zeigte sie noch auf Lianens dastehende Harmonika; nun ward ihm das Herz zu voll und zu sichtbar, er sprang auf mit den hastigen Worten, er habe noch keine gehört, und trat davor. Ach er wollte etwas berühren, worauf so oft ihre Finger gewesen. Er legte die Hand wie an ein Heiligtum an diese Betglokken, die so oft unter der ihrigen für fromme Gedanken gezittert hatten; aber sie gaben ihm keine Antwort, bis ihm der Lektor, ein Kenner des Abcs wie der Technologie aller Künste, das Nötigste in drei Worten gewiesen. Jetzt sog er in die Seele voll Seufzer und Kriege den ersten Dreiklang ein, die ersten Klagesilben dieser Muttersprache der lechzenden Brustach dieser Stummenglocken, die der innere Mensch in der Hand schüttelt, weil er keine Zunge hat –; und seine Adern schlugen wild als Flügel, die ihn vom Boden aufwehten und ihn vor eine höhere Aussicht trugen, als die in die letzte Freude oder Marter ist. Denn in starken Menschen werden grosse Schmerzen und Freuden zu überschauenden Anhöhen des ganzen Lebensweges. – –

Ich weiss nicht, ob viele Leser den Fehler möglich finden werden, den er jetzt wirklich beging. Die Ministerin war im gespräche