) – "o ihr egoistischen Gaukler! durch die Feder schreibender Lakaien giesset ihr euch aus? – Lektor, dem Satan selber würde' ich wärmer kondolieren als so!" –
Warum ist dieser verhüllte Geist so rege und laut? – Ach alles hat ihn bewegt. Nicht bloss der Jammer über die von allen nächtlichen Pfeilen des Verhängnisses verfolgte Liane trat eisern in sein offnes Herz, sondern auch das Erstaunen über das dunkle Einmischen des Schicksals in sein junges Leben; – Roquairols wiederkommender Ausdruck "Brust ohne Herz" klang ihm, als wenn er ihm bekannt sein sollte; endlich fiel ihm die Umkehrung ein, das Wort der insularischen Sphinx: Herz ohne Brust – – Also sogar dieses Rätsel war gelöset und der Ort bestimmt, wo er wider jede Erwartung die Weissagung der Geliebten hören sollte – aber wie unbegreiflich, unbegreiflich!
"O Liane heisst sie, und kein Gott soll den Namen ändern", sagte seine innerste Seele. – Denn in frühern Jahren hat eben der kräftigste Jüngling an Mädchen reizende Kränklichkeit und weiche Vollgefühle und nasse Augen lieber – so wie man überhaupt in Albanos Jahren die Flut (später die Ebbe) der Augen zu hoch anschlägt, ob sie gleich oft wie zu reiches Begiessen die Samenkörner der besten Entschlüsse wegschwemmen –; indes er später (weil er den Ehestand und die Wirtschaft antreten will) sich mehr nach hellen und scharfen Augen als nach feuchten, und mehr nach kaltem und gesundem Blute erkundigt.
Da Alban das Feuer seiner inneren Wolken meistens an den Ausladeketten der Klaviersaiten niedergehen liess – seltener in die Hippokrene der Poesie –: so macht' er aus seinem inneren Charivari unbewusst einen Klavierauszug. Ich transponiere seine Fantaisie folgendermassen in meine Phantasie. Auf den weichsten Molltönen ging die Erblindung mit ihren langen Schmerzen vorüber, und im Sprachgewölbe der Tonkunst hört' er alle leisen Seufzer Lianens laut. – Dann führten ihn härtere Molltöne in den Tartarus an das Grab und Herz des alten freundlichen Mannes, der mit ihm einmal gebetet hatte, und da sank in der Geisterstunde leise wie ein Tau der laut vom Himmel: Liane! – Mit einem Donnerschlage des Entzückens fiel er in den Majore-Ton, und er fragte sich: "Diese fromme lichte Seele konnte das Schicksal deinem unvollkommnen Herzen versprechen?" Und da er sich antwortete, dass sie ihn vielleicht lieben werde, weil sie ihn nicht sehen könne – denn die erste Liebe ist nicht eitel –, und da er sie von ihrem gigantischen Bruder führen sah und da er an die hohe Freundschaft dachte, die er ihm geben und abverlangen wollte: so gingen seine Finger in einer erhebenden Kriegsmusik über die Tasten, und es klangen die himmlischen Stunden vor ihm, die er geniessen werde, wenn seine zwei ewigen Träume lebendig aus der Nacht in den Tag herübergingen und wenn ein verschwistertes Paar seinem so jungen Herzen zugleich den Freund und die Freundin gäbe. – Hier verklang leise sein inneres und sein äusseres Stürmen – und die gleichschwebende Temperatur des Instruments wurde die des Spielers....
Aber eine Seele wie seine wird leichter vom Schmerze befriedigt als vom Glücke. Als wäre die Wirklichkeit da, so drang er weiter: unbeschreiblichhold und überirdisch sah er Lianens Bild in ihrem Leidenskelche zittern; denn die Dornenkrone veredelt leicht zum Christuskopfe, und das Blut der unverdienten Wunde ist Wangenrot am inneren Menschen, und die Seele, die zu viel gelitten, wird leicht zu viel geliebt. – Die zarte Liane schien ihm schon für die Flora der zweiten Welt in den Leichenschleier eingesponnen, wie die weichen Glieder der Bienennymphe durchsichtig über der kleinen Brust gefaltet liegen – die weisse Gestalt aus Schnee, die einmal in seinem Traume auf seinem Herzen zerronnen war, öffnete das helle Wölkchen wieder und sah blind und weinend auf die Erde und sagte: "Albano, ich werde sterben, eh' ich dich gesehen habe." – "Und wenn du mich auch", sagte das sterbende Herz in seiner Brust, "niemals siehst: so will ich dich doch lieben. – Und wenn du auch bald vergehst, Liane, so erwähl' ich gern den Schmerz und gehe treu mit dir, bis du im Himmel bist.".... Der Himmel und die Hölle hatten vor ihm zugleich ihre Vorhänge aufgezogen – nur wenige und dieselben Töne und höchste und unterbrochene konnte' er noch leise bestreifen – und endlich sanken die hände unter- und er fing zu weinen an, aber ohne zu harte Schmerzen, wie das Gewitter, das seine Blitze und Donner aufgelöset hat, nur noch mit einem leisen weiten Regen über der Erde steht. –
Sechste Jobelperiode
Die zehn Verfolgungen des Lesers – Lianens
Morgenzimmer – Disputation über die Geduld – die
malerische Kur
34. Zykel
Heischesätze – Apophtegmen – Philosopheme – Erasmische Adagia – Bemerkungen von Rochefoucauld, von La Bruyere, von Lavater ersinn' ich in einer Woche unzählige und mehrere, als ich in sechs Monaten loszuwerden und als Einschiebeessen in meinen biographischen petits soupers wegzubringen imstande bin. So läuft der Lotto-Schlagschatz meiner ungedruckten Manuskripte täglich höher auf, je mehr ich dem Leser Auszüge und Gewinste gedruckter daraus gönne. Auf diese Weise schleich' ich aus der Welt und habe nichts darin gesagt. Lavater nimmt sich hierin vernünftiger, er lässt das ganze mit Schätzen gefüllte Lottorad unter dem Titel: Manuskripte (so wie wir umgekehrt Manuskripte den Verlegern auf der Post unter dem Titel gedruckter Sachen zufertigen) selber unter die Gelehrten laufen.
Aber warum tu' ichs nicht und lasse wenigstens