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in mehr als einer Finsternis genommen, und darin will ich ihn mit allen seinen Qualen lassen. – Dann bat Liane ihr Mädchen, es der Mutter so kurz vor dem Schlafe zu verschweigen, da es sich vielleicht in der Nacht noch gebe. Aber umsonst; die Ministerin war es gewohnt, ihren Tag an der Brust und der Lippe ihrer Tochter zu schliessen. Nun trat diese geleitet herein und suchte das Mutterherz irrig seitwärts, und dem sanftern Weinen konnte sie in dieser geliebten Nähe nicht mehr wehren: da wurde ja alles verraten und alles gestanden. – Die Mutter liess erst den Doktor rufen, eh' sie mit feuchten Augen und mit leisen Armen an der angedrückten Tochter den Bericht anhörte. Sphex kam, prüfte die Augen und den Puls und machte nichts daraus als ein Nerven-Falliment.

Der Minister, der überall im haus Leitunde mit feinen Ohren hatte, kam, unterrichtet, herein und machte in Sphexens Beisein ausser weiten Schritten nichts als die kleine Note: "Voyez Madame, comme votre le Cain joue son rôle à merveille44." –

Sobald Sphex hinaus war, liess Froulay einige Billionenpfünder und Wachteln (dreipfündige Handgranaten) auf die Gattin los. "Das sind", notierte er, "die Folgen Ihrer visionären Erziehung" (freilich schlug seine eigne am Sohne auch nicht sonderlich an) – "Warum liessen Sie die kranke Närrin gehen?" (Er hätt' es selber aus höfischen Rücksichten noch lieber erlaubt; aber Männer tadeln gern die Fehltritte, die man ihnenersparte; überhaupt setzen sie wie Köchinnen das Messer lieber an Hühner mit weissem Gefieder als an die mit dunkelm.) – "Vous aimez, ce me semble, à anticiper le sort de cette Rêveuse un peu avant qu'il soit decidé du nôtre"45 (Ihr Schweigen machte ihn immer bitterer) "Oh! ce sied si bien à votre art cosmétique que de rendre aveugle et de l'être, le dieu de l'amour s'y prête de modèle46." Von dieser schreienden Härte ergriffenbesonders da bloss der Minister wider die mütterlichen Wünsche eben diese kosmetische Erziehung Lianens für seine politischen gewählt und befohlen hattemusste die Mutter das nasse Auge an der Tochter verbergen und trocknen. Die Ehemännerund die neuesten Literatoren halten sich für Feuersteine, deren Lichtgeben man nach ihren scharfen Ecken berechnet. Unsere Voreltern schrieben einem Diamant-Gehenke das Vermögen, Liebe unter Ehegatten anzufachen, zuauch find' ich in der Tat noch an Juwelen diese Kraft –; nur lässt dieser zum Kiesel gehörige Stein nach den Ehepakten so kalt und hart, als er selber ist. Wahrscheinlich war Froulays Eheband ein solches edelsteinernes.

Allein die Frau sagte nur: "Lieber Minister, lassen wir das; aber schonen Sie die Kranke!" – "Voilà précisement ce qui fût votre afaire47", sagt' er hohnlachend. Vergeblich redete Liane ihn rührend-irrig von der falschen Weltgegend an und sprach für ihren Bruderwelches ewige, zu viel beweisende Defensorat aller Leute ihr einziger Fehler war –; vergeblich, denn sein Mitleiden mit einer Gepeinigten bestand in nichts als im Grimme gegen die Peiniger, und seine Liebe gegen Liane zeigte sich nur im Hassen derselben: "Schweig, Närrin! Aber Monsieur le Cain soll mir nicht ins Haus, Madame, bis auf weitre Ordre!" – Ich sage zum alten Ehe-Bramarbas aus Schonung weiter nichts als: Geh zum Teufel, wenigstens zu Bett! –

33. Zykel

Das deutsche Publikum wird sich noch der vom Antrittsprogramm versprochenen obligaten Blätter erinnern und mich fragen, wo sie bleiben. Der vorige Zykel war das erste, bestes Publikum; aber sieh daraus, wie obligate Blätter sind und dass vielleicht so viel geschichte darin stecke als in irgendeinem Zykel, wie er auch heisse.

Der Graf hatte noch nichts von Lianens Unglück erfahren, als er mit den andern hinunter zum Diner des Doktors ging, der heute sehr gastfrei war. Sie fanden ihn im heftigsten lachen begriffen, die hände in die Seiten gestützt und die Augen über zwei Salbennäpfchen auf dem Tische gebückt. Er stand auf und war ganz ernstaft. In Reils Archiv für die Physiologie hatte' er nämlich gefunden, dass nach Fourcroy und Vauquelin die Tränen den Veilsaft grün färben und also Laugensalz entalten. Um nun den Satz und die Tränen zu prüfen, hatte' er sich hingesetzt und ernstaft stark gelacht, um zu weinen und einige Tropfen für die Solwaage des Satzes zu gewinnen; er hätte sich gern anders erschüttert, durch Rührung, aber er kannte seine natur und wusste, dass nichts dabei herauskäme, nicht ein Tropfe.

Er liess die Gäste ein wenig alleindie Frau war auch noch nicht zu sehenMalz sass in einer Ottomanedie Kinder hatten satirische Mienenkurz die Unverschämteit wohnte in diesem haus wie in ihrem Tempel. – Auf den Alten wirkte kein Spott, und er ordnete nur ab, was ihm, nicht was andern missfiel.

Endlich schwenkte sich als Voressen oder Vorbericht der Suppe die rosabackige Physikussin in die stube herein mit 3 oder 4 Esprits oder Federstutzenmit einer scheckigen Hals-Schürzein einem roten Ballkleide, dem die Walzer die Farbe ausgezogen, die sie ihr aufgelegtund mit einem durchbrochnen Putzfächer. Wenn ich wollte, könnt' ich mich ihrer annehmen; denn anlangend die Esprits (da oft der Esprit, wie bei den Embryonen das Gehirn, sich auf die Gehirnschale heraussetzt und