nur einen weichen schwärmerischen Ernst entfalteten, versanken immer tiefer in diesen vor der religiösen strengen Ministerin, die nie an Juliennen so viel Seele fand als in dieser sanft nachweinenden Stunde, wie Levkojen zu duften anfangen, wenn sie begossen werden. Nicht der kämpfende Schmerz, sondern der fliehende verschönert die Gestalt; daher verklärt der Tote seine, weil die Qualen erkaltet sind. Die Mädchen standen schwärmerisch miteinander am Fenster, das zunehmende Mondenlicht ihrer Phantasie wurde durch das äussere voll; sie machten den Nonnen-Plan, auf lebenslang beisammen zu leben und zusammenzuziehen. Es kam ihnen in dieser stillen Rührung oft mit Erschrecken vor, als wehe der klingende Flug abgeschiedener Seelen vorüber (bloss ein paar Fliegen hatten auf der Harfe der Ministerin mit Füssen und Flügeln die Töne gegriffen) –; und Julienne dachte recht schmerzlich an ihren toten Vater in Lilar.
Endlich bat sie die Seelenschwester, mit ihr heute nach Lilar zu fahren und das letzte und tiefste Weh einer Waise zu teilen und zu mildern. Sie tat es willig; aber der Ministerin war das Ja mühsam abzuringen. Ich sehe die sanften Gestalten aus der langen Umarmung im Wagen in das Trauerzimmer in Lilar treten, die kleinere Julienne mit zuckenden Augen und wechselnder Farbe, Liane von Migräne und Trauer blässer und milder und über jene durch ihre schon vom zwölften Jahre geschenkte Länge42 erhoben.
Wie überirdische Wesen strahlten beide die an allen Ecken brennende Seele Roquairols an. Ein einziger Tränentropfe konnte in diesen Kalzinierofen Sieden und Verwüstung bringen. Schon diesen ganzen Abend blickte er den Greis mit furchtsamen Schaudern über das kindische Ende dieses gewichnen Geistes an, der sonst so feurig gewesen als seiner jetzt; und je länger er hinsah, desto dickere Rauchwolken schwammen vom offnen Krater des Grabes in das grünende Leben herein, und er hörte darin donnern, und er sah darin eine Eisenfaust dunkel glühen, die nach unserm Herzen greift.
Unter diesen grimmigen Träumen, die jeden inneren Schmutzflecken beleuchteten und die hart ihm droheten, auch an seinem Vulkane werde nichts fruchtbar sein als einst die – Asche, traten die traurigen Mädchen herein, die unterwegs nur über die erkaltete Gestalt, und jetzt noch heftiger über die verschönerte weinten; denn die Hand des Todes hatte' aus ihr das Linienblatt der letzten Jahre, das vortretende Kinn, die Feuermäler der Leidenschaften und so viele mit Runzeln unterstrichene Qualen weggelöscht und gleichsam auf die Hülle den Widerschein des frischen stillen Morgenlichts gemalt, das jetzt den entkleideten Geist umgab. Aber auf Julienne machte ein schwarzes Taftpflaster auf dem Augenknochen, das noch von einem Stosse daraufgeblieben war, dieses Zeichen der Wunden, einen heftigern Eindruck als alle Zeichen der Heilung; sie bemerkte nur die Tränen, aber nicht die Worte Lianens: "O wie ruht er so schön!" – "Aber warum ruht er?" (sagte ihr Bruder mit jener aus dem Innersten murmelnden stimme, die sie von seiner Liebhaber-Bühne her kannte; und fasste ihre Hand erschüttert, weil er und sie einander innig liebten, und seine Lava brach nun durch die dünne Rinde) – "darum, weil das Herz aus seiner Brust geschnitten ist, weil darin das Feuerrad der Entzückung, das Schöpfrad der Tränen nicht mehr geht."
Diese tyrannische Erinnerung an die Leichenöffnung wirkte fürchterlich auf die kranke Liane, und sie musste die Augen von der zugedeckten Brust abwenden, weil der Schmerz mit einem Lungenkrampfe den Atem sperrte; und doch fuhr der wilde, andere wie sich verheerende Mensch, der vorher neben der steifen Leichengarde geschwiegen hatte, im doppelten Zertrümmern fort: "Fühlst du, wie sich dieser Fangeball des Schicksals, dieses Ixionsrad der Wünsche so schmerzlich in uns bewegt? – nur die Brust ohne Herz wird ruhig." –
Auf einmal schaute Liane länger und starrer auf die Leiche eine eiskalte Schneide, wie von der Todessichel, drückte sich durch das warme Gehirn – die Trauerkerzen brannten (schien es ihr) trüber und trüber – dann sah sie im Winkel des Zimmers eine schwarze Wolke spielen und aufwachsen – dann fing die Wolke zu fliegen an und stürzte voll herausquellender Nacht über ihre Augen – dann schlug die dicke Nacht tiefe Wurzeln in den wunden Augen, und die erschrockne Seele konnte nur sagen: "Ach Bruder, ich bin blind."
Nur der harte Mann, aber kein Weib wird es fassen, dass in Roguairols entsetzlichen Schmerz einige ästetische Freude über das mörderische Trauerspiel eindrang. Julienne schied vom Toten und von dem alten Schmerze und warf sich mit dem neuen an ihren Hals und klagte: "O meine Liane, meine Liane! siehst du noch nicht? – Sieh mich doch an!" – Der zerrissene und zerreissende Bruder führte die Schwester, der nur einzelne Tropfen als kaltes hartes wasser auf die blassen Wangen schlugen, mit der scharfen Frage fort: "Schwirret kein Würgengel mit roten Fittichen durch deine Nacht, wirft er keine gelbe Nattern auf dein Herz und keine Schwertfische in deine Nervengewebe, damit sie sich darin verstricken und an den Wunden die Sägezähne wetzen? – Mir ist wohl in meiner Pein, solche Disteln kratzen uns, nach guten Moralisten, auf43 und bereiten uns zu. – – Du jammervolle Blinde, was sagst du, hab' ich dich wieder recht elend gemacht?" – "Wahnsinniger," sagte Julienne, "lassen Sie nach, Sie bringen sie um." – "O was kann er dafür;" (sagte Liane) "die Migräne machte mir es schon vorhin neblicht." –
Der Abschied der Freundinnen wurde