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Galerie mit der artistischen Kälte des Galerieinspektors und Anatomikers machte und mehr seine Kenntnisse zu zeigen als zu bereichern suchte: so nahm doch der unerfahrene Jüngling alles mit einer tauben und blinden Entrüstung auf, die ich mit nichts, nicht einmal mit der Gegenwart der Prinzessin zu verteidigen weiss, um so mehr, da erstlich diese ihre Seele nur zwischen der Gipsbüste und deren Kopie arbeitend teilte und da zweitens in unsern Tagen Damenuhren und Fächer (wenn sie geschmackvoll sind) Gemälde tragen, gegen die Albano wieder Fächer nehmen würde. Die zwei Flammen des Zorns und der Scham überdeckten sein Angesicht mit einem glühenden Widerscheine; aber sein unbehülflicher Trotz kontrastierte gegen die Gewandteit des Lektors, der mit seinem kalten, ebenso bestimmten als leichten Tone Selbstständigkeit bewahrte und Reinheit schützte. "Sie gefallen mir alle nicht," (sagt' er barsch) "ich gäbe sie für ein einziges Gewitter von Tempesta weg." Luigi lächelte über sein schülerhaftes Auge und Gefühl. Als sie in das zweite Bilder-Zimmer traten, hörte Albano die Prinzessin fortgehen. Da ihm dieses Gemach mit noch mehrern zerrissenen Vorhängen des Allerunheiligsten drohte: so nahm er seinen Abschied ohne sonderliche Zeremonie und ging ohne den Lektor zurück, der heute vorzulesen hatte.

Nie fasste Schoppe seine pulsierende Hand herzlicher an als diesesmal; der Anblick eines verschämten Jünglings ist fast holder (seltener zumal) als der einer verschämten Jungfrau: jener erscheint weiblich-sanfter, wie diese männlich-stärker durch das zugemischte Zürnen der Tugend. Schoppe, der wie Pope, Swift, Boileau Heiligkeit des Geschlechts mit Zynismus der Kleidung und Sprache zusammenzwang, leerte die grössten Zornschalen über jede Libertinage aus und fiel als eine satirische Bellona die besten freien Leute an; dasmal aber nahm er sie mehr in Schutz und sagte: "Die ganze Gattung liebt fremde Schamröte entschieden und bekämpfet sie lieber als Schamlosigkeit, so wie (und aus einerlei Gründen) Blinde die Scharlachfarbe vorziehen. Man kann sie den Kröten vergleichen' die den kostbaren Krötenstein (ihr Herz) auf kein anderes Tuch wie auf ein rotes setzen."

Der Lektor, der bei aller Reinheit und Zucht doch dem Scarron ohne Bedenken an der Ode auf das Gesäss einer Herzogin hätte schreiben helfen, wussteals er die Flucht des Grafen behandeln wolltegar nicht, wie ihm geschah, als ihn dieser mit einigem Rosenessig ansprengte und sagte: "Der Vater liegt dem schlechten Menschen auf dem Brette, und ihm liegt eines vor der eisernen Stirn: o der Schlechte!" – Allerdings hatte die physische und moralische Nähe der zwei schönen weiblichen Herzen und die Liebe dafür den Grafen am meisten gegen Luigis artistischen Zynismus empört. Der Lektor versetzte bloss: "er werde bei dem Minister und überall dasselbe hören; und seine falsche Delikatesse werde sich schon noch geben." – "Die Heiligen" (fragte Schoppe) "wohnen nur auf, nicht in den Palästen?" Froulays seiner trug nämlich auf seiner Platteforme einen ganzen Kordon von steinernen Aposteln; und auf einer Ecke stand eine Marienstatue, die zwischen lauter Dächern aus Sphexens haus zu sehen war.

Junger Zesara! wie jagt dir diese marmorne Madonna Blutwellen durchs Gesicht, gleichsam die Schwester deiner schönern, oder die Schutz- und Hausgöttin derselben! – Aber er beschleunigte den Eintritt in dieses Lararium seiner Seele, die Abgabe des väterlichen Empfehlungsschreibens, mit keinem Laute aus Scheu des Argwohns: so viele Fehltritte tut der Gute schon im Heidenvorhofe der Liebe; wie soll er im Weibervorhofe bestehen, oder im finstern Allerheiligsten fussen?

32. Zykel

Der Hof liess jetzt (er konnte vor Schmerz nicht sprechen) ausschreiben, dass der tote Nestor mit tod abgegangen. Ich setze hier den Jammer der Stadt samt der Freude derselben über die neue Perspektive beiseite. Der Landphysikus Sphex musste den Regentenanstatt dass man uns Untertanen gleich Schnepfen und Grundeln mit dem ganzen Eingeweide und Gescheide auf die Tafel des Gewürms serviertwie ein grosses Tier ausweiden. Abends ruhte der Erblasste auf seinem Paradebette ausder Fürstenhut und der ganze elektrische Apparat des Trondonners lag ebenso ruhig und kalt neben ihm auf einem Taburett –; er hatte die gehörigen Kerzen und Leichenwächter um sich. Diese Toten-Schweizerder Klang frappiert mich, und ich sehe jetzt die Freiheit auf dem Paradebette der Alpen liegen und die Schweizer wachenbestehen bekanntlich aus zwei Regierungsräten, zwei Kammerräten und so fort. Der eine Kammerrat war der Hauptmann Roquairol. Es kann hier nur einschaltungsweise berührt werden, wie dieser Jüngling, der vom Kamerale fast nicht mehr verstand als ein Kammerrat im **hischen, doch zu einem Rate in Kriegssachen darin aufstiegnämlich wider seinen Willen durch den alten Froulay, der (an sich eben kein sentimentalischer Herr) dem alten Fürsten immer die Jugenderinnerungen auffrischte und auffärbte, weil man in dieser weichen Laune von ihm erbetteln konnte, was man wollte. Wie hässlich und niedrig! So kann ein armer Fürst kein Lächeln, keine Träne, kein freudiges Bild haben, woraus nicht irgendein Hofprezist, ders sieht, einen Türgriff arbeitet, sich etwas zu öffnen, oder einen Degengriff zum Verwunden; keinen laut kann er von sich geben, den nicht ein Weidmann und Wildrufdreher zum Mundstück und Wildruf verbrauche. –

Julienne besuchte abends um 9 Uhr das einzige Herz, das am hof wie ihres und für ihres schlug, ihre gute Liane. Diese bot gern ihrer anfangenden Migräne die Stirn und suchte nur fremde Schmerzen zu fühlen und zu stillen. Die Freundinnen, die vor fremden Augen nur Scherze und voreinander