zwölfmal hinaus und lachte den freien Himmel an und beleidigte (– sich und andre nie –) die Oberhofmeisterin stets. Sie erzählte nun dem Grafen (indem sie aus Nervenschwäche und Lebhaftigkeit immer stärker lächelte und schneller sprach), wie ihr lieber schwacher, mehr kindlicher als kindischer Vater, dessen alten Lippen und entkräfteten Gedanken nur noch nachgelallte Gebete möglich waren, sich mit einem eisgrauen mystischen Hofprediger in Lilar ins Betzimmer eingeschlossen (ein graues Haupt verbirgt sich gern, eh' es verschwindet, und sucht wie Vögel einen dunkeln Ort zum Entschlafen) – und wie sie und das fräulein von Froulay (Liane) dem halbblinden mann abwechselnd Gebete vorgelesen und gleichsam die Abendglocke der Andacht vor dem müden schlaftrunknen Leben angezogen. Sie malte, wie er in diesem Vorhofe der Gruft alles Geliebte überlebt oder vergessen habe, wie er immer nach ihrer Mutter gefragt, deren Sterben ihm stets von neuem entfallen, und wie das verdunkelte Auge jede Tageszeit für einen Abend und daher jeden Fortgehenden für einen, der schlafen gehen wolle, genommen habe.
Wir wollen nicht zu lange auf diese späte Zeit des Lebens blicken, wo sich die Menschen wieder als Kinder für die längere Wiege des Grabes verkürzen; und wo sie gleich den abends schlafenden Blumen unkenntlich sind und einander früher als im tod gleich werden.
Besonders dem Lektor war wie allen Hofleuten schlecht mit diesen Funeralien gedient; auch wollt' er gern die Hiobskrankheit ihres Klagens durch Versetzung heilen und führte sie näher zu Lianen. Aber eben, indem sie den Anteil und die Opfer dieser Freundin beschrieb und indem ihr wieder die lange weinende Umarmung erschien, worin Liane sie und den Schmerz gleichsam fest an sich geschlossen hatte, so kehrte jeder dunkle schwere Blutstropfe, den die kräftigen Pulsadern fortgetrieben hatten, wieder in das Herz zurück, und sie hörte auf, zu malen, sowohl diese geschichte als den Kopf.
Die beiden Freundinnen waren keine solche, die sich den Kuss durch zwei Flöre hinauslangen, oder die einander abzuherzen wissen ohne die kleinste Quetschwunde der Frisur, oder deren Liebesmahl sich jedes Jahr, wie das Abendmahlbrot jedes Jahrhundert, leichter und dünner bricht: sondern sie liebten sich innig mit den Augen, mit den Lippen, mit dem Herzen, wie zwei gute Engel. Und wenn vorher die Freude ihren Erntekranz nahm und ihn für sie zum Trauring der Freundschaft machte: so versuchte jetzt der Gram mit seinem Stachelgürtel dasselbe. – Ihr guten Seelen! mir ist es ganz leicht denklich, wie ein so reiner glänzender Seelenbund das Herz eures Freundes Albano zugleich peinlich ausdehnt und selig erhebt, wie die ärostatische Kugel zugleich zerstörend schwillt und steigt. Für Lianens Einzug standen ohnehin schon geschmückte Ehrenpforten in seinem inneren in die Höhe!
Inzwischen hätte ein Fremder ohne diese meine Feder, oder auch ich ohne den Lehnpropst Hafenreffer, nichts am sprechenden Grafen merken können als ein irres Glühen im Gesicht und schnelle Worte.
31. Zykel
Auf einmal tritt in diese Schilderungen und Genüsse der Tronfolger, oder vielmehr der Nachwinter des kalten Greises ein, Luigi. Mit einem flachen Schnitzwerke des schwammigen Gesichts, auf dem sich nichts ausdrückte als der ewige Missmut der LebensVerschwender, und mit einigem reifen Grauwerke auf dem kopf (als Vorläufer der Weisheitszähne) und mit der unfruchtbaren Superfötation eines voluminösen Unterleibes ging er mit der grössten Höflichkeit auf Albano zu, in der ein flacher Frost gegen alle Menschen vorstand. Er stäubte sogleich mit der Kleie von leeren schnellen unähnlichen fragen um sich und eilte stets; denn er hatte fast noch mehrere Langweile, als er machte, wie sich überhaupt für keinen das Leben so widrig verlängert als für den, der es verkürzet. Luigi war durch die Erde so schnell wie durch ein Puderstübchen gelaufen und war wie in diesem gehörig grau geworden; die Milchgefässe seines äussern und inneren Menschen hatten sich, weil sie Sahneoder Rahmgefässe sein sollten, eben deswegen in Giftgefässe und Leidensbecher verkehrt. Sooft ich vor einer gemalten Fürsten-Suite in einem Korridor vorbeigehe, so verfall' ich stets auf mein altes Projekt und sage ganz überzeugt: "Vermöchten wir nur wie die Sparter und alle ältere Völker es durchzusetzen, dass wir einmal einen Regenten gesund auf den Tron hinaufbrächten: so hätten wir einen guten obendrein, und alles ginge. Aber ich weiss, es sind die zeiten nicht dazu. Sündlicherweise assistieren nur bei der Tortur, nicht bei der Freude Chirurgen und Ärzte, die auf den Grad der Freude wie der Folter und auf die unschädlichen Stellen genau hinweisen."
Albano, fremd vor und in dieser Menschenklasse, sah anfänglich die Kluft zwischen sich und Luigi flacher gegraben, als sie war; bloss unbehaglich und drückend wurde' es ihm, wie gewissen Leuten, wenn ohne ihr Wissen eine Katze im Zimmer ist. Die fortgehende moralische Entkräftung und Verfeinerung wird alle unsere Aussenseiten noch so absäubern und ausgleichen – und zwar nach demselben gesetz, wornach physische Schwächung die Hautausschläge zurückjagt und in die edlern Teile verweiset –, dass wahrhaftig ein Engel und ein Satan zuletzt in nichts zu unterscheiden sind als im Herzen. – Alban brachte schon von Wehrfritz, den er immer die Rechte der Landschaft gegen den Fürsten verfechten hörte, Abneigung gegen den Nachfolger mit; desto leichter entbrannte in ihm ein moralischer Grimm, da Luigi sich gegen die Bilder kehrte und die Vorhänge oder Bergleder von einigen der indezentesten wegzog, um ihren artistischen Gehalt nicht ohne Geschmack und Kenntnis auszuwägen. Eine kopierte Venus von Tizian, auf einem weissen Tuche liegend, war nur die Vorläuferin. Obgleich der unschuldige Erbprinz die voyage pittoresque durch diese