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, im Kampanertal erhielt ich leider einen Brief über die immer heftiger wiederkommenden Asphyxien deiner Schwester, er war am Karfreitage geschrieben und setzte ihren Tod schon als ausgemacht voraus. Auch bin ich darauf gefasset. Desto mehr frappierte mich deine Nachricht vom Gaukler der Insel, der den Propheten spielen wollen. Eine solche Weissagung setzt irgendeinen Anteil voraus, dem ich in Spanien näher nachspüren muss. Ich glaube den Betrüger schon zu kennen. – Sei an deinem Geburtstage vorsichtig, bewaffnet, kalt und kühn und halte womöglich den Jongleur fest; gib dir aber kein ridicule durch Sprechen darüber. – Dian ist in Rom und arbeitet recht brav. – Lege Hoftrauer für den lieben alten Fürsten an aus gefälligkeit. Addio! –

G. de C."

"Ach teuere Schwester!" seufzte er innig und zog ihr Medaillon heraus und sah weinend die Züge eines ihr versagten Alters an und las weinend die widerlegte Unterschrift: Wir sehen uns wieder. Jetzt da sich ihm das Leben lachend und weit aufschliesset, ging es ihm viel näher, dass das Schicksal die Schwester so eng bedeckt; ja der harte Gedanke kam dazu, ob er nicht Schuld an ihrem Verschwinden habe, da seinetwegen der fürchterliche Zahuri der Insel vielleicht eine opfernde Gaukelei getrieben; sogar der Umstand, dass sie seine schwächliche Zwillingsschwester war, wurde ein Schmerz. – Allein kämpfend standen jetzt die Gefühle in seinem geist wie auf einem Schlachtfelde gegeneinander. Welches Schicksal zieht mir entgegen! dachte' er. "Nimm die Krone!" hatte jene stimme gesagt; – "welche?" fragte aufstehend sein ruhmdurstiger Geist und untersuchte kühn, ob sie aus Lorbeeren oder Dornen oder Metallen bestehe. – "Liebe die Schöne!" hatte sie gesagt; aber er fragte nicht: "welche?" – nur hatte' er, seitdem der Vater des Todes seinen Namen und seine Glaubwürdigkeit fürchterlich zu bewähren schien, die Furcht, dass die angekündigte stimme in der Himmelfahrts- und Geburtsnacht einen andern Namen nenne als den geliebtesten.

Abends, nachdem die drei Ankömmlinge ihre häuslichen Einrichtungen, die aus dem wellenschlagenden Albano noch immer nicht den vervielfältigten Zauberglanz der Lindenstadt wegbrachten, hinter sich hatten, führte der Lektor den Grafen zum Erbprinzen Luigi. Dieser kopierte täglich eine halbe Stunde lang im Bilderkabinett; und beschied beide dahin zum Warten auf ihn. Sie gingen hinein. Ein andrer als ich würde hier der Welt einen räsonnierenden Küchenzettel aller Schaugerichte des Kabinetts zustellen; aber ich mag sie nicht einmal mit den 17 Gemälden beschenken, über deren Reizen jene seidnen Tändelschürzen oder Schleier hingen, die in Paris eine Dame gern von ihren eignen abheben würde, um nur damit verschämt das Kunstwerk zu bedecken. Man kann leicht denken, dass unserm Alban im Bilderkabinett das mütterliche41 einfiel und dass er gern an jedem Nagel gerükket hätte, wäre niemand dagewesen.

Aber die Prinzessin Julienne war da, die er (und wir alle) noch recht gut von Blumenbühl her kannte, wie sie ihn. Sie war zwar voll junger Reize, aber man fand diese doch nicht eher, als bis man ein paar Tage vorher sehr in sie verliebt gewesen wardas machte sie darauf jede Minute hübscher, wie denn überhaupt Amor mehr der Vater als der Sohn der Huldgöttin ist, und sein Köcher das beste Schmuckkästchen und die reichste Toilettenschachtel, und seine Binde das beste mouchoir de Venus und Schminkläppchen, das ich kenne.

Sie zeichnete gerade den Gipsabguss eines schönen alten Kopfs, der dem Grafen gleichsam aus dem Antikenkabinett seiner Erinnerung geholt zu sein schien und dem sein wallendes Herz recht liebend entgegenfloss; aber er entsann sich des Urbilds nicht. Endlich sagte Julienne, die Etikette verschmähend, recht gutmütig und aufblickend: "Ach lieber Augusti, mein Vater ist verschieden in Lilar." Das Wort Lilar kolorierte plötzlich in Albano das bleiche Gedächtnisbildvöllig wie diese blasse Büste sah im Mondscheine der alte Mann aus, der in jener dichterischen Sommernacht Zesarens hände auf dem Berge zum Gebet zusammenlegte und sagte: "Gehe schlafen, lieber Sohn, eh' das Gewitter kommt." Ein andrer hätte sich nun nach dem Namen der Büste erkundigt und erst dann die nächtliche Historie entdeckt; aber der Graf tat im Feuer bloss das letztere, nach einem kurzen Warten auf das Auslaufen des Gesprächs. Augusti wollte ihn, als er die ihm fremde geschichte der Bekanntschaft mit dem Urbilde anhob, sorgend unterbrechen; aber Julienne gab ihm einen Wink, ihn zu lassen; und der Jüngling teilte treuherzig der teilnehmenden Seele das schöne Zusammenkommen gerührt und brennend mit und wurde beides noch mehr, als ihre Augen überflossen in ihr Lächeln. – "Es war mein Vater, das ist sein Abguss!" sagte Julienne weinend und freudig; Albano schlug nach seiner Art mit seufzender Brust die hände vor der Büste zusammen und sagte: "Du edle, herzlich geliebte Gestalt!" und sein grosses Auge schimmerte von Liebe und Trauer.

Die gute weibliche Seele wurde von einer so unhöfischen Teilnahme fortgerissen, und sie überliess sich ganz ihrem angebornen Feuer. Das weibliche und das höfische Leben ist zwar nur die längere Strafe des GewehrtragensOberhofmeisterinnen sind, wie es nach dem Modelle der Jaherren Neinherren gibt, wahre Neinfrauendie siebenfarbige Kokarde der heitern tanzenden Freiheit wird da abgerissen oder läuft schwarz an von der Hoftrauerjeder weibliche Lustain ist ein unheiligerFataleres kenn' ich nichts – – – aber die kraushaarige Julienne brach, mir nichts dir nichts, durch das ewige Gefängnis bei süssem Brote und gebranntem wasser des Tages wohl