gar nicht stirbt, so haben wir Gott zu danken, dass wirs überhaupt erfahren und dass es nicht mit dem tod desselben wie mit dem tod des ebenso unsterblichen Voltaire geht, den die Pariser Journalisten gar nicht melden durften."
Van Swieten und Boerhaave und Galenus brachten nach langem Ausbleiben einen Brief an – Albano mit Gaspards Siegel; er riss ihn jugendlich-arglos auf ohne einen blick auf den Umschlag; aber der Lektor nahm diesen in die Hand und drehte ihn wie ein Postsekretär, Heraldiker und Siegelbewahrer nach seiner Gewohnheit zur Visitation sphragistischer Wunden herum und schüttelte über die schlechte Erneuerung des Briefadels, d.h. des Wappens, leise den Kopf. "Haben die Jungen etwas am Siegel verletzt?" sagte Sphex. "Mein Vater" (sagte lesend Albano, um eine bis nach aussen reichende Erschütterung zu überdekken, worein ein Flug schwerer Gedanken plötzlich alle seine inneren Zweige setzte) "weiss den Tod des Fürsten auch schon." Da schüttelte Augusti noch mehr den Kopf; denn da sich vorhin Sphex vom Briefe auf einmal auf das fürstliche Sterben versprang, so setzte dieser Sprung fast die Lesung des erstern voraus. Der Leser ziehe sich hiervon die Regel ab, dass er über die Entfernung zweier Töne, zwischen welchen die Leute vor ihm hüpfen, stutzen und daraus auf den Leitton zwischen beiden raten müsse, den sie verstekken wollen.
Für den Grafen war es jetzt recht gut, dass der Doktor den Hofmeistern ihre Zimmer anwies; ach seine vom heutigen Tage schon schwankende Seele wurde jetzt so heftig vom Inhalte des Briefes erschüttert!
29. Zykel
Als Sphex dem Bibliotekar die stube auftat, war solche schon besetzt von einer Kiste (auch aus Italien angelangter) Vipern, von 3/4 Zentner Flachs, einem bleichen Reifrocke und von drei durchbohrten Seidenschuhen der Doktorin samt einer Weife und einem Vorrate von Kamillenkraut; das medizinische eheliche Paar hatte gedacht, das pädagogische niste beisammen. Aber Schoppe versetzte recht gut und fast mit einiger Ironie gegen den vornehmer traktierten Augusti: "Je kräftiger und geistreicher und grösser zwei Menschen sind, desto weniger vertragen sie sich unter einem Deckenstück, wie grosse Insekten, die von Früchten leben, ungesellig sind (z.B. in jeder Haselnuss sitzt nur ein Käfer), indes die kleinen, die nur von Blättern zehren, z.B. die Blattläuse, nesterweise beisammenkleben." – Zesara hätte allerdings an seinem unersättlichen Herzen den Geliebten, den ihm das Geschick darangelegt hätte, unaufhörlich in jeder Lage und Stunde wie einen Waffenbruder behalten wollen; aber Schoppe hat recht. Freunde, Liebende und Eheleute sollen alles gemein haben, nur nicht die stube; die groben Forderungen und die kleinlichen Zufälle der körperlichen Gegenwart sammlen sich als Lampenrauch um die reine weisse Flamme der Liebe. Wie das Echo immer vielsilbiger wird, je weiter unser Ruf absteht, so muss die Seele, aus der wir ein schöneres begehren, nicht zu nahe an unsrer sein; und daher nimmt mit der Ferne der Leiber die Nähe der Seelen zu.
Der Doktor liess seine lauten Kinder als einen ausräumenden Strom in die Augiasstube laufen; er aber ging wieder zum Trommler hinunter, mit dem es nach seiner Erzählung diese Bewandtnis hatte: Sphex hatte schon vor mehrern Jahren besondere Vermutungen über die Fett-Absonderung und den Durchmesser der Fett-Zellen in einem Traktate gewagt, den er nicht eher herausgeben wollte, bis er die anatomischen Zeichnungen dazu konnte stechen lassen, mit denen er auf die Sektion und Ausspritzung des dasitzenden Trommlers wartete. Diesen kranken, einfältigen, schlaffen Menschen, Ma: mit Namen, hatte' er vor einem Jahre, als sich einige Fett-Augen auf ihm ansetzten, unter der Bedingung in die Kost genommen, dass er sich zerlegen liesse, wenn er verstorben wäre. Zum Unglück findet Sphex seit geraumer Zeit, dass der Kadaver täglich abfället und eindorret aus einem Aale zu einer Hornschlange; und es ist ihm unmöglich, herauszubringen, was es macht, da er ihm nichts Aussaugendes zulässet, weder Denken noch Motion noch Passionen, Empfindsamkeit, Essig noch sonst etwas.
Die Trommel muss der Kadaver – da er ebenso hartörig als hartsinnig ist und schon darum keine Vernunft annimmt, weil er keine hört – immer umgehangen tragen, weil er unter ihrem Rühren besser vernimmt, was sein Broterr und Prosektor an ihm aussetzt40. – Der Doktor filzte ihn nun drunten – Schoppe hörte zum Fenster hinab – so aus: "Ich wollte, der Teufel hätte lieber Seinen verdammten seligen Vater geholet, als dass er gestorben wäre. Er schiesset ja über Sein Lamentieren ein wie Soldatentuch und weckt ihn doch nicht auf, und wenn Er sich die Nase wegweinte. Besser getrommelt, Kahlmäuser! – Weiss Er denn nicht, Schuft, dass Er mit einem andern einen Kontrakt gemacht, ins Fett zu wachsen, so gut Er kann, und dass man den Brotdieb kostbar ernährt, bis er brauchbar wird? – Andere würden gern fett, wenn sie's hätten. – Und Ihr! – Redet, Strick!" Malz liess die Trommelstöcke unter die Schenkel niederklappen und sagte: "Sie haben recht Seine Not mit mir – es ist kein rechter Segen bei unserm Schmalz – und darüber mergelt sich unsereiner im stillen ab. – Meinen Vater sel. schlag' ich mir wahrhaftig aus dem kopf, er mag mir einfallen, wenn er will."
30. Zykel
Der väterliche Brief, der Albanos Seele in allen ihren Fugen erschütterte, lautet übersetzt so: "Lieber Albano