1800_Jean_Paul_052_49.txt

Sonne, loderte ein Leuchtregen nieder. O wenn der Morgenwind der Jugend weht: so steht die innere Merkuriussäule hoch, gesetzt auch, das äussere Wetter wäre nicht das beste.

Wenige von uns werden, da sie die Akademie bezogen, mit ihren Pferden in ein so labendes Getümmel geraten sein wie mein Held; Schlotfeger sangen oben aus ihren Kanzeln und schwarzen Höhlen herunter, und ein Bauredner auf dem Satteldache eines neuen Hauses besprach droben sehr die künftige Feuersbrunst und dämpfte eine eigne und schleuderte den gläsernen Feuereimer weit über das Gerüste; ja sind wir mit ihm auch durch die lachende Kirchengemeinde des Dach-Sprechers geritten und durch die Armreihen blühender Musensöhne, worunter Alban das feurige Auge nach seinem Roguairol herumdreht: so stossen wir doch vor seiner künftigen wohnung auf ein neues Geschrei.

Es machts der Landphysikus Sphex, sein Mietsherr, der ihm den halben Palast (denn der Doktor ist begütert durch Kuren) absteht, weil das Haus gerade auf der Bergstadt oder dem Westmünster des Hofes liegt; denn in der Talstadt hausen die Studenten und die city. Der kurze untersetzte Doktor Sphex stand, als das Kleeblatt anritt, neben einem langen Menschen, der auf einer Steinbank sass und zwei Klöppel über eine Kindertrommel in Bereitschaft hielt. Auf ein Zeichen von Sphex schlug der Lange auf seiner Trommel einen schwachen Wirbel, und der Doktor sagte gelassen zu ihm: "Strauchdieb!" Ob sich gleich Sphex ein wenig gegen die lauten Reiter umdrehte, so liess er doch bald im Wirbeln fortfahren und sagte: "Range!" – musst' aber unter dem letzten Schlage nur eilig einschalten: "Racker!"

Die Reiter sassen ab, der Doktor führte sie ohne Zeremonie ins Haus, nachdem er dem Trommler einen Wink mit der Hand gegeben, sich nicht zu regen. Er machte ihnen ihre vier oder zwölf Pfähle auf und sagte kalt: "Treten Sie in Ihre drei Kavitäten." Albano zog aus dem warmen Glanze des Tages in den kühlen purpurnen Erebus seines rotverhangnen Zimmers wie in einen Bildersaal malender Träume ein, gleichsam in die Silberhütte für das dunkle Bergwerk des Lebens. Er fand darin die geöffnete Hand seines reichen Vaters von den Bildern des Fussteppichs an bis zu den Alabasterstatuen der Wand; und im Kabinett traf er unter den Gaben seiner Pflegeeltern alle seine nachgeschickten dichterischen und philosophischen Studienbücher, holde Reflexe aus der stillen, ihm durch die Reise weit entrückten Jugend, an, in deren Nelkenscherben nur Konkordien floriert hatten, indes jetzt Feuerfaxe gesäet werden. Da warf, nicht die Göttin der Nacht den Mantel, sondern die Göttin der Dämmerung den Schleier über sein Auge und liess im Helldunkel die Gestalten der Zukunft, manche bewaffnet, manche bekränzt, einen Trupp aus Parzen und Grazien, an seinem Herzen, das bisher so ruhig war, hände und Hebel ansetzen, und sein Herz wurde weich und locker – – auf drei Minuten: wahrhaftig ein Jüngling, zumal dieser, hat die Seestürme, die den Maler, die arbeitenden Vulkane, die den Physiker, die Kometen, die den Astronomen erfreuen in der physischen Welt, ebenso lieb in der moralischen.

Albano, jetzt von Lianen nur durch Gassen und Tage getrennt, fürchtete sich fast, dass seine träumerischen Entzückungen ihr Ziel verrieten. "Sind Briefe da?" fragte der Lektor nach seiner für Bürgerliche abbrevierten kecken Manier. "Hol ihn herauf, van Swieten!" sagte Sphex zu einem Söhnchen, das mit zwei andern, Boerhaave und Galenus genannt, bisher eine korrespondierende Entzifferungskanzlei der neuen Mietsleute hinter einem Vorhange gemacht hatte. "Unser alter Herr" (setzte Sphex auf einmal dazu, als häng' es mit dem Briefe zusammen) "hat auch ausgeherret; seit fünf Tagen ist er maustot, wie ich längst vorausgesagt." – "Der alte Fürst?" fragte erstaunt Augusti. "Aber warum werde' ich noch nichts von Trauergeläute, schwarz-angelaufnen Schnallen, Tränentöpfen und Jammer in der Stadt gewahr?" fragte Schoppe.

Das erklärte der Physikus. Er hatte nämlich als Leibarzt die Sterbensterzie des alten Fürsten kühn genug geweissagt und glücklich getroffen. Allein da gerade einen Tag nach dem Trauerfalle der Erbfolger Luigi in Pestitz einziehen wollte und da die Publikation des hohen Todes die ganze für den Sohn eingeölte Illumination ausgegossen hätte mit Tränentöpfen und die geblümten Ehrenpforten verhangen mit Trauerflor: so hatte man, bevor der Nachfahrer empfangen war, obwohl zum grössten Schaden des prophetischen Sphex, die Sache nicht wollen laut werden lassen, so wie jener Grieche bei der Todespost seines Sohnes die Trauer erst auf die Vollendung seines frohen Opferns verschob. Sphex beteuerte, schon vor vielen Jahren hab' er dem Höchstseligen aus den weissen Zähnen39 die Nativität der Schwindsucht gestellt und nie die Todesstunde besser getroffen als dasmal; er lasse aber jeden selber beurteilen, ob ein Arzt, der seine Prophezeiung überall kundgegeben, viel Seide spinne bei einer solchen politischen Unterschlagung. – "Aber" (versetzte Schoppe) "wenn man verstorbene Herren, gleich ihren toten Soldaten, noch als lebendige in der Liste fortführt: so kann man fast nicht anders; denn da es bei Grossen überhaupt so verdammt schwer zu erweisen ist, dass sie leben, so ist es auch nicht leicht auszumitteln, wenn sie tot sind; Kälte und Unbeweglichkeit und Fäulnis beweisen zu wenig. Doch mag man vielleicht königliche Sterbebetten, wie die Perser königliche Gräber, auch darum verstecken, um den armen Landeskindern den herben Zwischenraum zwischen dem tod und der neuen Huldigung möglichst abzukürzen. Ja da nach der Fiktion ein König